Ende des 19. Jahrhunderts begaben sich etliche herausragende Forscher auf die Jagd nach Geistern, Medien und anderen übersinnlichen Phänomenen
Seit kurzem liegt eine umfassende Darstellung dieses vergessenen Kapitels der Wissenschaftsgeschichte vor.
***Wahrscheinlich wird es auch im neuen Jahr an einer österreichischen Uni einen postgradualen Feng-Shui-Lehrgang geben und am Wifi eine Ausbildung zum Astrologen. Und womöglich wird die Asfinag auch 2008 Wünschelrutengänger beschäftigen.
Im Großen und Ganzen sind Anfang des 21. Jahrhunderts die Grenzen zwischen Wissenschaft und Okkultismus, zwischen Psychologie und Parapsychologie aber relativ klar gezogen. Vor allem im Vergleich zum späten 19. Jahrhundert. Damals nämlich feierte die Begeisterung für alle Arten von übersinnlichen Phänomenen - von der Telepathie bis zum Tischerlrücken - fröhliche Urständ.
Allem Anschein nach hatte der Siegeszug der rationalen Naturwissenschaften und insbesondere des Darwinismus eine Art spirituelles Vakuum hinterlassen, das eben mit allen möglichen Arten von Parapsychologie gefüllt wurde. Dazu kam, dass mit der Erfindung der Telegrafie Nachrichten über weite Strecken übertragen werden konnte.
Wäre es nicht auch denkbar, dass auf diese Weise die Toten zu den Lebenden sprechen könnten? In den späten 1880er-Jahren prophezeite William James (1842-1910), seines Zeichens international renommierter Philosoph und Psychologe an der Harvard Universität, dass man diese Frage in den nächsten 25 Jahren endgültig geklärt haben würde. Und er konnte sich, so wie einige andere angesehene Forscher seiner Zeit, durchaus vorstellen, dass die Antwort "ja" lauten könnte.
Der Vordenker des Pragmatismus und Bruder von Henry "Turn of the Screw" James setzte sich, wie gerne vergessen wird, intensiv für die unvoreingenommene Erforschung von Geistererscheinungen ein und war 1885 auch Mitbegründer der American Society for Psychical Research (ASPR), die sich ganz solchen Studien verschrieb.
Handgreifliche Studien
Die Mitglieder der ASPR nahmen gemeinsam mit ihren Kollegen von der britischen Schwestergesellschaft fortan unerklärliche Phänomene aller Art mit wissenschaftlicher Akkuratesse unter die Lupe und rückten dabei Medien wie Helena Blavatsky oder Leonora Piper mit verschiedensten Messgeräten durchaus handgreiflich zu Leibe.
Die US-Wissenschaftsjournalistin und Pulitzer-Preisträgerin Deborah Blum hat dieses spannende Kapitel der Wissenschaftsgeschichte akribisch recherchiert und die Ergebnisse ihrer Nachforschungen kürzlich unter dem Titel Geister-Jäger (Goldmann Verlag, 2007) auf mehr als 500 Buchseiten quellengesättigt abgehandelt.
Erstaunlich ist daran mehrerlei. Denn wer hätte gedacht, dass neben James Kapazunder wie Marie Curie oder der spätere Medizin-Nobelpreisträger Charles Richet an diesen Forschungen beteiligt waren? Oder dass die erste Sigmund-Freud-Übersetzung ins Englische auf diese Geisterjagden zurückgeht, die mit dem Tod von James 1910 langsam abklangen, auch wenn einige Phänomene - wie die Trance-Eingebungen Mrs. Pipers - bis zuletzt unerklärlich blieben?
Und schließlich stellt sich bei der Lektüre auch heraus, dass nicht Karl Popper, sondern eigentlich William James das Prinzip der Falsifikation erfunden hat. Im Hinblick auf die Existenz von Geisterphänomenen zog er nämlich den Vergleich, dass zur Herausforderung des Naturgesetzes, wonach alle Krähen schwarz sind, der Nachweis einer einzigen weiße Krähe genüge.
Bei Popper wurden daraus schwarze Schwäne.
(Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.1. 2008)