Ohne Luft - Wolfgang Hermann

6. Jänner 2008, 10:00
7 Postings

Luggis Arm hielt seinen Leib zusammen. Es tat wohl, zusammengehalten zu werden. Er setzte ihn auf den Rücksitz, und zu beiden Seiten saßen Schemen neben ihm

Ein Lachen hallte über den Teich. Es war ein Lachen, das schmerzte. Es war ein Lachen, das ohne einen Menschen auskam. Ein Lachen, das sich von selbst weiterlachte. Er verlor sich in den Windungen dieses Lachens, er flog mit ihm ein paar Runden über dem Teich, besah sich die Welt von oben. Da bekam er Angst herunterzufallen. So ein Lachen war nicht sehr tragfähig und konnte ihn jederzeit fallen lassen. Noch aber saß er auf dem Lachen und es trug ihn. Da merkte er, dass er Schmerzen hatte.

Seine Brust schmerzte, sein Hals schmerzte, und vom Rest seines Körpers spürte er nichts. Jemand atmete heftig, jemand kämpfte um Atem, jemand keuchte, jemand schrie. Jemand hatte Schmerzen. Jemand war er. Er steckte in diesem schmerzenden Körper, der eben noch jung gewesen war. Dieser Körper hatte ihn getragen, schwebend über den Teich getragen, leicht wie eine lachende Feder. Jetzt steckte er fest. Seine Stirn war eiskalt und nass. Schweiß rann von seiner Nase. Seinen Hals hielt eine unsichtbare Hand zugeklemmt.

Atmen war schwer. Vielleicht konnte er ja darauf verzichten. Er wartete, ohne zu atmen. Vielleicht brauchte er keine Luft mehr. Aber er irrte sich. Seine Kehle irrte sich, wenn sie glaubte, von nun an ohne Luft auszukommen. Der Preis für diesen Irrtum war der Schmerz. Der Schmerz wanderte von der Kehle hinunter in die Brust, von der Brust hinaus in die Arme, in die Verästelungen seiner Finger. Auch Finger hatte er, er spürte es. Jenseits seiner Finger standen Schemen am Teich. Es war eine Mondnacht, und Schemen standen am Teich. Diese Schemen redeten, sie sagten irgendwas, einer lachte ein Lachen wie das, das eben noch aus seiner Kehle gedrungen war, die nun zu eng für jedes Geräusch war. Seine Finger spreizten sich nach einem der Schemen. Seine Finger gaben Zeichen, ohne dass er etwas damit zu tun hatte. Seine Finger versuchten Kontakt aufzunehmen.

Einer der Schemen näherte sich. Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. Der Schemen war Luggi. "Ist alles o.k.", fragte er. Der Schemen hatte eine Stimme. Er war ein Mensch.

"Es...ist2, er versuchte zu sprechen, einen Laut aus seiner engen Kehle zu pressen. Er spürte, wie er seine Lippen bewegte, sein Kiefergelenk war wie festgeschraubt, sein Mund war staubtrocken, seine Lippen klebten aneinander.

"Das Zeug ist verdammt stark", sagte Luggi. "Das fährt unglaublich ab. Geht’s dir gut, Mann?" "Ich...kriege keine Luft2, brachte er heraus. Erschöpft versuchte er seine Lungen mit Luft zu füllen. Er hörte ein Pfeifen, wie wenn Luft aus einem Fahrradschlauch dringt. He Mann, dir geht’s nicht so gut, oder? Er schüttelte langsam den Kopf. Dann hielt er den Kopf still und wartete, bis das Mobiliar darin zur Ruhe kam. Er hätte den Kopf nicht schütteln sollen. Er würde den Kopf nie wieder schütteln. Die Unordnung, die da entstand, war kaum wieder in Griff zu kriegen.

Die Nacht war rot, wenn er die Augen schloss. Mit offenen Augen waren die Schemen rot umrandet. Der Baum dort hatte rote Umrisse. Der Mond steil oben pulsierte bleich, der Weg bis zum Mond war eine rote Fahrbahn. Wer konnte da schon hinauffahren. Keiner so schnell wie die Gedanken. Die brauchten keine Räder. Also war der Weg zum Mond eine Luftbahn. Eine seidige Bahn aus roter Luft. Die Schemen um ihn würden langsam höher steigen, bis sie schließlich als kleine Punkte in der dünnen Luft verschwanden. Dort oben wären sie glücklich. Sie wären so leicht wie noch nie. Und war das Leichtsein nicht das Glück? Er aber steckte fest hier unten, eine unsichtbare Hand hielt ihn am Hals fest. Ohne sich von der Stelle zu rühren, drehte er sich im Kreis. Er sah überscharf in die Runde, und auch sich selbst sah er dastehen am Rand des Teichs, umgeben von Schemen, aus deren Mündern stoßartig Rauchschwaden drangen. Er musste seinen Stand korrigieren, denn wieder bebte die Erde. Er spürte deutlich die schwache Innenseite seiner Knie.

Dort war er vollkommen ungeschützt. An dieser Stelle drang die bebende Erde am tiefsten in ihn ein. Jetzt bebte sie so stark, dass nicht allein seine Knie wackelten. Auch der Teich begann zu zittern, und die rauchenden Schemen um ihn oszillierten in rotem Licht. Er sah, wie seine Schuhe zitterten. Das Gras der Wiese veränderte mit der Intensität des Zitterns seine Farbe. Wir fahren, Mann, sagte Luggi nahe seinem Ohr. Komm, ich bringe dich zum Auto.

Luggis Arm hielt seinen Leib zusammen. Es tat wohl, zusammengehalten zu werden. Er setzte ihn auf den Rücksitz, und zu beiden Seiten saßen Schemen neben ihm. Luggi startete den Wagen. Die Dunkelheit war aus roter Luftbahn. Irgendwann ging der Scheinwerfer an, er hatte das Gefühl, als leuchte sein Bauchnabel. Der Wagen verließ die Kiesstraße am Fluss. Er begrüßte den Mittelstreifen der Asphaltstraße, der ihn für einen Augenblick an das normale Leben erinnerte. Er klammerte sich an diesen Mittelstreifen, an jeden der vorbeirasenden Striche, denn jeder dieser Striche wusste etwas vom normalen Leben, während er nichts mehr davon wusste, gar nichts mehr.

Die Striche rasten schneller vorbei, und wieder schneller. Der Motor heulte. Im Scheinwerferkegel zeigte sich eine Unterführung, zu beiden Seiten der Straße ein Holzzaun. Der Schemen zu seiner Linken war eine junge Frau, die nun ihre Fingernägel in sein Bein krallte. Diese Hand schwitzte stark, er roch den Geruch der Angst. Er selbst stand still, die Drehung seiner Gedanken war beinahe zum Erliegen gekommen. In diesem Stillstand waren alle Dinge gleich weit entfernt. Er sah sich durch die Windschutzscheibe hinausfliegen und am Betonpfeiler der Unterführung zerplatzen. Der Weg vom Rücksitz des Wagens bis zum Betonpfeiler war eine lange Kurve. Dort, beim Betonpfeiler, würde er nie ankommen, denn auf dem Weg dorthin hätte er die Spanne seines Lebens schon erfüllt. Dieses Erfüllen aber wäre ohne Ende, Leben im Stillstand.

Er schrie auf, die Nägel der Hand der Frau an seiner Seite bohrten sich tief in sein Bein. Sein Herz schlug bis an seine Kehle, in der es keinen Raum ließ. Er fühlte mit zwei Fingern das Stampfen seines Herzens an seiner Kehle. Der Wagen schoss aus der Unterführung. Es war schön, die Berührung mit der Erde aufzugeben. Dieser freie Sprung wäre Glück gewesen, wäre in seiner Kehle Raum zum Atmen geblieben. Sie alle im Wagen hielten den Atem an. Es war ein Sprung weit weg von allem Gewöhnlichen, keiner wollte seine Zeit mit Atmen vertun. Durch das geschlossene Dach hindurch sah er den pulsierenden Mond. Er war wie eine Kugel im Gewehrlauf im Augenblick, da der Schlagbolzen auf die Zündkammer auftrifft. Er wusste, er würde sich auf den Weg ins Freie machen, was immer ihn dort erwartete.

Als die Räder des Wagens die Straße berührten, glaubte er, durch den Wagenboden auf die Straße durchzuschlagen. Das Untergestell heulte jämmerlich auf, die Frau an seiner Seite schrie, als er mit dem Kopf gegen das Dach des Wagens schlug. Der Wagen schlingerte hart an einem Baum am Straßenrand vorbei.

Das Stromrot der Augäpfel

Der Wagen hielt vor dem Bahnhof. Eine graue Hand, die er nicht als die seine erkannte, öffnete die Wagentür, er setzte einen Fuß auf den Bahnhofsplatz und stand mit einem Mal da. Eine matte Handbewegung, der Wagen fuhr davon. Er sog die Nachtluft tief ein. Er war aus dem Wagen gestiegen. Er lebte, auch wenn er daran zweifelte. Doch auch dieser Raum war eng. Es blieb kaum Raum zwischen Bahnhof und Bushaltestelle. Und über ihm funkelten die Sterne bedenklich, als könnten sie sich nicht mehr lange auf ihrer Bahn halten. Ihm war, als bebte das kleine Asphaltstück zwischen Bahnhof und Bushaltestelle, ein Zittern verwischte die Konturen. Er stieg die Treppe zur Unterführung hinab, doch auch hier flimmerten Boden und Wände im schmutzigen Neonlicht. War das Stampfen, das die enge Unterführung erfüllte, sein Herzschlag? Als er wieder ins Freie trat, musste er sich an einem Maschendraht festhalten, denn die Erde drehte sich schnell.

Die wenigen Schritte zum Elternhaus ging er so unauffällig, wie er konnte, denn die Augen seines Vaters, denen nichts entging, waren überall. Vorsichtig schob er seinen Hausschlüssel ins Schloss, trat ein, schloss die Haustüre mit beiden Händen, als wäre sie aus Porzellan. Der stockdunkle Flur leuchtete im Stromrot seiner Augäpfel. Er schlich in sein Zimmer, lautlos schloss er die Tür, legte mit letzter Kraft seine Kleider ab und sich selbst ins Bett, ohne ihm sein tückisches Quietschen zu entlocken. Das Bett flimmerte, er selbst zitterte. Er legte zwei Finger seiner Hand an seinen Puls, dessen Rasen er nicht zählen konnte. Er atmete flach, mit seinem rasenden Herzen konnte er nicht mithalten. Da, wo er lag, hatte er seine ganze Kindheit lang gelegen. Hatte sich im Dunkeln gefürchtet und so lange geschrien, bis Mutter gekommen war. Seinetwegen hatte sie die Tür einen Spalt offen lassen. Wenn er mitten in der Nacht erwachte, war die Tür zu. Aber er war zu erschöpft, um Angst zu haben. In diesem Bett hatte er gelegen, als seine Eltern verreist waren und er mit einem Freund seinen ersten Horrorfilm im Kino gesehen hatte. Sie hatten danach noch im hell erleuchteten Wohnzimmer gesessen und einander einzelne besonders schreckliche Szenen nacherzählt.

Aber irgendwann war der Freund nach Hause gegangen. Er war auf sein Zimmer gegangen, wo jeder Winkel zu atmen, sich zu regen begonnen hatte. Das Zimmer war ein lebender Organismus, der nur darauf wartete, sein schreckliches Geheimnis preiszugeben. Der Rollladen knackte, zwischen den Leisten sah er deutlich ein Auge schimmern. Das war noch nicht lange her, zwei, vielleicht drei Jahre, und doch eine Ewigkeit, jenseits der Zeitmauer, als er noch ein Kind gewesen war. Damals hatte er noch gehustet, wenn er einen tiefen Zug an der Zigarette genommen hatte. Jetzt lag er mit rasendem Herzen in diesem Bett, in dem er vielleicht sterben würde. Entweder sterben oder weiterleben. Aber wie weiterleben über sein sich in immer dünnere Höhen verlierendes Herz hinaus? Zwei Türen weiter schliefen seine Eltern. Er konnte nicht an ihre Tür klopfen und sagen: Ich sterbe. Sie würden ihn morgen früh finden. Nur schade, dass er dann nicht ihre Gesichter sehen konnte. Mutter würde sich fragen, was sie falsch gemacht hatte, Vater würde etwas murmeln wie: Hätte er nicht besser auf sich achtgeben können.

Er schlug die Augen auf. Um seine Stirn war ein Netz gespannt, das auf der Haut brannte. Sein Gesicht war Plastilin. Er hatte also geschlafen. Seine Hände gehörten nicht zu seinem Körper. Er bewegte seine Finger, sie gehorchten. Sein Rumpf war eine Röhre, in der ein kleiner fremder Hammer klopfte. Im Haus heulte der Staubsauger. Er lächelte. Mutter war da. Der Staubsauger klang, als würde draußen die Sonne scheinen. Ja, an einem Regentag klang der Staubsauger anders. Die Sonne schien. Mutter beim Staubsaugen. Vielleicht stand sogar Frühstück auf dem Tisch. (Wolfgang Hermann, ALBUM DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.01.2008)

Zur Person:
Wolfgang Hermann, geb. 1961 in Bregenz, studierte Philosophie und Germanistik in Wien. Er lebte von 1987 bis 90 in Berlin, anschließend fünf Jahre in Frankreich. Hermann arbeitet seit 1987 als Schriftsteller. Von ihm erschienen zahlreiche Erzählungen in Sammelwerken. 2006 erschien "Herr Faustini verreist" bei Deuticke.
  • Wolfgang Hermann: "Seine Brust schmerzte, sein Hals schmerzte, und vom Rest seines Körpers spürte er nichts. Jemand atmete heftig, jemand kämpfte um Atem, jemand keuchte, jemand schrie. Jemand hatte Schmerzen. Jemand war er. Er steckte in diesem schmerzenden Körper, der eben noch jung gewesen war."
    foto: heribert corn

    Wolfgang Hermann: "Seine Brust schmerzte, sein Hals schmerzte, und vom Rest seines Körpers spürte er nichts. Jemand atmete heftig, jemand kämpfte um Atem, jemand keuchte, jemand schrie. Jemand hatte Schmerzen. Jemand war er. Er steckte in diesem schmerzenden Körper, der eben noch jung gewesen war."

Share if you care.