Funken, Blitze, Regen

7. Jänner 2008, 13:11
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Netzhautlöcher und Netzhautablösung sind ein Schrecken für Betroffene - im Früh­stadium kann operiert werden, vorausgesetzt man geht rechtzeitig ins Krankenhaus

Plötzlich funkt und blitzt es im Auge. Solche Photopsien, Lichtblitze, sind Frühzeichen für eine Netzhautablösung. "Man sieht kurze Funken aufblitzen", beschreibt Ursula Schmidt-Erfurth, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie, die Symptome.

Die Sehstörungen kommen ganz plötzlich. Dann, wenn sich der Glaskörper, die gelartige Flüssigkeit in der Hinterkammer des Auges, beginnt von der Netzhaut abzuheben.

Risiko Kurzsichtigkeit und Alter

Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung sind von Netzhautablösungen betroffen. Risikogruppen sind ältere Menschen, die nach einer Katarakt-Operation eine Kunstlinse haben, stark Kurzsichtige aller Altersgruppen, Menschen mit angeborenen Veränderungen an Glaskörper oder Netzhaut und an Diabetes oder Gefäßerkrankungen Leidende.

Blitze und Rußregen

Schmidt-Erfurth über das Geschehen im Auge: "Meistens zieht der Glaskörper an der Anheftungsstelle der Netzhaut am Rand, am sogenannten Äquator. Wenn er nur zupft, dann reizt das die Sinneszellen dort, und der Patient sieht Lichtblitze." Aus den Funken können dunkle Flocken werden, wie "Rußregen". Das bedeutet dann, erklärt die Augenspezialistin, "dass der Glaskörper bereits ein kleines Gefäß angerissen hat und kleine Bluttröpfchen im Auge herunterregnen.

Herausgerissenes Gewebe

Dann ist bereits Gewebe ausgerissen. Wenn der Prozess noch weitergeht, sieht man einen dunklen Schatten vom Rand her. Wie ein Vorhang von oben, oder eine Mauer von unten. Dann hat die Netzhaut bereits begonnen, sich flächig abzuheben."

Kleiner Defekt

Wer derartige Symptome auf die leichte Schulter nimmt, riskiert großflächige Netzhautablösungen und aufwändige Operationen. Solange der Defekt nur ein kleines, rundes Schwundloch ist, besteht wenig Gefahr für eine Ablösung. Auch kleinflächige, unkomplizierte "rhegmatogene" Netzhautablösungen lassen sich einfach reparieren.

Laser-Koagulation

Schmidt-Erfurth: "Man wird es mit dem Laser anheften, fixieren. Das tut nicht weh, eine Laser-Koagulation dauert nur etwa zehn Minuten." Beim Lasern werden gezielt kleine Verschweißungen gesetzt, über die sich Netzhaut und versorgendes Epithelgewebe wieder verbinden können.

Erfahrene Operateure

Wesentlich bei Lasereingriffen ist, dass sie erfahrene Operateure durchführen, die Vernarbungen und Folgeoperationen vorbeugen. "Vernarbungen vermeidet man am besten, indem man ganz schonend operiert, möglichst wenig schneidet, möglichst wenig mit dem Kältestab verödet, nur geringe Traumen verursacht.

Je mehr der Arzt unnötig an der Netzhaut manipuliert, umso häufiger setzt er einen Entzündungsreiz", sagt die Netzhautchirurgin. Das gelte auch für die Operation fortgeschrittener Netzhautablösungen.

Narben verhindern

Verwachsungen sind die häufigsten Ursachen für Therapieversagen netzhautchirurgischer Eingriffe. Am AKH Linz wird zurzeit von der jungen Augenärztin Claudia Priglinger ein zell-/molekularbiologisches Labor aufgebaut, das sich unter anderem mit Vernarbungsprozessen beschäftigten wird.

Probleme durch Entzündungen und Vernarbungen

Priglinger, bislang Assistenzärztin an der Universitätsaugenklinik München, wurde kürzlich für ihre Forschungsarbeit über PVR (proliferative Vitreoretinopathie, Verwachsungen zwischen Netzhaut und Glaskörper) mit dem Preis der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft ausgezeichnet: "Noch wissen wir nicht genau, warum einige Vernarbungen bekommen und andere nicht. Wir wissen auch nicht, warum nach einer erfolgreichen Netzhaut-Operation beim einen alles gut geht und sich beim anderen eine Entzündung entwickelt."

Galektine werden erforscht

In Linz werden in Kooperation mit München verschiedene Substanzen, "mit denen man Vernarbungsreaktionen nach Netzhauteingriffen hemmen kann", getestet. Erforscht werden Galektine, ß-galactosid-bindende Proteine, die für das Zellwachstum mitverantwortlich sind. Ihr Wachstum zu beeinflussen ist Ziel der Forschungsarbeit.

Claudia Priglinger: "Ein Subtyp, das Galektin-1, wurde erforscht, es gibt aber noch 13 andere in der Familie. Vier dieser Subtypen werden von den mitverantwortlichen Zellen exprimiert. Wir versuchen festzustellen, wie sie sich gegenseitig beeinflussen und vor allem wie wir sie beeinflussen können."

Zukunftsmusik

Eine Substanz zu entwickeln, "die vom Körper selbst produziert wird", wäre für Priglinger "eine elegante Lösung". Noch sei das vorbeugende Medikament, das man bei einem chirurgischen Eingriff der Spüllösung als generelle Prophylaxe beimengt, "Zukunftsmusik". Netzhautlöcher und Netzhautablösung sind ein Schrecken für Betroffene.
(Jutta Berger, MEDSTANDARD, 07.01.2008)

Wissen

Die Netzhaut oder Retina ist die sensorische Schicht des Auges. Das Nervengewebe kleidet das Augeninnere aus, sorgt dafür, dass Licht in Nervenimpulse umgewandelt wird.

Die innerste Schicht der Netzhaut liegt am Glaskörper, einer gelartigen Masse in der Augenhinterkammer, an. Durch mechanische Veränderungen des Glaskörpers (wie Kunstlinse oder starke Kurzsichtigkeit) können Teile der inneren Netzhaut vom versorgenden Epithelgewebe gelöst werden, in der Netzhaut entstehen Löcher, im schlimmsten Fall großflächige Netzhautablösungen (Ablatio oder Amotio retinae).

Am häufigsten ist die rissbedingte, rhegmatogene Netzhautablösung: Der Glaskörper zieht an den Anhaftungsstellen, Flüssigkeit kann zwischen Netzhaut und Epithelgewebe eindringen. Lokale Ablösungen, "Löcher" lassen sich durch Laserbehandlungen "flicken".

Komplizierter ist die zugbedingte, traktive Netzhautablösung. Bei Diabetischer Retinopathie, Gefäßerkrankungen oder Wundheilungsprozessen bilden sich Bindegewebsmembranen an der Netzhautoberfläche aus, die fest an der Netzhaut kleben, sich kontrahieren und dadurch an ihr ziehen und dazu führen, dass die Netzhaut einreißt. Mikrochirurgische Operationen sind nötig. (jub)

  • Netzhaut mit feinem Nervengewebe: Risse oder Gefäßveränderungen beeinträchtigen die Sicht.
    foto: medstandard

    Netzhaut mit feinem Nervengewebe: Risse oder Gefäßveränderungen beeinträchtigen die Sicht.

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