Nichts hier ist die Zukunft: Konstantin Gropper und Get Well Soon

6. Jänner 2008, 16:37
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Weltschmerz, erhaben und schön, zu hören auch beim FM4-Geburtstagsfest: "Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon"

Ein neues Jahr, ein alter Gram. Den Deutschen Konstantin Gropper plagt auf dem nun erscheinenden Debüt seiner Band Get Well Soon ewiger Weltschmerz – allerdings so erhaben und schön wie schon lange nicht. Demnächst leidet er beim FM4-Geburtstagsfest.


Wien – Taugt Opulenz als Strategie gegen die Informationsüberreizung? Muss man im Dauerlärm des Pop noch lauter sein, noch üppiger auftragen, um auf sich aufmerksam zu machen? Ist leise das neue feig? Oder doch mutig? Gibt es ein Morgen im Heute? War da eines im Gestern? Liegt die Zukunft des Pop tatsächlich in seiner Vergangenheit?

Mit einem souveränen "Ja, aber" beantwortet der 25-jährige Konstantin Gropper derlei ihm nie gestellte Fragen auf seinem Debütalbum "Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon". Die letzten drei Worte des Albumtitels sind gleichzeitig als Bandname in Verwendung: Get Well Soon.

Ein Name, dem das Verletzliche, das Waidwunde bereits innewohnt. Und tatsächlich: Gropper spielt mit großem Aufgebot einen erhabenen Kammer- und Jammer-Pop, dessen Zutaten wie alte Bekannte wirken – und sich bei näherer Betrachtung auch als solche zu erkennen geben: Nichts hier ist die Zukunft – und doch gibt es eine.

Eine, an deren Ende der Tod als Auf- und Erlösung steht und dem der aus Oberschwaben stammende und seit einigen Jahren in – natürlich! – Berlin lebende Renaissance-Mann mit Hang zur Dandy-Mode von Vorvorgestern in all seiner elenden und endlichen Menschlichkeit entgegenschreitet. Stellenweise mit stolz erhobenem Haupt, grimmigen Gitarren, bebenden Rhythmen, insistierenden Streichern und Todesverachtung in der tendenziell brüchigen Stimme: "Shoot, baby! Shoot, baby! Pull the trigger! Fire a bullet, an arrow, or a poisoned dart, baby!"

Kunstleider ...

Diese Phasen des "Ich habe nichts zu verlieren, außer meinem Leben" konterkariert Gropper mit winselnden Balladen, in denen er sich vor unangenehmen Wahrheiten krümmt wie Thom Yorke, seines Zeichens Chef der britischen Kunstleider Radiohead.

Es sind wieder einmal Schmerzensschreie, die die gleichmacherische Kakophonie des Pop durchbrechen und die ephemere Aufmerksamkeit eines von der Qualität wahrhaftiger Gefühle weitgehend entwöhnten Publikums auf sich ziehen. Was in den letzten Jahren junge alte Schmerzensverkünder wie Conor Oberst und seine Band Bright Eyes, die euphorisch-desperaten Kanadier von Arcade Fire, erwähnte Radiohead oder die britischen Flotation Toy Warning, die ihre Seelenpein mit Zucker karamellisieren, wundersam formulierten, gelingt nun auch einem deutschen Landei in der großen Stadt.

Schon als Kind wurde Gropper von seinem Vater mit den strengen Welten eines Karlheinz Stockhausen, György Ligeti oder Krzysztof Penderecki konfrontiert. Später entwickelte er eine Liebe für die Schaltkreisarrangements des britischen Techno-Wunderkindes Richard James alias Aphex Twin. Hinzu kommt eine Neigung zu schwelgerischen Arrangements, wie man sie von den Walker Brothers, Talk Talk oder Sigur Rós kennt. Willkommen in der Referenzhölle! Doch Gropper, Preisträger des letztjährigen Erich-Fried-Kompositionswettbewerbs, durchschreitet diese nicht als platter Kopist fremder Emotionen, sondern flutet ihr gieriges Feuer knietief mit Eigenblut.

Etwa den träge stolpernden Banjo-Schunkler "Your Endless Dream". Ein Stück, das an Ennio Morricones Soundtracks für diverse "Nobody"-Western erinnert, und in dem Gropper im Duett mit seiner Schwester Verena dieser verspricht, ihr bis zum "Judgement Day" das Händchen zu halten. Schmacht und Seufz.

... in Regenwolken

In "Witches! Witches! Rest Now In Fire" umranken Streicher und feingliedriges Harfenspiel die todbringenden Flammen, das phänomenale "You/Aurora/You/Seaside" prägen Bläser, die wie Regenwolken schwer aus dem Himmel hängen und an Calexico am Weg zur ewigen Ruhe erinnern. Opulenz und Eloquenz in kongenialer Zweisamkeit.

Groppers Interesse für elektronische Musik schlägt sich in einer eher unnötigen Coverversion von Underworlds Born Slippy nieder sowie in diversem Gezirpe aus dem Laptop. Stellenweise überträgt er Teile der Rhythmusarbeit der Elektronik, verziert diese jedoch mit menschelndem Glockenspiel, einem leutseligen Akkordeon oder Streichern, die die Gesamtstimmung des Albums wesentlich mitbestimmen.

Das hat man also letztlich alles schon einmal gehört, aber eben nicht so. Nicht in dieser speziellen, aufwühlenden Zusammensetzung. Am 19. Jänner gastiert dieses Popwunder als wahrscheinlicher Höhepunkt im sonst schwächelnden Programm des 13. Geburtstagsfests des ORF-Jugendsenders FM4. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.1.2008)

Das Album
Get Well Soon: "Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon" - ab 4. Jänner bei City Slang/Universal

FM4, das 13. Fest
FM4 wird 13, ist also theoretisch ein Teenager. Doch nicht altersgemäße Renitenz oder Aufbruchstimmung charakterisieren das Programm des 13. Geburtstagsfests, das am 19. Jänner in der Wiener Arena (3., Baumgasse 80) ausgetragen wird, sondern FM4-Systemerhalter-Bands wie Nada Surf, Mauracher oder der hauseigene Songwriter Florian Horwath. Dazu gibt's Dynamite Deluxe, Chikinki, Blood Red Shoes, Superpunk, The Hoosiers zu erleben. Und - immerhin - Get Well Soon. (flu)

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Konstantin Gropper flutet auf dem Debütalbum seiner Band Get Well Soon die Referenzhölle des Pop knietief mit Herzblut. Das ergibt für 2008 ein erstes Meisterwerk. Live ist der Wahlberliner auf dem FM4-Geburtstagsfest zu erleben.
    foto: city slang

    Konstantin Gropper flutet auf dem Debütalbum seiner Band Get Well Soon die Referenzhölle des Pop knietief mit Herzblut. Das ergibt für 2008 ein erstes Meisterwerk. Live ist der Wahlberliner auf dem FM4-Geburtstagsfest zu erleben.

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