Fast ein "Tristan"

6. Jänner 2008, 18:50
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Das mit großer Spannung erwartete Comeback von Rolando Villazón auf der Bühne der Wiener Staatsoper als Titelheld in Massenets "Werther" wurde zum heftigst bejubelten Publikumserfolg

Wien - Jeder Theaterdirektor braucht einen Schuss Zirkusblut in den Adern. Und jener der Staatsoper könnte einiges davon an so manchen seiner Kollegen abgeben. Umso mehr erstaunt es, dass er für den glänzenden Wiener Neustart von Rolando Villazóns Opernkarriere keine treffsicherere Opernrakete gezündet hat als Jules Massenets Werther.

Irgendwie kann man Léon Carvalho, den seinerzeitigen Direktor der Pariser Opéra Comique, ganz gut verstehen, als er 1887 eine Uraufführung dieser Goethe-Oper mit dem Hinweis ablehnte, die Handlung und die Musik seien ihm zu düster.

Wäre der Titelheld, der am Heiligen Abend aus Liebeskummer Selbstmord verübt, ein frommes Kind der heiligen Orthodoxie gewesen, die am gestrigen Sonntag ihr Weihnachtsfest feierte, so hätte dieser musikalisch und szenisch hinreißend gestaltete "Tristan"-nahe Opernsuizid zumindest das Datum getroffen. Oper ohne Schlager

Man muss nämlich wissen, dass Massenets Werther eine - übrigens 1892 an der Wiener Hofoper uraufgeführte - Oper für Kenner ist. Hier gibt es keine Schlager zu singen. Kein einziges Mal hat das Publikum Gelegenheit, den Sänger nach einer mit einem geglückten Hochton endenden wirksamen Arie auf offener Szene zu feiern. Da mussten Villazón und die übrigen Protagonisten die verdiente finale Umjubelung ziemlich hart erarbeiten.

Das alles vorausgeschickt, ist es nicht zu verwundern, dass das Publikum zunächst einmal seinen Beifall sitzend zollte und seine P. T. Allerwertesten erst nach und nach zu den sogenannten Standing Ovations zu erheben geruhte.

Diese anfängliche Behäbigkeit des Publikums, dessen Begeisterung erst nach und nach auf Touren kam, mag auch in der Intensität ihren Grund haben, mit der Villazón als Titelheld und wohl auch Sophie Koch als Charlotte den Schluss dieses Werkes gestaltet haben.

Auch Elina Garanèa und Marcelo Álvarez ließen es bei der Premiere vor bald drei Jahren an Eindringlichkeit nicht fehlen, doch die am Samstag gestaltete Sterbeszene bewirkte eine allgemeine Beklommenheit, aus welcher die Zuschauer und -hörer wohl erst herausfinden mussten.

Das hat überhaupt nichts mit Realismus zu tun. Handlung und Aktionen ergeben mit dem von Marco Armiliato zu unterschiedlicher Glut angefachten Orchester vielmehr ein sich ständig wandelndes wirklichkeitsfernes Artefakt, mit Rolando Villazón als faszinierendem Zentrum.

Es gibt Leute, die brauchen nicht einmal zu singen. Es genügt ihre bloße Anwesenheit auf der Bühne, und man blickt auf sie.

Dazu zählt Villazón, der zum Glück auch wieder singt. Es sind allerdings nicht die Töne allein, die er im Verlauf der Vorstellung mit zunehmendem Zutrauen zu sich selbst mit steigender Strahlkraft singt, es sind die Gefühle, die er auf geheimnisvolle Weise mitverpackt und deren im Publikum spontan gewecktes Echo seinen persönlichen Erfolg ausmachen.

Auch ist es keineswegs die Handlung, über deren absurde Blödsinnigkeit man heute bestenfalls schmunzelt. Im Grunde kommt es darauf an, wie ein Sänger dieses Umfeld Abend für Abend aufs Neue bewältigt.

Freilich braucht auch ein Star Partnerinnen und Partner, die das anspruchsvolle Niveau auch wirklich mittragen, die durch ordentliche Leistungen das Außerordentliche ermöglichen.

Für solche ist Markus Eiche als Albert, Laura Tatulescu als Sophie und Markus Sramek als Le Bailli zu danken. Und Sophie Koch für eine herausragende Charlotte. (Peter Vujica, DER STANDARD/Printausgabe, 07.01.2008)

  • Rolando Villazón bei seiner glücklichen Rückkehr an die Wiener Staatsoper als Titelgestalt in Jules Massenets "Werther" mit Sophie Koch als Charlotte.
    foto: staatsoper gmbh/axel zeininger

    Rolando Villazón bei seiner glücklichen Rückkehr an die Wiener Staatsoper als Titelgestalt in Jules Massenets "Werther" mit Sophie Koch als Charlotte.

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