Das trügerische Parfum der Bläulingsraupen

3. Jänner 2008, 20:00
22 Postings

Nachwuchs bestimmter Schmetterlinge nistet sich bei Ameisen ein - ein chemisches Wettrüsten ist die Folge des Musterbeispiels für Sozialparasitismus

Washington - Es ist Spätsommer. Eine warme Brise streicht über die Feuchtwiese. Binsen und Pfeifengras wiegen sich. Auch die blauen Blumen des Lungen-Enzians schaukeln sanft. Eine winzige Raupe fällt zu Boden. Zuvor hat sie sich noch an den zarten Blütenblättern gütig getan, aber hier unten sieht's mager aus. Ist ihr Schicksal jetzt besiegelt?

Schon bald krabbelt eine futtersuchende Ameise herbei, packt die Raupe mit ihren Kiefern und trägt sie flink zum Nest. Dort wird die Schmetterlingslarve jedoch nicht verspeist, sondern geradezu fürstlich empfangen.

Die Arbeiterinnen kümmern sich vorbildlich um den beinlosen Gast. Es fehlt der Raupe an nichts. Sie wird gefüttert, als wäre sie eine Ameisenlarve. Den ganzen Winter verbringt sie im unterirdischen Gängesystem und wandelt sich erst im darauffolgenden Sommer zum graublauen Falter.

Die sonderbare Entwicklungsgeschichte des Kleinen Moorbläulings (Maculinea alcon) und vier weiterer europäischer Arten derselben Gattung gilt unter Biologen als Musterbeispiel für Sozialparasitismus. Die Ameisen füttern die Raupen durch, oft sogar auf Kosten ihrer eigenen Larven. Die Bläulinge wiederum sind für ihre Entwicklung vollkommen auf Ameisen der Gattung Myrmica angewiesen. Ein typischer Fall von Koevolution.

Perfekte Duftimitation

Wie die Raupen die Ameisen dazu bringen, sie zu "adoptieren", konnte erst vor einigen Jahren geklärt werden. Der Maculinea-Nachwuchs trägt an seiner Außenhaut dieselbe Kombination aus komplexen Kohlenwasserstoffen wie seine Gastgeber. Sie haben deren Duft nahezu perfekt imitiert. Infolgedessen halten Myrmica-Arbeiterinnen am Boden liegende Raupen für ihre eigene Brut, und die muss natürlich versorgt werden.

Die Bindung zwischen Bläulingen und ihren Wirten ist überaus eng. In den meisten Fällen ist das "Parfüm" einer Maculinea-Art ganz genau auf eine Myrmica-Spezies abgestimmt. Doch nicht beim Kleinen Moorbläuling.

In Nordwesteuropa parasitisiert Maculinea alcon sowohl auf Myrmica rubra wie auch auf M. ruginodis, in Österreich dagegen auf M. scabrinodis. Und dies, obwohl alle drei Ameisenarten in beiden Regionen vorkommen. Woher rührt diese Flexibilität?

Ein internationales Forscherteam rund um den Biologen David Nash von der Universität Kopenhagen hat das Phänomen in Dänemark genauer untersucht und berichtet in der neuen Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift Science (Bd. 319, S. 88) über eine erstaunliche Entdeckung: Die Koevolution zwischen Faltern und Wirten hat keineswegs einen stabilen Zustand erreicht.

Vielmehr findet vor allem zwischen Kleinen Moorbläulingen und Myrmica rubra ein regelrechtes chemisches Wettrüsten statt. Parasitisierte dänische M.-rubra-Populationen sind untereinander genetisch deutlich verschieden. Sie verändern ihren Dufterkennungs-mechanismus als Abwehrreaktion gegen die trickreichen Schmarotzer, und die Schmetterlinge passen sich wiederum daran an.

Sollte Letzteres in einer bestimmten Region vorübergehend nicht gelingen, dann können die dort lebenden Bläulinge auf M. ruginodis ausweichen. Flexibilität wäre somit eine zusätzliche Überlebensstrategie.

Optimal dürfte diese Form der Asylsuche allerdings nicht sein. Je mehr der Duft des Bläulingsnachwuchses dem der Ameisen gleicht, desto rascher erfolgt die Adoption, wiesen die Experten nach. "Wenn die Raupen nicht schnell genug eingesammelt werden", so Studienautor David Nash im Gespräch mit dem Standard, "können sie ganz einfach verhungern oder Räubern zum Opfer fallen." (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. Jänner 2008)

  • Ein Moorbläuling bei der Eiablage auf einem Lungen-Enzian.
    foto: david nash

    Ein Moorbläuling bei der Eiablage auf einem Lungen-Enzian.

  • Eine durch Duft irregeleitete Ameise trägt eine Raupe des Bläulings liebevoll ins Nest.
    foto: david nash

    Eine durch Duft irregeleitete Ameise trägt eine Raupe des Bläulings liebevoll ins Nest.

Share if you care.