Mwai Kibaki, einst Hoffnungsmann Kenias, klammert sich an die Macht
Mit seinem Sieg hatten zuletzt nur noch engste Anhänger gerechnet: Mwai Kibaki galt seit Monaten als politisches Auslaufmodell. Umfragen hatten stets seinen Herausforderer Raila Odinga vorn gesehen, und auch bei der Auszählung der Ergebnisse lag der 76-Jährige lange zurück. In letzter Minute jedoch wendete sich das Blatt - offensichtlich, so räumt inzwischen selbst Kenias Wahlleiter ein, dank einer Wahlfälschung.
Dass er die nötig hatte, überrascht eigentlich. Denn in seiner ersten Amtszeit machte er vieles besser als sein Vorgänger Daniel arap Moi, der mehr als zwanzig Jahre lang autokratisch regierte. Die Wirtschaft wächst so stark wie lange nicht, Bauern bekommen mehr für ihre Produkte; Opposition und Presse sind so frei wie nie zuvor.
Kurz nach seinem Wahlsieg vor fünf Jahren gegen den von Moi persönlich ausgesuchten Nachfolger war Kibaki in den Straßen wie ein Popstar gefeiert worden. Er versprach den Wechsel, die blühende Korruption solle endlich eingedämmt werden. Mit dem Ruf des Saubermanns war es aber vorbei, als Kibaki tatenlos zusah, wie seine Minister hemmungslos Staatsgelder für sich abzweigten und ein Korruptionsskandal nach dem anderen zum Vorschein kam. Der von Kibaki benannte Korruptionsbeauftragte musste nach London fliehen, um sein Leben zu schützen.
Der oft alt und schwach wirkende Kibaki, im Wahlkampf 2002 bei einem Autounfall schwer verletzt, schwieg zu alldem. In seiner ganzen ersten Amtszeit gab er kein einziges Interview. Sein Versprechen, die Macht des Präsidenten zu beschneiden, brach er ebenso wie das, seinen damaligen Unterstützer Raila Odinga als Premier zu installieren. Der Streit um die Verfassung, die Kibaki eigenmächtig abänderte, bescherte ihm in einer Volksabstimmung eine empfindliche Niederlage, nach der er einen Wechsel des Personals ankündigte. Doch in der neuen Regierung saßen noch mehr Vertreter des alten Regimes, was viele einstige Unterstützer Kibakis endgültig schockte. Dass sich Kibaki im Wahlkampf mit Moi selbst zusammentat, war für viele der Höhepunkt des Verrats der alten Ideale.
Zudem umgab er sich mit einem undurchsichtigen Beraterstab aus ethnischen Kikuyu, genannt "Mount-Kenya-Mafia". Das schürte den Hass auf die größte und seit der Kolonialzeit privilegierte Ethnie. Ganze Regionen unterstützten Odinga bei der Wahl, um Kibaki und damit auch die Kikuyu endlich von der Macht zu vertreiben. Ob sich Kibaki im derzeitigen Chaos an der Macht halten kann, ist ungewiss. Viele seiner ehemaligen Unterstützer sind der Meinung, für den mehrfachen Großvater und passionierten Golfspieler sei es an der Zeit, sich einen gemütlichen Lebensabend auf seiner Farm im Hochland zu gönnen. (Marc Engelhardt/DER STANDARD, Printausgabe, 3.1.2008)