Alkoholisierter Fliegensex

14. Jänner 2008, 14:27
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Täglicher Alkoholkonsum wirkt sich auch auf das Sexualleben männlicher Fruchtfliegen aus

In ihrer Enthemmung interessieren sie sich auch für männliche Kollegen. Fragwürdig ist allerdings, ob sich daraus irgendwelche Schlüsse für den Menschen ableiten lassen.

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State College - In Großbritannien versuchte man dieses Mal, das Problem vorsorglich zu entschärfen. Weil in der Silvesternacht junge Britinnen besonders viel Alkohol konsumieren, entsprechend enthemmt sind und besonders oft ungewollt schwanger werden, hat man vorab Verhütungsmittel unter das Volk gebracht. Ob es etwas geholfen hat, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

Dass sich Alkoholkonsum auf das Sexualverhalten des Menschen eher "befreiend" auswirkt, wissen die meisten von uns nicht zuletzt aus eigener Anschauung - und wurde auch schon bei allen möglichen Tierarten wissenschaftlich nachgewiesen.

Seit kurzem weiß die Forschung endlich auch, wie Alkohol sich auf die Sexualität von Fruchtfliegen (Drosophila melanogaster), einem der beliebtesten Modellorganismen der Molekularbiologie, auswirkt.

Im Gegensatz zu den jährlich einmaligen Silvestersex-experimenten der Vertreter von Homo sapiens sapiens wurden in der neuen Fruchtfliegenstudie die Auswirkungen von chronischem Alkoholkonsum untersucht - und zwar auf das Sexualleben von unterschiedlich alten männlichen Fruchtfliegen.

Tägliche Alkoholdosis

Die männlichen Modellorganismen erhielten eine tägliche Dosis von Äthanol verabreicht, um so die Trinkgewohnheiten von Alkoholikern nachzuahmen, wie Kyung-An Han sagt, einer der Studienautoren und Neurowissenschafter an der Pennsylvania State University. Dabei zeigte sich - zumindest aus menschlicher Perspektive betrachtet - nicht wirklich Überraschendes.

Wie die Forscher in der frei zugänglichen Zeitschrift "PLoS ONE" (Bd. 3, Nr. 1) schreiben, führte die tägliche Verabreichung von Alkohol zu einer eindeutigen sexuellen Enthemmung der Fruchtfliegen. Was sich vor allem daran zeigte, dass die Tierchen im alkoholisierten Zustand sehr viel häufiger ihre Geschlechtsgenossen bestiegen als im nüchternen Zustand.

Eine weitere "Entdeckung" der Forscher ist, dass die sexuellen Auswirkungen des Alkoholkonsums vom Alter abhängig sind: Ältere Fliegen (mit zwei bis vier Wochen) haben unter Alkoholeinfluss eine höhere Neigung zu "enthemmtem gleichgeschlechtlichen Werben" als jüngere Tiere.

Die Forscher können freilich nicht mit allzu vielen Erklärungen aufwarten - außer dass die Wirkung nachließ, wenn sie die Temperatur auf 32 Grad Celsius reduzierten, um so die Wirkung von Dopamin im Gehirn zu blockieren.

Entsprechend bescheiden fällt ihr Resümee aus: "Wir beginnen gerade, die molekularen und zellulären Mechanismen zu verstehen, die jene neuronalen Veränderungen im Gehirn bedingen, die durch chronischen Alkoholkonsum entstehen. Dennoch "sollte die Studie eine Grundlage für weitere Forschungen sein, die Auswirkungen von Alkoholkonsum auf das Sexualleben von Säugern untersuchen".

Ohne jede Relevanz

Barry Dickson, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für molekulare Pathologie (IMP) und einer der führenden Drosophila-Forscher weltweit (mit gleich fünf Publikationen in der wissenschaftlichen Topzeitschrift "Nature" allein 2007) ist da allerdings sehr skeptisch.

"Zumindest für den Zusammenhang zwischen menschlicher Sexualität und Alkohol haben Studien wie diese absolut keine Relevanz", so Dickson. "Das Sexualverhalten der Fruchtfliegen und der Menschen ist nämlich völlig unterschiedlich, und zwar auf jeder Ebene." (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.1. 2008)

  • Männliche Fruchtfliegen, die täglich Alkohol konsumieren, besteigen auch ihre Geschlechtsgenossen. Ob sich daraus auch etwas für den Menschen lernen lässt, darf angezweifelt werden.
    foto: imp

    Männliche Fruchtfliegen, die täglich Alkohol konsumieren, besteigen auch ihre Geschlechtsgenossen. Ob sich daraus auch etwas für den Menschen lernen lässt, darf angezweifelt werden.

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