Hip-Hop: Jailhouse-Rapper

11. Jänner 2008, 14:14
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Fünf Häftlinge der Justizanstalt Favoriten beschreiben den Alltag im Knast auf einer HipHop-CD - Mit herkömmlichem "Gangster-Rap" hat das aber wenig zu tun

"Theatergruppe!", brüllt die Aufseherin, als ob sie "Feueralarm!" rufen würde, in einem so strengen Ton, dass es selbst die Häftlinge in der letzten Zelle am Gang aufrütteln muss. Die drahtige junge Frau scheint auf den ersten Blick die härtestgesottene Person in der geschlossenen Abteilung für Männer der Justizanstalt Wien-Favoriten zu sein, einem unscheinbaren Gebäude, das sich kaum von den umliegenden grauen Wohnhäusern unterscheidet. Die fünf Häftlinge, die dem Aufruf folgen und sich aus dem Getümmel auf dem kariert gefliesten Gang lösen, wirken jedenfalls alles andere als abgebrüht. In abgetragenen Shorts oder Jogginghose, barfuß, in Socken oder mit Gesundheitsschlapfen kommen sie angeschlendert und drücken ihre Freude über den Besuch von Beate Göbel und Yvonne Czermak, den Leiterinnen der sogenannten "Theatergruppe", mit herzlichen Umarmungen aus.

Um Theater geht es eigentlich nur im weitesten Sinn bei Rappers in Prison oder R.I.P., wie sich die fünf Inhaftierten im Alter zwischen 20 Jahren und Mitte 40 nennen, eher um Gangster-Rap, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: authentisch, mit "street credibility" sozusagen, ganz ohne Glamour, Klunker und Knarren. Seit Juli vergangenen Jahres arbeiten die blassen Knackis im Rahmen der ambitionierten Initiative "wirhier, Kunst unter Strafe" an einer eigenen CD. Göbel, Czermak und der musikalische Leiter des Projekts, der junge Wiener HipHop-Künstler Emmanuel Ajayi alias Furious Steez, haben an diesem Nachmittag das vorläufige Ergebnis mit dabei: die CD mit den noch nicht abgemischten Rohfassungen von vier Tracks, die im Tonstudio kW (unentgeltlich) aufgenommen wurden.

In der Gefängnisbibliothek, wo im Visier der Videokamera eine rote Ledercouch und mehrere Sessel zwischen den Regalen voller speckiger Bücher stehen, werden erst einmal Tabakdose und Wuzelpapier hervorgeholt, bis ein funktionierender CD-Player aufgetrieben ist und die Boxen einen pulsierenden Beat loslassen: "Dieses Lied ist für euch, ihr Nicht-genannten / ihr ohne Namen, ihr Kaum-Gekannten."

Die fünf Stimmen liegen beim Refrain noch etwas holprig übereinander, so manche Unsicherheit ist zu hören, aber vor allem strahlen sie eine stolze Trauer aus, unaufgeregt und fern von bemühter Coolness, die dem Gangsterrap-Genre üblicherweise anhaftet. ",Bitte helft mir!‘, klang es durch den Gang / doch niemand kam rein, die Zeit wurde lang. / Ich hörte ihn fleh’n wie um sein Leb’n, / doch niemand wollte ihm Medikamente geb’n. / Am nächsten Morgen fragte ich dann, / ,wann fängt bloß eure Hilfe an?‘ / Und als Antwort bekam ich auf mein Begehr: / ,Den Oliver, den gibt’s nicht mehr.‘"

Konzentriert und kritisch hören die Jailhouse-Rapper der Aufnahme zu, blicken auf den Boden oder aus dem Fenster, bis sie langsam zu grinsen oder mit den Füßen zu wippen beginnen. Eher erinnern die Räumlichkeiten des Gefängnisses mit den blaugestrichenen Türen an ein abgewohntes Studentenheim als an einen Ort, an dem Menschen um ihr Leben fürchten müssen. Doch für keinen in der Gruppe ist es der erste Aufenthalt hinter Gittern. In Favoriten sind sie allesamt gelandet, weil sie im Zusammenhang mit Drogen straffällig geworden sind und sich während der Haft einer Suchtbehandlung und Therapie unterziehen. Was sie verbindet, ist nicht nur die drogengeprägte Vergangenheit, sondern auch die Erfahrung, dass Häfn-Genossen auf verschiedenste Weise umkamen. "Die Todesstrafe gibt’s nicht. Aber es passiert trotzdem", drückt es Fresh aus, ein ruhiger, kauziger Typ im weißen Ruderleiberl, auf dessen tätowiertem Arm oberhalb der goldenen Uhr eine sich räkelnde Frau und ein Steinbock erkennbar sind.

"Wir haben uns überlegt, was wir wirklich zu sagen haben, das über die Häfn-Klischees hinausgeht", beschreibt Ramirez, ein wortgewandter Mann mit einem Kapperl über den dunklen Augen, die Entstehung des gemeinsam verfassten Songs "Für Euch". Er hat selbst erlebt, wie der im Lied beschriebene Oliver, der sich geschworen hatte, nie "reinzugehen", im Gefängnis starb.

Totschweigen und Einsamkeit

So wie auch Ernst Karl, ein knastbekannter Killer – "Sie hielten dich nieder mit Fesseln und Spritzen, / doch immer wieder sah man deinen Geist aufblitzen" –, dessen Tod Ed.de.Lux, der älteste unter den Prison-Rappern, schildert. "Wir wollten aufzeigen, dass es immer wieder Todesfälle gibt, die nicht einmal eine Zeitungsnotiz wert sind", erklärt Ed nachdenklich und schüttelt den Kopf mit den gerauften Haaren. "Dass jemand ein Mörder ist, rechtfertigt nicht, dass er niedergespritzt wird."

"Ein Mörder ist auch die Einsamkeit", singt der Chaos Kanzler, ein gewitzter Mann mit Piercings, einem Zehenring und einem kurzen Irokesenschnitt unter dem Hut. Der 28-Jährige tauschte mit 16 die Spießeridylle der Pflegeeltern mit einem von Freiheit verwöhnten Leben. Die nötigen finanziellen Mittel kamen vom Drogenverkauf. Die Ernüchterung folgte mit der ersten Haftstrafe. Dazu kam der Schock, dass sein Zellennachbar sich erhängte. Zweimal in der Woche, jeweils zweieinhalb Stunden, über sieben Wochen hinweg, feilten Ramirez, Ed.de.Lux, Chaos Kanzler, Alex Mc und Fresh – so die Pseudonyme – an ihren Texten und den vorproduzierten Beats, um sie zu vier Tracks zusammenzubauen. In jedem davon ist das Bedürfnis, sich auszudrücken, spür- und hörbar, eine überbordende, wenn auch manchmal unbeholfene Poesie. "Wir haben fünf Leute erwischt, die irre kreativ sind", sagt Yvonne Czermak, die bei der Methode des kreativen Schreibens half. "Das dauert draußen lang, bis man Menschen findet, die mit so viel Engagement dabei sind", fügt Beate Göbel hinzu. Die Schauspielerin arbeitet seit 2004 mit inhaftierten Frauen der Justizanstalt Favoriten, wo bereits zwei Theateraufführungen, zwei Hörbücher, eine DVD, eine T-Shirt- und eine Taschenserie entstanden sind.

Das erste Projekt mit Männern sollte ebenfalls eine Theaterproduktion werden und sich ursprünglich um das Thema Liebe drehen. Am eindringlichsten setzte sich Ramirez in seinem Sololied damit auseinander, in einem durch seine Offenheit bestechenden Text: "Mama, verdammt ich bin zwar ein Dieb, / aber Mama, du weißt, ich hab dich lieb", tönt es aus dem Kofferradio. "Jetzt seh ich die Kälte in jedem Gesicht, / und Mama, ich seh den Himmel nicht. / Ist man hier in der Hölle, hofft man aufs Paradies. / Es ist dunkel und grau hier in diesem Verlies. / Mama, wir werden gehalten wie Tiere. / Und tief in mir drin lebt die Angst, ich erfriere."

"Ich trag das schon so lang in mir drinnen", erwidert Ramirez, selbst Familienvater und einstiger Leader einer Rockabilly-Band, der schon als Kind im Opernhaus in Graz bei einer Aufführung der Zauberflöte mitwirkte. "Meine Mutter hat so viel mitgemacht mit mir, hat Nervenzusammenbrüche gehabt. Ich kann die Zeit nicht zurückgeben, aber das Gefühl." Das Bild des gefühlskalten Kriminellen ist so eingeprägt, dass es fast seltsam anmutet, wie viel Verletzlichkeit sich hinter den großflächigen Tattoos verbirgt.

Kreative Resozialisierung

Möglich sind die unzensierten und nicht mit harten Vorwürfen bezüglich der Haftbedingungen sparenden Lieder nicht zuletzt durch die Abteilungsleiterin Corinna Obrist, die sichtlich stolz den Aufnahmen lauscht. "Es gibt die Vorstellung, dass im Gefängnis nichts geht", sagt sie. "Aber es gibt immer Entwicklungsspielräume, so klein kann der Häfn gar nicht sein." Großen Respekt zollt auch Furious Steez den Jailhouse-Rappern. "Ich bin vom Schlimmsten ausgegangen, als ich das erste Mal hingegangen bin", sagt der Afro-österreicher, der mit rassistischen Ressentiments rechnete. "Aber die fünf haben wirklich alle Erwartungen übertroffen. Die meisten, die über das Gefängnis rappen, haben überhaupt keinen Bezug dazu."

Auch wenn "der Rahmen deprimierend ist", wie es Fresh ausdrückt, zumindest herrscht in Favoriten nicht die gängige Ansicht, dass es den Häftlingen ohnehin zu gut gehe. Für Kreativität im Knast und eine fruchtbare Begegnung mit der Außenwelt – gemeinhin Resozialisierung – ist in anderen Anstalten meist wenig Platz – nicht nur, weil Österreichs Gefängnisse mit derzeit 8560 Strafgefangenen und Untersuchungshäftlingen um bis zu zehn Prozent überbelegt sind, sondern auch weil Initiativen wie "wirhier" stark vom persönlichen Engagement der Verantwortlichen abhängig sind. Auch Beate Göbel führt ihre Projekte "auf freiwilliger Basis" durch. Die CD-Produktion wurde vom Bundeskanzleramt unterstützt, das Justizministerium lehnte eine Förderung jedoch ab. Die Anstaltsleitung stellt immerhin ein Honorar aus dem "Freizeitbudget" zur Verfügung.

An "Freizeit" fehlt es trotz eines durchstrukturierten Tagesablaufs freilich nicht. Handys sind verboten, ebenso wie Internet, PC oder Playstation (wegen der Suchtgefahr). "Der soziale Anschluss zur Außenwelt ist auf ein Minimum reduziert. Man hat wahnsinnig viel Zeit zum Hirntschechern", meint Fresh. "Das artet dann schnell in Aggression aus – oder in Trauer." "Man lernt, sich mit Kleinigkeiten zufriedenzugeben", gibt sich Ed, der sich auf eine Haft bis 2011 einstellen muss, Mühe, eine positive Seite der Freiheitsbeschränkung hervorzuheben. "Im Moment schreiben wir eine Art Reiseführer durch die Justizanstalt Favoriten", erzählt Alex Mc, der jede Möglichkeit nutzen will, sich kreativ auszudrücken.

Ob die Rappers in Prison auch für die CD-Präsentation am 16. Jänner ins Wiener Theater in der Gumpendorfer Straße (TAG) "Ausgang" bekommen, ist noch ungeklärt. An den Tag im Studio werden sie sich noch "in 20 Jahren erinnern", ist Fresh sicher. Daran ändert auch die Aufseherin nichts, die uns nach zweieinhalb Stunden "Theatergruppe" wieder hinausgeleitet. Denn die Haftstrafe hat sich gewissermaßen ausgezahlt, wie Ramirez meint: "Da musste ich ins Gefängnis, damit ich einmal in ein richtiges Tonstudio komme." (Karin Krichmayr, ALBUM DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.01.2008)

  • Wochenlang feilten die Rappers in Prison an Texten und Beats.
    foto: laurent ziegler

    Wochenlang feilten die Rappers in Prison an Texten und Beats.

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