Liftstreit im Biedermeierhaus

14. Jänner 2008, 14:45
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Hilfe für an Muskeldystrophie erkrankten Galeriebesitzer - Rechtsanwalt klagte Rollstuhlfahrer wegen Besitzstörung

Wien – Vier Stufen haben Serafin G. lange Zeit das Leben schwergemacht. Ins Theater, in den Urlaub, zum Elternsprechtag – egal, wohin er wollte, die vier Stufen im Eingangsbereich des Biedermeierhauses in der Wiener Josefstadt, wo Herr G. wohnt, konnte er nicht allein überwinden. Da konnte auch der tolle elektrische Rollstuhl, der den an Muskeldystrophie erkrankten Galeriebesitzer mobil hält, nichts ausrichten.

Bis Anfang Oktober des vergangenen Jahres schließlich die Technik auch dieses Barriereproblem löste: Der kleine maßgefertigte Lift, mit dem Herr G. nun über die vier Stufen schweben kann, hat 12.000 Euro gekostet. Das vollautomatische Gerät ist mit einer ausklappbaren Plattform ausgestattet und außerdem so konstruiert, dass die Transportschiene als Handlauf benützt werden kann, wenn der Lift nicht in Betrieb ist – was vor allem ältere Patienten einer ebenfalls im Haus ansässigen Arztpraxis schätzen.

Doch jetzt soll der hilfreiche Heber wieder weg. Das verlangt zumindest eine Partei der Hausgemeinschaft, die ausschließlich aus Wohnungseigentümern besteht. Der Mann, Rechtsanwalt von Beruf, hat den Galeriebesitzer auf Besitzstörung geklagt. Der Prozess ist noch im Laufen, die nächste Verhandlung am Bezirksgericht Josefstadt gleich ums Eck wird Ende kommender Woche stattfinden.

Spielregeln

Wohl auch wegen des offenen Verfahrens hielt der Rechtsanwalt auf telefonische Anfrage des Standard seine Antwort knapp. Er bedauere, dass es so weit gekommen sei, aber es gebe "gesetzliche Spielregeln", die nicht eingehalten worden seien. Der Lift sei in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eingebaut worden. Für weitere Auskünfte sei er nur auf briefliche Anfrage bereit, erklärte der Rechtsanwalt.

Serafin G. ist hingegen der Meinung, dass er nicht ungesetzlich gehandelt hat. Den einzigen Vorwurf, den er sich selbst macht, ist, "dass ich bei einer Hauseigentümerversammlung nur mündlich um Zustimmung für den Lift gebeten habe". Damals habe aber niemand Einspruch erhoben, erinnert er sich. Mittlerweile gebe es außerdem von fast allen Bewohnern des Hauses schriftliche Einverständnis-erklärungen.

Ohne Lift würden die vier Stufen für Serafin G. jedenfalls wieder zu dem, was sie vorher waren: einer unüberwindlichen Hürde. (Michael Simoner, DER STANDARD - Printausgabe, 4. Jänner 2008)

  • 12.000 Euro musste Herr G. hinblättern, damit er mit dem kleinen Lift endlich wieder ohne fremde Hilfe die vier Stufen im Eingangsbereich überwinden konnte.
    foto: robert newald

    12.000 Euro musste Herr G. hinblättern, damit er mit dem kleinen Lift endlich wieder ohne fremde Hilfe die vier Stufen im Eingangsbereich überwinden konnte.

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