Underdog hat Oberwasser

3. Jänner 2008, 10:49
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Rotgipfler Tagelsteiner vom Weingut Stadlmann ist ein äußerst würdiger Repräsentant für die Brillanz der Thermenregionsspezialitäten im Jahrgang 2006

Dass die Thermenregion einem schon von Grund auf beeindruckenden Weißweinjahrgang wie 2006 mit den beiden Regionspezialitäten Zierfandler und Rotgipfler noch eines draufsetzt, ist höchst erfreulich. Beide Regionssorten, die ja leider in Österreich angesichts der Strahlkraft von Veltliner, Riesling und Konsorten, etwas an den Rand der Wahrnehmung gedrängt werden, brachten in diesem Jahrgang Traum-Ergebnisse.

Der Rotgipfler "Tagelsteiner" von Johann Stadlmann, der ja viel öfter als Mister Zierfandler wahrgenommen wird (Mandel Höh 2006!), ist ein Musterbeispiel für die geschmackliche Komplexität und das Potenzial dieser Sorte, von der es in Österreich gerade einmal noch etwa 100 ha gibt. Tagelsteiner 2006 ist - wie für Rotgipfler typisch - insgesamt nobel zurückhaltend und spielt eine Komplexität aus, bei der man ins Schwärmen kommt: von reifen, fruchtsüßen Mangos bis zu einem leicht säuerlichen Weingartenpfirsich ist so einiges vertreten, was das Riechen an einem Wein erfreulich macht - in aller Zurückhaltung und keinesfalls als plakativ "kleschende" Aromatik wohlgemerkt. Dazu kommen viel Extrakt (nicht mit Alkoholpower zu verwechseln), eine feine Mineralität und eine cremig-softe Konsistenz, die von einem feinen Säureteppich gestützt wird, was den Wein insgesamt außergewöhnlich balanciert und elegant macht. All das in Kombination mit der beeindruckenden geschmacklichen Länge verweist auf viel Entwicklungspotenzial.

Die Lage Tagelsteiner sei schon ewig im Haus, erzählt Stadlmann, und wurde auch immer unter der Bezeichnung "Rotgipfler" in der Liga "Spätlese trocken" (hochreif bei der Lese, d.h. mindestens 20 ° KMW, und völlig durchgegoren) ausgebaut, wo sie wesentlich vielschichtigere Fruchtaromen bringt als bei niedrigerer Gradation. Als Lage am Etikett angeführt findet man "Tagelsteiner" erst seit wenigen Jahren, nachdem Stadlmann bei Rotgipfler eine leichtere Rotgipfler-Schiene eingezogen hat und er Tagelsteiner in all seiner Macht als Lagenwein quasi deklarieren musste. Der Weingarten liegt in der Gemeinde Pfaffstätten und hat einen kräftigen Boden mit Braunerde, Schotter und sandigen Lehm. Sie ist südöstlich exponiert und hat trotz des kalkigen Untergrunds und des hohen Steinanteils ein gutes Wasserspeichervermögen.

Weine "leicht, lustig, trocken" sind zwar hierzulande höchst beliebte Typen. Dafür eignen sich allerdings andere Rebsorten viel besser als die beiden Thermenregionsspezialitäten, die eher dem Typ "gediegen, zurückhaltend, lagerfähig" zuzuordnen sind. Im Zuge des Trends zu Regionalität und Unverwechselbarkeit erleben nun Zierfandler und Rotgipfler auch ein höchst erfreuliches Revival, das allerdings, wie Johann Stadlmann bemerkt, im Ausland stärkere Auswirkungen zeigt. Eine mögliche Erklärung dafür: Dort ist man gewöhnt, Weißweine nicht in der ersten Jugendblüte "dahinzuraffen", sondern gewährt ihnen zwei, drei, vier Jahren in der Flasche, ohne Winzer anzupflaumen, dass diese Weine ja wohl schon alt sein müssen, wie man es hier bei Großverkostungen leider noch immer zu oft hört. Speziell Rotgipfler und Zierfandler zählen zu jenen Sorten, denen man diese Reifezeit zugunsten des Geschmacks ruhig gönnen darf. (Luzia Schrampf)

Rotgipfler „Tagelsteiner“ 2006 ab Hof 12 €
Weingut Johann und Michaela Stadlmann,
Wiener Straße 41, A-2514 Traiskirchen,
Tel. 02252/ 523 43; stadlmann-wein.at
  • Der Rotgipfler „Tagelsteiner“ 2006 ist ein Musterbeispiel für die geschmackliche Komplexität und das Potenzial dieser Sorte
    foto: weingut stadlmann

    Der Rotgipfler „Tagelsteiner“ 2006 ist ein Musterbeispiel für die geschmackliche Komplexität und das Potenzial dieser Sorte

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