Linz: Gesprächsverweigerung in "Klein-Istanbul"

21. Jänner 2008, 17:42
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Kurden und Türken liegen in Linz im Clinch - unbekannte Täter verübten einen Brandanschlag auf ein türkisches Lebensmittelgeschäft

Linz - Nein, Angst habe er keine. Akyol Vedak schlichtet das frische Gemüse in die Regale. "Es war doch nur eine Racheaktion. Alles rein persönlich. Es ist übertrieben, jetzt so zu tun, als würde jede Nacht ein Geschäft brennen." Genüsslich greift der 26-Jährige in ein Glas mit schwarzen Oliven. Akyol Vedak ist sichtlich stolzer Besitzer des "Istanbul Supermarket" im Neustadt-Viertel. Seit vergangener Woche ist der Linzer Stadtteil, von so manchem Stahlstadtbewohner auch stigmatisierend "Klein-Istanbul" genannt, um einen Imagekratzer reicher. Vergangenen Sonntag verübten noch unbekannte Täter einen Brandanschlag auf ein türkisches Lebensmittelgeschäft.

"Nix zu reden"

Ein Blick auf das geborstene Glas und die verrußte Außenfassade lässt an der Harmonie im Neustadt-Viertel zweifeln. Bereits am Tag vor dem Brandanschlag war die Stimmung aufgeheizt. Samstagnachmittag hatten Kurden in einer genehmigten Kundgebung gegen das Vorgehen des türkischen Militärs im Irak protestiert. Nach der Demo flogen zwischen Kurden und Türken die Fäuste. "Der Besitzer des Geschäftes war da irgendwie dabei. Aus Rache haben die ihm dann die Bude abgefackelt."

Für den 17-jährigen Kasigra Soner Kilit stehen die Täter fest, ehe noch die Polizei ihre Ermittlungen abgeschlossen haben. "Mit den Kurden gibt es hier nur Probleme. Wer ein Geschäft anzündet, schreckt auch nicht davor zurück, Menschen zu verletzen", sagt der junge Türke im Standard-Gespräch. Die Frage nach einer Dialogbereitschaft erweist sich rasch als überflüssig. "Da gibt's nix zu reden. Die Kurden wollen einen Teil der Türkei, kriegen aber einen Scheißdreck." Der Ton von Kasigra Kilit ist mittlerweile so scharf wie der Kebab, den man schon frühmorgens guten Kunden und neugierigen Journalisten zu kredenzen pflegt.

Der 17-Jährige ist in Linz geboren und "zufrieden" mit Österreich. Ob es sinnvoll sei, die ethnischen Konflikte dann in Österreich auszutragen? "In mir fließt türkisches Blut", entgegnet der aufgebrachte Schüler knapp.

Gleich ums Eck der türkischen Döner-Bude hat der vermeintliche "Gegner" Stellung bezogen. "Mesopotamia-Treff" steht handgeschrieben auf dem Klingelschild. Man wird freundlich empfangen, doch reden will in dem kurdischen Vereinslokal keiner. "Wenn es um Türken geht, darf nur der Obmann etwas sagen, aber der will jetzt auch nicht", heißt es freundlich.

"Es fehlt der Dialog"

Tülay Tuncel, gebürtige Kurdin und stellvertretende Vorsitzende des Linzer Integrationsbeirats, sieht im Gespräch mit dem Standard genau in dieser mangelnden Gesprächsbereitschaft das Hauptproblem. "Es fehlt der Dialog. Die Vereine beider Seiten sollten endlich persönliche Eitelkeiten aufgeben und sich an einen Tisch setzen", fordert Tuncel. Ethnische Vereine seien wichtig, um die Kultur des Herkunftslandes zu pflegen, dürften aber nicht "politische Probleme importieren".

Problematisch sei vor allem, dass die eigene Jugend von den Vereinen mitunter zu politischen Zwecken instrumentalisiert wird. Tuncel: "Viele sehen die Türkei nicht einmal als ihr Herkunftsland, sondern kennen es nur vom Urlaub. Kein Fünfzehnjähriger kann mir erzählen, dass er das Hintergrundwissen hat."

Die Reaktion von türkischer Seite kam prompt. Der Verein ATIP fordert Tuncel auf, ihre Funktion niederzulegen, da sie die Vereine kritisiert habe. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Printausgabe, 5./6. Jänner 2008)

  • "Zufriedene" Österreicher türkischer Abstammung, die mit Kurden "nix reden": Kasigra Kilit (li.) und Rajon Sarac.
    foto: der standard/ alfred habitzl

    "Zufriedene" Österreicher türkischer Abstammung, die mit Kurden "nix reden": Kasigra Kilit (li.) und Rajon Sarac.

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