Wiens wackere Bergretter: Klingt absurd? Mitnichten

6. Jänner 2008, 18:59
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Die Wiener Bergrettung ist historisch bedingt und besteht aus immerhin 80 Personen

Puchberg – Der Schneeberg ist fest in der schützenden Hand der Bergrettungen Puchberg und Reichenau. Der ganze Schneeberg? Nein. Eine kleine Gruppe Bergsteiger aus Wien besetzt über die Wintermonate die Krempel-Hütte auf 1561 Metern Seehöhe – zumindest an den Wochenenden. Sie halten dort ihren Bereitschaftsdienst als "Wiener Bergrettung" ab.

Klingt absurd? Mitnichten. Die Wiener Bergrettung, oder richtiger gesagt, die Ortsstelle Wien, Teil der Landesorganisation Niederösterreich, besteht aus immerhin 80 Personen. Und sie versieht ihren Dienst auf der ältesten Rettungshütte Österreichs. Im Frühsommer des heurigen Jahres gab es dazu eine große Jubiläumsfeier: "70 Jahre Heinrich-Krempel-Hütte". Benannt wurde das kleine Holzhäuschen nach dem Mitbegründer des Alpinen Rettungsausschusses in Wien (ARAW) im Jahr 1896, der ersten Organisation dieser Art weltweit, Vorläufer des heutigen Bergrettungsdienstes.

Vier Wiener Bergretter oder Bergretterinnen marschieren jeden Samstag, zeitig in der Früh, mit ihren Tourenskiern knappe zwei Stunden auf die Hütte. Der Funk ist immer eingeschaltet, die Bergsteiger hören das offene Relais Schneeberg mit, und zusätzlich gibt es eine fixe Handy-Antenne. Eine Person muss die Hütte besetzt halten, der Rest geht mit Funkgeräten ins Gelände auf "Streife".

Ambulante Hilfe

Die Bergretter marschieren und fahren dann die gängigen Ski-Routen am Schneeberg ab. Dabei werden "ambulant" oder "stationär" auf der Hütte kleine Verletzungen versorgt, technische Gebrechen an Touristen-Skiern repariert oder Tourengehern und Schneeschuhwanderern der Weg erklärt.

Bei größeren Einsätzen ohne Hubschrauberhilfe, wie zum Beispiel dem Abtransport eines Verletzten bei Schlechtwetter, helfen die ansässigen Ortsgruppen mit und kommen der Wiener Truppe auf halbem Weg von unten entgegen.

"Schneller beim Verletzten"

"Bereitschaftsdienst macht Sinn, weil die Bergretter viel schneller beim Verletzten sein können, als wenn sie erst vom Tal heraufkommen müssten", erklärt Georg Bichler, Ortsstellenleiter der Wiener, die langen Wochenenddienste auf der Hütte.

Wiener "erfanden" Bergrettungswesen

Dass diese Aufgabe bis heute der Bergrettung Wien zukommt, ist geschichtlich bedingt. Die Wiener hatten das Bergrettungswesen quasi "erfunden". Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Schneeberg an den Wochenenden regelrecht überlaufen, weil den meisten Ostösterreichern das Geld fehlte, um weiter weg zu fahren. Die örtlichen Gruppen konnten den anfallenden Rettungsaufwand nicht alleine bewältigen, und so halfen die Wiener einfach mit.

Heute wird ab Ostern zusätzlich auf der am Gipfelplateau gelegenen Fischerhütte ein zweiter Bereitschaftsdienst installiert, und auf der Sophienalpe im Wienerwald unterhält die Wiener Bergrettung das ganze Jahr einen Hilfsplatz.

Ehrenamtlich

Die Bergrettermachen ihren Job ehrenamtlich, die Ausbildungskosten und die Erhaltung der Hütte werden mit Subventionen, Förderungen und Spenden finanziert. Wenn es am Samstagabend nach anstrengendem Dienst für die vier Wiener auf ihrer einsamen Hütte im Niederösterreichischen langsam gemütlich wird, dann wird ordentlich aufgekocht und Stimmung mithilfe einer alten, verstimmten Gitarre erzeugt. Der Sänger muss übrigens die Nacht nicht an einen Baum gefesselt verbringen. (Martin Grabner/ DER STANDARD, Printausgabe, 2. Jänner 2008)

  • Die Krempel-Hütte ist die älteste ihrer Art in
Österreich und Stützpunkt der Wiener Bergrettung am Schneeberg. Das rotweiße Wiener Wappen prangt, wo
ansonsten Blau-Gelb dominiert
    foto: der standard/grabner

    Die Krempel-Hütte ist die älteste ihrer Art in Österreich und Stützpunkt der Wiener Bergrettung am Schneeberg. Das rotweiße Wiener Wappen prangt, wo ansonsten Blau-Gelb dominiert

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