Das Dorf, das nichts gesehen hat

29. Februar 2008, 11:30
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Vor Unabhängigkeits- Erklärung des Kosovo versucht Mazedonien die Albaner im eigenen Land zu beruhigen - Sechs Tote bei Schießerei in Brodec - Ein Lokalaugenschein

Nach Brodec kommt lange nichts mehr, nur mehr grünbraune Almböden, darüber Schnee und nach sieben Stunden Fußmarsch der Kosovo. Für viele liegt er hier trotzdem näher als Skopje. Aber von Brodec aus kann man ziemlich viel sehen. Etwa, wenn sich ein Auto den Weg durch das Tal herauf in das Bergdorf quält. Dann steht der Notstandsrat schon bereit. Zumindest zwei der 20 Männer. Wie lange es den Rat gibt? "Seit dem 7. November", sagt Harun Rustemi.

Im Dorfcafé – Fliesen, Plastiksessel und ein Fernseher, der alle Augen auf sich zieht – erzählt er, dass der Imam damals so wie immer um fünf Uhr zum Gebet gerufen habe. Um 6.30 Uhr sei dann das Rattern immer lauter geworden. Auf dem Himmel tauchten Helikopter auf. Polizisten sprangen über dem Dorf ab. Es wurde sofort geballert. Die Leute flüchteten in die Keller. Erst zwei Tage später zog die Polizei ab. Zwei Tage, sechs Tote, zwölf Verhaftete später.

Raketenwerfer, Antipanzer- und Personenminen

Das Innenministerium in Skopje geht davon aus, dass man mit den Waffen aus Brodec, die die Polizei damals zwischen der Moschee und dem Café ausbreitete, 650 Kämpfer bewaffnen hätte können. Raketenwerfer, Gewehre, Granaten, Flugabwehrraketen, Antipanzer- und Personenminen waren darunter. Wem denn dies alles gehört habe? "Den vier Erschossenen, die nicht aus dem Dorf sind", sagt einer vom Notstandsrat. "In jedem Dorf hier – egal ob mazedonisch oder albanisch – findest du so viel Waffen wie hier", sagt Ardijan, der Übersetzer, der jetzt auch etwas sagen möchte.

Im Jahr 2001, als in Mazedonien gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Albanern und mazedonischen Sicherheitskräften stattfanden, war Brodec eines der Hauptquartiere der Albanischen Nationalarmee. Nun hat die mazedonische Regierung offenbar Angst, dass albanische Rebellen kurz vor der Unabhängigkeit des Kosovo den mazeodnischen Staat infrage stellen.

Zwölf Verhaftete

Xhelebi Dauti streicht über seine alten Augen. Er mag nicht fotografiert werden, nur seine Söhne wiederhaben und seine Enkelsöhne. Die vier gehören zu jenen zwölf Männern, die die Polizei am 9. November nach Skopje ins Shutka-Gefängnis mitgenommen hat. "Wir wollen sie da herausholen", sagt er. "Denn die Polizei hat sie nur verhaftet, weil sie so tun wollte, als hätte sie die gefunden, die sie in Wahrheit gesucht hat."

"Natürlich ist das politisch, wenn zwölf unschuldige Menschen im Gefängnis sind." Der Bart des Imam ist linealgerade geschnitten, wie seine Antworten. "Aber ich habe nichts gesehen, ich war die ganze Zeit im Keller", sagt Hafezat Dauti, der soeben aus dem Keller der Moschee vom Beten kommt. Denn in der Moschee selbst betet keiner mehr. Die Fenster sind zerschossen, am Boden liegen Glas und Mauerwerk. Der Imam glaubt, dass dies kein Zufall ist.

Albanische Flagge

Am oberen Rand des Dorfes ist ein kleiner Laden. Zwischen den Seifen, Bananen und dem Plastikspielzeug steckt eine kleine albanische Flagge. Ob die Verkäuferin gesehen hat, was passiert ist? "Nein, ich war die ganze Zeit im Keller." Am unteren Rand des Dorfes steht ein ausgebranntes Bauernhaus. Die Granaten kamen vom gegenüberliegenden Hügel. Hinter der Brandruine bindet Ziber Ziberi gerade einen Holzstamm von seinem Pferd. Zwei seiner Brüder, Shehir und Nevzat, sitzen im Shutka-Gefängnis. Dem einen haben sie beim Verhör den Arm zweimal gebrochen, dem anderen in den Bauch geschossen, erzählt er.

"Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht in Brodec", sagt Ziberi. Während der Operation "Bergsturm" wurden der 18-jährige Fisnik Ahmeti und der 20-jährige Ferat Shahini getötet. Ahmeti wollte gerade in die Schule, Shahini in die Arbeit gehen. Die vier Fremden, die erschossen wurden, seien etwa zwanzig Tage zuvor nach Brodec gekommen. Ob Ramadan Siti und Llirim Jakupi unter ihnen waren? "Siti wurde hier ermordet", sagt der Imam. "Aber Jakupi haben sie nicht gefunden." Der Ex-Kommandant der Albanischen Nationalarmee (AKSh) war im Sommer aus einem Gefängnis im Kosovo ausgebrochen. Der Name Jakupi löst in der Region Respekt aus. Er hatte sich bereits in Kondovo verschanzt. Die Dorfrebellen sollen damals im Interesse einer Albanerpartei gehandelt haben. Heute sitzt diese Partei in der Regierung. Und das dürfte sich noch nicht für alle, die ihr früher dienten, ausgezahlt haben.

60 Euro Sozialhilfe

Für Brodec habe nie jemand irgendetwas getan, sagt der Imam. Egal welche Partei man gewählt habe, kein Einziger vom Dorf sei in der Verwaltung angestellt worden. Neunzig Prozent der Familien in Brodec beziehen 60 Euro Sozialhilfe pro Monat, die muss für fünf Personen reichen. Dafür hat Brodec jetzt den Ruf, ein Terrornest zu sein. Die Polizei hat eine Liste beschlagnahmt mit Zahlungen an den Polak, den Dorfwächter: 3 Euro, 4 Euro, 1,50 Euro steht da neben den Namen der Dorbewohner. Die Polizei habe Nullen hinter die Beträge geschrieben und die Listen mit der Behauptung, dies seien Gelder für Terrororganisationen, den Medien gezeigt, erzählt der Imam.

"Ich sag dir, wie das wirklich war", sagt Ardijan auf dem Weg nach Skopje. "Fünfzehn bewaffnete Männer haben das Dorf in Geiselhaft genommen. Die Leute hatten vor ihnen Angst und vor der Polizei." Der Professorenbub glaubt nicht, dass es um eine politische Sache ging. "Dieser Siti war ein kleiner Gangster in Skopje, aber völlig ohne Ideologie." (Von Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2008)

  • In Brodec wurden im November Raketenwerfer, Granaten und Flugabwehrraketen konfisziert.
    foto: epa/georgi licovski

    In Brodec wurden im November Raketenwerfer, Granaten und Flugabwehrraketen konfisziert.

  • Die Moschee in Brodec nach dem Beschuss durch die mazedonische Polizei. Imam Hafezat Dauti betet seitdem im Keller. Er ist enttäuscht, auch von den albanischen Politikern in Mazedonien.
    foto: adelheid wölfl

    Die Moschee in Brodec nach dem Beschuss durch die mazedonische Polizei. Imam Hafezat Dauti betet seitdem im Keller. Er ist enttäuscht, auch von den albanischen Politikern in Mazedonien.

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