Liebe auf dem Feldherrenhügel

6. Jänner 2008, 16:32
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Sonntag zeigt der ORF den ersten Teil von Robert Dornhelms vierteiliger "Krieg und Frieden"-Verfilmung nach Lew Tolstoi - Karikaturist Rudi Klein sah ihn vorab

... mit Isabella Hager und war wenig begeistert: Zu viele Klischees, kritisierte er.


Bis zu 600.000 Zuseher erhofft sich ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz für die für Sonntag (20.15, ORF 2) anberaumte Erstausstrahlung der deutschen Fassung von "Krieg und Frieden". Und er ist zuversichtlich, diese Zahlen, so sie erreicht werden, über die knapp 400-minütige Strecke der drei weiteren Teile (9., 13. und 16.1., je 20.15 auf ORF 2) auch annähernd halten zu können. Das zumindest gelang den Fernsehstationen aus Italien und Frankreich, wo Robert Dornhelms Verfilmung des großen Romans von Lew Tolstoi bereits im November und Dezember gezeigt wurde. In beiden Ländern sahen relativ konstant bis zu fünf Millionen zu.

Lesen in jungen Jahren

Rudi Klein, auch Ivan Klein genannt, Karikaturist unter anderem beim STANDARD, hat den vielseitigen Tolstoi-Roman gelesen. Ganz. Und erzählt daraus eher nüchtern, während auf dem Fernsehbildschirm Natascha (Clémence Poésy, bekannt als Fleur aus dem vierten "Harry Potter"-Kinofilm) voll Vorfreude auf den Ball, der ihr zu Ehren gefeiert wird, im wehenden Spitzenkleid bloßfüßig durch den Garten läuft. "Das Buch stand in meinem Elternhaus im Bücherregal. Ich war Einzelkind, und mir war langweilig. Ich glaube ja fast, diesen Epochenwälzer liest man entweder in jungen Jahren oder ganz spät ..."

Dass sich die Macher dieser gewaltigen europäischen Filmproduktion (siehe weiter unten) rühmen, mit der Verfilmung vor allem jungen Menschen einen Stoff der Weltliteratur zu vermitteln, zu dem sie von sich aus kaum mehr greifen würden (Jan Moito, dessen EOS Entertainment den Vierteiler produzierte, meint etwa zu wissen, dass der Titel "Krieg und Frieden" vielen "jungen Leuten" nichts mehr sagt), kann Rudi Klein nicht überzeugen:

"Das Buch ist doch nur ein Hintergrund. Der Film ist eine Liebesgeschichte mit einem entfernten historischen Hintergrund. Das Argument mit dem Bildungsauftrag ist also ein bisschen wenig."

Zumal, wie sich im weiteren Verlauf der ersten 90 Filmminuten bald zeigt, offenbar nicht allzu viel Wert darauf gelegt wurde, zeitgeschichtliche Gegebenheiten oder gar politische Zusammenhänge näher zu erklären. Prinz Andrej (Alessio Boni) zieht es, so möchte man meinen, vorrangig in den Krieg, um nicht bei seiner Frau (Elodie Frenck als Lise) sein zu müssen (Malcolm McDowell beherbergt sie als Fürst Bolkonski).

Ein Verhandlungsgespräch mit Napoleon flimmert dann auch auf einer gebauten Holzinsel auf dem Wasser, zu fern, als dass das Gespräch noch durch die Musik von Jan Kaczmarek dringen könnte.

Kämpfe sind auch letztlich publikumswirksamer, das wusste schon Sergej Bondartschuk, der an den Schlachtszenen seiner Verfilmung des Tolstoi-Epos, eine der teuersten Filmproduktionen überhaupt, in den 1960er-Jahren rund 20.000 Soldaten der russischen Armee über zwei Jahre arbeiten ließ.

Lustiger mit Playmobil

Dornhelm, der auch stark auf imposante Szenen auf dem Schlachtfeld fokussiert, verteilte dazu im Raum insgesamt immerhin 7000 Statisten, deren Anzahl erst in der Postproduktion multipliziert wurde. "Im Film wird schon noch ein ungeheurer Aufwand betrieben. Und das Ergebnis ist dann – nun ja, Harald Schmidt könnte das mit Playmobil-Figuren nachspielen, das wäre wohl noch unterhaltsamer", sagt Rudi Klein dazu, am Bildschirm stakst eben ein unscheinbarer Napoleon (Scali Delpeyrat, siehe Bild) zu Ross durch das Feld der Gefallenen der Schlacht bei Austerlitz – der Dornhelm erstaunlich viele Spielminuten gelassen hat, während Gespräche, etwa zwischen Pierre (Alexander Beyer) und Hélène (Violante Placido), die an einem Bilderbuch-Herbsttag durch den Rosengarten spazieren, eher angedeutet werden: "Da wird nichts ausgeführt", meint Klein, als nach einem knappen Dialog rasch wieder zu den Truppen geblendet wird.

"Ich war kürzlich in den Filmstudios in Pjöngjang, wo Propagandafilme gedreht wurden. Die unterscheiden sich gar nicht sehr von diesen Fernsehkampfszenen hier, bloß sind sie einfacher gemacht. Das Lustige ist, dass behauptet wird, dass Kim Jong-il selbst die Drehbücher dazu schreibt und Regie führt – alles im Alleingang macht. Natürlich ist da alles total geschönt, aber man weiß, im Hintergrund lauert irgendetwas – das macht das viel unheimlicher."

Inzwischen hat sich Natascha in Andrej verliebt und vertraut ihrer Kusine Sonja (Ana Caterina Morariu) die tiefen Gefühle an, lehnt am offenen Fenster und schmachtet in die Vollmondnacht. Und natürlich steht Andrej im passenden Moment ganz zufällig am Fenster darunter ...

Etwas wagen

Klein: "Ich werde ja mit dem Alter etwas rührseliger. Gegen Schnulzen habe ich per se nichts – und es gibt Hollywoodmärchen, die sind extrem gut gemacht, das ist dann schon etwas anderes."

Teil eins endet mit dem Ball zur Feier des Friedens von Tilsit. Andrej mit Blick auf Natascha am anderen Ende des Saales: "Wenn sie sich jetzt umdreht, wird sie meine Frau." Ein Zoom auf den blonden Nacken, und der Kopf dreht sich langsam um. Klein, schon fast verzweifelt: "Das ist alles so eingefahren in Klischees. Tolstois 'Krieg und Frieden' – das könnte man doch ganz anders aufbereiten! Aber dazu müsste man einmal etwas wagen und nicht alles vom Feldherrenhügel aus zeigen. Wenn man dann auf die Schnauze fällt, macht das ja nichts – aber wenn man gar nicht erst anfängt ..." (DER STANDARD, Printausgabe, 4.1.2008)

Foto: ORF/Ali Schafler

Als erster Österreicher gewann Robert Dornhelm, der in den 60er-Jahren Dokumentarfilme für den ORF drehte, für seine TV-Serie "Anne Frank - The Whole Story" (2001) den US-Fernsehpreis Emmy. Die erste Kinoarbeit des 1947 in Rumänien geborenen Regisseurs, "The Children of Theatre Street", war 1977 für einen Oscar nominiert worden. Seit damals lebt Dornhelm, dem 1985 mit dem Film "Echo Park" der Durchbruch gelang, in Los Angeles. Seine letzte Fernseharbeit war "Kronprinz Rudolfs letzte Liebe", gegenwärtig arbeitet er an einer Dokumentation über Herbert von Karajan sowie einer Verfilmung von "La Bohème" mit den Publikumslieblingen Anna Netrebko und Rolando Villazon. (ih)



Ein Seewolf für Tolstoi
Zur Produktion von "Krieg und Frieden": Dornhelm verfügte über ein Budget von mehr als 26 Millionen Euro

Ettore Bernabei, Filmproduzent und legendärer ehemaliger Rai-Chef, habe ihm einen Seewolf in Salzkruste gekocht, ehe er ihm das Angebot zu "Krieg und Frieden" machte, schreibt Robert Dornhelm im Vorwort eines kartonierten Bildbandes, den Eos-Entertainment, ZDF und ORF zur deutschsprachigen Premiere der Verfilmung verschickten. Das Treffen habe Eos-Chef Jan Mojto organisiert, der mit Bernabeis Filmfirma Lux Vide für die Produktion verantwortlich zeichnet, an der letztlich ("Eine Geldfrage.") sieben Länder beteiligt waren. Insgesamt verfügte Dornhelm daher über ein Budget von mehr als 26 Millionen Euro, der ORF steuerte dazu eine Million bei und sendet nun in den ersten beiden Jännerwochen zeitgleich mit ZDF.

Gedreht wurde an dem Kostümfilm auf Englisch knapp fünf Monate lang, mit Schauspielern aus unter anderem Deutschland, Italien, Frankreich und Russland (darunter Malcolm McDowell, Hannelore Elsner, Ken Duken, Alexander Beyer und Alessio Boni), an 105 Schauplätzen teils in Russland, viel in Litauen (etwa die großen Schlachten von Austerlitz und Borodino). Für die opulenten Schlacht- und Ballszenen wurde mit insgesamt 15.000 Komparsen gearbeitet.

Ursprünglich hatten die Produzenten über sechs Fernsehabende nachgedacht, vier wurden es tatsächlich, immerhin knapp 400 Fernsehminuten nach dem Drehbuch von Enrico Medioli, Lorenzo Favella und Gavin Scott nach dem Roman von Tolstoi. (ih)

  • Napoleons (Scali Delpeyrat) Blick schweift über das Feld nach dem Ende der Schlacht bei Austerlitz, vor ihm, die Fahne fest umklammert, der schwerverletzte Prinz Andrej (Alessio Boni).
    foto: orf/eos entertainment/morris puccio

    Napoleons (Scali Delpeyrat) Blick schweift über das Feld nach dem Ende der Schlacht bei Austerlitz, vor ihm, die Fahne fest umklammert, der schwerverletzte Prinz Andrej (Alessio Boni).

  • Zu viel Aufwand für die Schlacht: "Harald Schmidt könnte das mit Playmobil-Figuren nachspielen, und das wäre wohl noch unterhaltsamer", meint Rudi Klein.Zur PersonSeit bald 25 Jahren zeichnet Rudi Klein – oftmals unter den Pseudonymen Ivan Klein oder Ruud Klein – für die "Süddeutsche Zeitung", das Satiremagazin "Titanic", den "Falter", "profil" und "trend" bärbeißige Cartoons, in denen Lustigkeiten vorkommen wie: "Kommt ein Mann zum Psychiater, sagt der Psychiater: Wollen Sie jetzt mit Ihrer Mutter schlafen, oder mit meiner?" Im STANDARD erscheint jeweils in der Wochenendausgabe die "Lochgott"-Karikaturen-Serie des 1951 in Floridsdorf Geborenen. Erst kürzlich erschienen diese Cartoons auch in Buchform: "Lochgott, die Bibel des tiefen Gottes." (Czernin Verlag)Linkkleinteile.at
    foto: standard/ regine hendrich

    Zu viel Aufwand für die Schlacht: "Harald Schmidt könnte das mit Playmobil-Figuren nachspielen, und das wäre wohl noch unterhaltsamer", meint Rudi Klein.

    Zur Person
    Seit bald 25 Jahren zeichnet Rudi Klein – oftmals unter den Pseudonymen Ivan Klein oder Ruud Klein – für die "Süddeutsche Zeitung", das Satiremagazin "Titanic", den "Falter", "profil" und "trend" bärbeißige Cartoons, in denen Lustigkeiten vorkommen wie: "Kommt ein Mann zum Psychiater, sagt der Psychiater: Wollen Sie jetzt mit Ihrer Mutter schlafen, oder mit meiner?" Im STANDARD erscheint jeweils in der Wochenendausgabe die "Lochgott"-Karikaturen-Serie des 1951 in Floridsdorf Geborenen. Erst kürzlich erschienen diese Cartoons auch in Buchform: "Lochgott, die Bibel des tiefen Gottes." (Czernin Verlag)

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    kleinteile.at

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