Königskinder am Bettelstab?

18. Februar 2008, 16:02
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Wie aus fröhlichen "Sternsingern" lustlos tönende Minderjährige mit plombierten Blechbüchsen wurden - Von Psychotherapeut Leo Prothmann

Wie Minderjährige "im Dienste der guten Sache" Geld einsammeln: Katholische Brauchtumspflege aus der Sicht eines Ex-Priesters - Von Leo Prothmann*

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In der Bundeshauptstadt Wien denkt man, laut Presseberichten, zu Recht darüber nach, das Betteln von Kindern zu unterbinden. Dies nämlich habe, so liest man, in letzter Zeit überhandgenommen: Immer öfter werden Kinder auf die Straße geschickt, weil sie "reizender" anzusehen sind als bettelnde Erwachsene. Arme Kinder rühren uns mehr - selbst wenn sie aus den Oststaaten kommen.

Tausende Kinder zum Betteln geschickt

In den Tagen um den 6. Jänner werden alljährlich auch tausende österreichische Kinder zum Betteln ausgeschickt. Viele Politiker und selbst der Bundespräsident lassen sich gern und lächelnd mit den als Bonsai-Könige verkleideten Buben und Mädeln fotografieren, das Fernsehen präsentiert sie, und fast jede Zeitung bringt die "süßen" Fotos: Seht nur, die Sternsinger sind wieder unterwegs. Mehr als 80.000 Kinder und Jugendliche hätten in diesen Tagen im Dienst der guten Sache gestanden, notierte das Salzburger Stadtblatt. - Gab es nicht auch einmal eine Zeit, in der man Kinderarbeit für eine "gute Sache" hielt?

Spaß am Verkleiden

Als sich auf dem Land der Brauch des sogenannten "Sternsingens" entwickelte, geschah das unorganisiert und spielerisch: Kinder bekamen für ihre Lieder kleine Geschenke und Leckereien, die sie behalten durften. Sie hatten ihren Spaß beim Sichverkleiden und freuten sich über die Anerkennung - weil sie meist auch tatsächlich singen konnten. Was man dagegen heute an der Haustür über sich ergehen lassen muss, schmerzt beinahe körperlich. Zum Glück währt es in der Regel nicht lang, weil einer der "Könige" bereits ungeduldig und lustlos mit der plombierten Geldbüchse scheppert.

Brauch für "gute Zwecke"

Das kam offenbar so, weil erwachsene Christen die schlaue Idee hatten, diesen Brauch für ihre "gute Zwecke" zu nützen - und damit Kinder zu instrumentalisierten Geldsammlern machten, die einen "Erlös" abliefern.

Subtile Ausbeutung?

Hat sich da nicht unter dem Deckmäntelchen der "guten Tat" eine Form von Kindesmissbrauch eingeschlichen, zu dem wir auch noch applaudieren? - Ich habe nichts dagegen, wenn Kinder aus eigenem Antrieb und mit Fantasie etwas gestalten und sammeln, was dann auch ihnen gehört. Solche Bräuche darf und soll man lebendig halten. Aber hier geht es um eine mehr oder weniger subtile Ausbeutung.

Ich war in meinem "früheren Leben" Pfarrer und muss bekennen, dass auch ich diesen Missbrauch damals in meiner Rolle geduldet habe. Allerdings hatte ich nie ein gutes Gefühl dabei - und heute sehe ich das noch um einiges kritischer.

Flexibilität wo es genehm ist

Erstaunlich auch, wie flexibel die Auslegungsbreite bei Bibelgeschichten gehandhabt wird: Wo es den Männern der katholischen Kirche genehm ist, ist man auf nahezu wortgetreue Deutung bedacht: Jesus hat Männer zu Aposteln berufen, also haben Frauen keinen Zutritt zum Priesteramt.

Betagte Männer

Die "Weisen aus dem Morgenland" aber waren keine Kinder, sondern betagte Männer! "Magier", die des Nachts den Blick gen Himmel erhoben, um sich von den geheimnisvollen Mächten der Gestirne einen Weg zeigen zu lassen: Mächtige "Könige", die zum "Haus des Kindes" hinfinden wollten. Eine solche Lebenshaltung ist den Kardinälen und Bischöfen in ihren prächtigen Gewändern wohl völlig fremd? Denn wäre es nicht eigentlich ihre Aufgabe, "aus dem Morgenland" kommend - jenem Ort, an dem zuerst das Licht erstrahlt -, an die Türen der Häuser zu klopfen?

Und anstatt die kleinen Stellvertreter mit großem Gestus zu segnen, um dann das gesammelte Geld in Empfang zu nehmen, könnten sie sogar dem einen oder anderen Kind etwas bringen. - Dazu müssten sie sich nicht einmal verkleiden. (Leo Prothmann/DER STANDARD Printausgabe 7.1.2008)

*Leo Prothmann ist frei praktizierender Psychotherapeut und Analytiker in Salzburg.
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    Drei Bonsai-Könige "aus dem Morgenlande" beim Oberhaupt der Republik Bundespräsident Heinz Fischer

  • Sternsinger bei Nationalrats-Präsidentin Barbara Prammer

    Sternsinger bei Nationalrats-Präsidentin Barbara Prammer

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