Der sinnfreie Soldat: "Rambo 4"

8. Jänner 2008, 15:49
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Im Februar kehrt ein Veteran auf die Leinwand zurück, Sylvester Stallone agiert darin in Burma

Wien – Wenn Sylvester Stallone in wenigen Wochen in der vierten Auflage der Rambo-Serie seine Wiederauferstehung als Dschungelkämpfer feiert, kommt auch die populärste Figur des traumatisierten Kriegsheimkehrers erneut zum Einsatz. Vor genau 25 Jahren lieferte sich Stallone als John Rambo zum ersten Mal in US-Wäldern einen einsamen Kampf gegen Polizei und Militär und trug somit den Vietnamkrieg als individuellen Feldzug nach Hause: Die staatliche Gewalt, der er bei seiner Festnahme durch einen örtlichen Sheriff ausgesetzt ist, assoziiert er mittels Rückblenden nicht umsonst mit den Foltermethoden des Vietcong.

In Folge sollte die über ihren stählernen Körper und exzessiven Waffengebrauch definierte Kinofigur jenen Wandel erfahren, den auch die US-Außenpolitik der Reagan-Ära in ihren damaligen asiatischen Hinterhöfen vollzog. Rambo wurde zu einem reaktionären Einzelkämpfer, der die politischen Kollateralschäden seiner Regierung etwa in Afghanistan oder Vietnam zu beseitigen hatte und der gleichzeitig als Gegenbild einer übertechnisierten, waffengläubigen Industrie- und Mediengesellschaft herhalten musste. Rambo war auch, in Abwandlung eines Standardwerks des US-Literaturwissenschafters Leslie Fiedler, die "Rückkehr des verschwundenen Amerikaners": die moderne Auferstehung des "verdrängten" Indianers, der mit Stirnband, nacktem Oberkörper und Messer einen Guerillakampf gegen jenen Staatsapparat führt, der ihn aus dem öffentlichen Bewusstsein wegsperren wollte.

Dass der mittlerweile 61-jährige Stallone mit "Rambo 4", einige Zeit mit dem Arbeitstitel "To Hell and Back" versehen, nun gerade in Burma gelandet ist, mag angesichts der Niederschlagung der Demokratiebewegung durch die Militärjunta vor wenigen Monaten unfreiwillig zynisch erscheinen – im Sinne der Geradlinigkeit der Serie aber auch als glücklicher Zufall. Tatsächlich eilt er einer christlichen Menschenrechtsorganisation zu Hilfe, deren Missionare von burmesischen Soldaten entführt wurden. Die Reaktivierung für die gute Sache fügt sich dabei nahtlos in die Reihe jener Filme der vergangenen Jahre ein, in denen Söldner in Krisengebieten humanitäre Katastrophen abwenden: Bruce Willis in Nigeria ("Tears of the Sun"), Russell Crowe in Südamerika ("Proof of Life"), Owen Wilson in Ex-Jugoslawien ("Behind Enemy Lines"). Mit "Rambo 4" schließt sich somit ein Kreis, den Stallone selbst ins Rollen gebracht hat.

Die Frage, ob mit Kinofiguren wie Rambo nur ein anderer "War against Terror" geführt wird, erfährt angesichts der realpolitischen Auslagerung von Kriegsdiensten an Privatarmeen etwa im Irak neue Bedeutung. Denn der neue, sogenannte asymmetrische Krieg scheint nicht zuletzt aufgrund seiner Undurchsichtigkeit für das Kino nach wie vor nur schwer erzählbar zu sein. Gerade deshalb könnte der anachronistische John Rambo wieder als Projektionsfläche verdrängter westlicher Neurosen dienen.

Denn er ist von der Sinnhaftigkeit seiner Einsätze überzeugt – oder hat ihre Sinnlosigkeit erst gar nicht erkannt. (Michael Pekler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.1.2008)

  • Da fällt sogar der Kobra kein Trick mehr ein: John Rambo wird demnächst wieder im Dschungel seine Pflicht tun.
    foto: warner

    Da fällt sogar der Kobra kein Trick mehr ein: John Rambo wird demnächst wieder im Dschungel seine Pflicht tun.

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