USA: Zwei politische Erdbeben in einer Nacht

4. Jänner 2008, 18:57
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Ich habe Wahlnächte erlebt, die ein politisches Erdbeben über das Land brachten, aber noch nie eine, die gleich zwei ausgelöst haben - Von David Brooks

Ich habe Wahlnächte erlebt, die ein politisches Erdbeben über das Land brachten, aber ich habe noch nie eine Wahlnacht erlebt, die gleich zwei ausgelöst haben.

Dass Barack Obama die Wahlschlacht in Iowa geann, kann nur ein Herz aus Stein unberührt lassen. Ein afro-amerikanischer Mann gewinnt die hart umkämpfte Wahlkampagne in einem entscheidenden Staat. Er schlägt zwei starke Gegner, die mächtige Clinton-Machinerie eingeschlossen. Und das in einem System, das von provinziellen Wählern geprägt ist.

Das ist ein großer Augenblick. Ein Augenblick, in dem eine Bewegung, die abgehoben und idealistisch anmutet, real wird und an politischer Substanz gewinnt.

Iowa hat das Rennen noch nicht entschieden, aber die restliche Vorwahl-Periode wird von diesem Leuchten gefärbt sein. Ungeachtet ihrer politischen Zugehörigkeit schätzen die Amerikaner den Sieg Obamas als Symbol für Jugend, Chancen und Einheit in der Vielfältigkeit - die ureigensten Themen des amerikanischen Experiments. Und Amerika will diese Entwicklung nicht gestoppt sehen. Wer will schon derjenige sein, der aufsteht und Nein sagt, wenn ein Afro-Amerikaner den Truck Richtung Weißes Haus lenkt?

Obama hat etwas Bemerkenswertes erreicht. Auf den ersten Blick wirken seine Reden wie abstrakte und säkulare Predigten von einem, der ganz von seinem persönlichen Aufstieg beseelt ist. voll von Abhandlungen über das Wesen der Hoffnung und von Aufrissen zum Thema Wandel. Das Denken zu verändern scheint ihn vorerst mehr zu beschäftigen als eine Änderung der Gesetzgebung.

Doch im Verlauf seiner Kampagne konnte er viele Bürger Iowas davon überzeugen , dass seine Aussagen Substanz haben. Er ließ Hillary Clinton mit ihrem kleingeistigen und pragmatisch-politischen Ansatz uninspiriert aussehen und John Edwards mit seinen Zorntiraden über "die Gier der Konzerne" altmodisch. Obama ist dabei, den Tonfall der amerikansichen Linken zu verändern und vielleicht auch die amerikanische Politik.

Meine Botschaft an die Republikaner: Fürchtet euch nicht. Manche Leute wollen euch einreden, Huckasbees Sieg sei ein Triumph einer Verzückungstruppe im Kreuzung der Kreationisten. Falsch. Huckabee hat nicht wegen seiner Predigten gewonnen, sondern weil er etwas zum Ausdruck brachte, was andere Republikaner zu spät erkannten. Er ist der erste ironische Evangelikale auf der nationalen Bühne, er ist komisch, trashig (siehe sein Faible für Chuck Norris) und er liegt nicht in Krieg mit der modernen Kultur. Vor allem aber: Er spürt, dass die Partei selbst ihrer Führung misstraut, und er versteht die Ängste der Mittelschicht. Auf Bundesebene wird er zwar nicht reüssieren, seine Kenntnisse in der Außenpolitik sind minimal. Aber sein Start in Iowa markiert den Beginn einer Reform der Republikaner durch einen Evangelikaner. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2008)

Zur Person: David Brooks ist US-Publizist und Bestseller-Autor ("Die Bobos"),©NYT, Übersetzung: E. Loibl
  • Starkolumnist David Brooks: "Fürchtet euch nicht vor Huckabee!"
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    Starkolumnist David Brooks: "Fürchtet euch nicht vor Huckabee!"

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