Die Stadt ist ein Spiegelei

11. Jänner 2008, 13:54
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Peter Truschner erzählt in seinem Roman die Geschichte einer Entfremdung und vermisst die Ränder einer Großstadt

In einer ganz und gar nicht verbürgten, von Eckhard Henscheid überlieferten Anekdote veranstalten die gelehrten "Frankfurter Schüler" einen Wettstreit, den derjenige gewinnt, der das Reflexivum "sich" am weitesten postponieren kann. Nicht überraschend obsiegt Theodor W. Adorno mit dem seither geflügelten Satz: "Das unpersönliche Reflexivum erweist in der Tat noch zu Zeiten der Ohnmacht wie der Barbarei als Kulmination und integrales Kriterium Kritischer Theorie sich." Möglicherweise nahm auch der in Klagenfurt geborene und in Berlin lebende Schriftsteller Peter Truschner an einem sprachsportlichen Wettbewerb teil, der sich anders als bei den grammatikfixierten Frankfurtern allerdings um rhetorische Figuren gedreht haben dürfte.

Mit seinen unzähligen, manchmal großartigen, manchmal doch ziemlich manierierten Vergleichen und Metaphern, die Die Träumer stilistisch prägen, dürfte Truschner jedenfalls gute Chancen auf den ersten Preis gehabt haben: "Bald war er nicht viel mehr als ein totes Tier im Gras, das als Brandzeichen eine Seele trug", steht gleich am Anfang, im "nullten" Kapitel geschrieben, und: "Roberts Blut zirkulierte nicht mehr, es rieselte durch seinen Körper wie eine Sanduhr." Oder: "Aber offensichtlich blieb man im Sterben doch, was man im Leben war: menschliche Knetmasse, die irgendein überirdischer Volkshochschüler drangsalierte wie einen Klumpen Ton."

Der da einen gewaltsamen Tod erleidet, ist – oder war – der Universitätsassistent Robert. Während der Mittdreißiger in einer peripheren Wüstenlandschaft der ungenannt bleibenden Großstadt stirbt, genießt seine Frau Iris, eine adrette Blondine, ihren Triumph als Organisatorin einer High-Society-Party. Auf Roberts Begräbnis kommt dann ein Fremder auf sie zu, der vorgibt, Näheres über das rätselhafte Ableben ihres Mannes zu wissen. Iris beginnt zu recherchieren und erfährt, dass der Soziologe mit einem Eklat bereits vor einiger Zeit seinen Rausschmiss von der Uni provoziert und die staubbedeckte Papierberge produzierende Gesellschaftstheorie mit einer radikal empirischen "Sozialforschung" vertauscht hat. Arbeitslos geworden, hat Robert gewissermaßen das Leben eines streunenden Hundes geführt und sich in urbane Randgebiete und Milieus gewagt, die, als negative Reste der blühenden Wohlstandsgesellschaft aus dem Bewusstsein der Ober- und Mittelschicht normalerweise ausgeblendet, niemals betreten und höchstens als Katastrophenschauplätze in den TV-Nachrichten wahrgenommen werden, "wenn über jugendliche Randale, Autodiebstähle oder aufsehenerregende Gewalttaten berichtet wurde".

Zerbrochener Spiegel

Peter Truschner hingegen, der in seinem eindrucksvollen Debütroman Schlangenkind (s)eine infernale Kindheit auf einem Bauernhof beschworen hat, dürfte sich im einmal so genannten "Suburbium" gründlich umgesehen haben. Anschaulich schildert er die trostlose Gemengelage aus "industriellen Kadavern", unbewohnbaren Wohnbatterien – "riesige, häßliche Legosteine, die für die eigenen Kinder keinesfalls in Betracht kamen" – und vielfältigsten Formen sozialer Verwahrlosung. Zu "komparatistischer" Hochform läuft Truschner auf, wenn es darum geht, die Bestandsaufnahme der Stadtränder zu einem historischen Befund über die urbane Gesamtentwicklung auszuweiten: "Wenn die Stadt ein großer Spiegel war, so war dieser Spiegel schon vor langer Zeit zu Bruch gegangen. Ein großes Mittelstück war wie durch ein Wunder heil geblieben, der Rest war in größere und kleinere Teile zersplittert, deren unverminderter Zusammenhang zwar behauptet wurde, in Wahrheit jedoch ein fiktiver war." Und der geheimnisumwitterte Voß, dessen Suppenküche für arme Kinder ebenso wie paramilitärische Truppenübungen umfassender Organisation sich Robert angeschlossen hatte, vergleicht die aus den Fugen geratene Großstadt gar wunderbar mit einem Spiegelei, "bei dem der kostbare Dotter von zerfließenden, angesengten Rändern gerahmt wird".

Das Auseinanderdriften der Eheleute Iris und Robert entspricht insofern dem Auseinanderdriften der einzelnen Stadtteile und der Milieus, die sie beherbergen. Auch formale Mittel wie der häufige Perspektivenwechsel des Erzählers oder die Sprengung des linearen Zeitablaufs tragen dazu bei, dass Truschners Roman gleichzeitig als Geschichte einer zwischenmenschlichen Entfremdung und als kunstvoll zersplittertes Porträt einer Großstadt gelesen werden kann. Dass es "in einem solchen Koordinatensystem" einen Standpunkt, "der mehr oder weniger recht hätte, eingenommen zu werden", nicht mehr geben kann, ist dann eine naheliegende Erkenntnis, eine, die außerdem die scheinbar bloß rhetorischen Finten der "Träumer" in ein anderes, gleichsam epistemologisches Licht taucht: Sowohl im Text- wie im semiotischen Stadtkosmos kann man – wie Peter Truschner staunenswert vorführt – in der Tat alles mit allem vergleichen, aber einen absoluten Bezugspunkt, der so etwas wie Orientierung verspricht, wird man darin vergeblich suchen. Wie könnte es auch anders sein in einer Welt, die mit einem "Achselzucken der Schöpfung" quittiert wird und in der sogar das Urmeter schrumpft. (Ewald Schreiber, ALBUM DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.01.2008)

Peter Truschner, "Die Träumer". € 20,50;252 Seiten. Paul Zsolnay Verlag. Wien 2007.
  • Achselzucken der Schöpfung: Peter Truschner.
    foto: zsolnay

    Achselzucken der Schöpfung: Peter Truschner.

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