Vienna Art Orchestra: Mit Strauß ins Krisenjahr

6. Jänner 2008, 16:37
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VAO-Chef Mathias Rüegg im Gespräch über Neujahrsauftritte im Porgy & Bess und den Existenz gefährdenden Ausfall eines Sponsors

Wien - Wenn Dinge in Wien zweimal stattgefunden haben, spricht man schon von Tradition, heißt es. Insofern ist der Auftritt des Vienna Art Orchestra im Porgy & Bess zum Jahreswechsel gleichsam eine Uralttradition, bei der es seit wenigen Jahren darum geht, jenes walzerselige Repertoire von Johann Strauß aufs Jazzparkett zu hieven.

Hört man die kürzlich erschienene CD "All That Strauß Vol. 2" - mit ihrer ungemein druckvollen Big-Band-Arbeit -, konstatiert man auch, dass sich das Orchester nach dreißig Jahren Existenz nach wie vor auch an seine Tradition des brillanten Spiels hält, die es international zu einer der führenden Formationen gemacht hat.

Ob dieser musikalischen Lebendigkeit ist es allerdings umso unbegreiflicher, dass diese Produktion möglicherweise als Schwanengesang einer Edelcombo in die Jazzgeschichte eingehen könnte. Es fehlt nämlich Geld; mit Ende 2007 hört der Sponsorenvertrag mit der Bank Austria auf, der dem Orchester zuletzt immerhin 120.000 Euro eingebracht hat.

Das Geld fehlt

Verständlich, dass Komponist und Orchesterchef Mathias Rüegg trotz einer erfolgreich absolvierten Tournee, die in Havanna finalisiert wurde, nicht in Bestlaune ist: "Nach 30 Jahren Arbeit hätte ich mir doch eine etwas andere Situation erhofft." Die Finanzfakten: Die Stadt Wien fördert das Orchester mit jährlich 100.000 Euro, der Bund steuert 55.000 bei, und das Außenministerium gab in den letzten Jahre 25.000 Euro.

"Man muss fairerweise sagen, dass die Zusammenarbeit mit der Bank und deren Ex-Chef Gerhard Randa substanziell wichtig war. Auch den Club Porgy & Bess und den Hans-Koller-Preis würde es so nicht geben, wenn diese Unterstützung nicht existiert hätte. Aber das ist nun eben zu Ende, und wie es 2008 weitergeht, ist unklar. Wenn sich nicht etwas tut, werde ich nicht mehr weitermachen, im März 2008 fällt für mich die Entscheidung. Wegen der neuen Programme muss ich wissen, wie es weitergeht." Sein Wunsch: "Zumindest sollte der Bund bei der Summe mit der Stadt gleichziehen. Zum Vergleich: Das Orchestre National de Jazz hat ein Budget von einer Million Euro, allein fünf Leute für die Administration und im Moment ganze zwölf Musiker."

Sollte der schlimmste Fall eintreten, wäre nicht nur eine Art Lebenswerk Rüeggs zerstört. Es würde die hochkarätige österreichische Jazzszene auch eine Marke verlieren, über die heimische Talente international präsentiert wurden. Diese werden in Form von Werkverträgen bezahlt: "Jazz und Angestelltsein, das verträgt sich eigentlich nicht. Außerdem gibt es ein emotionales Ablaufdatum, und das geht ganz selten von mir aus. Dies macht auch Sinn. Es wäre entsetzlich, wenn Leute pragmatisiert würden, man muss auch Junge entdecken. Durchschnittlich bleibt man an die zehn Jahre im Orchester. Das ist eh schon sehr lange."

Er selbst ist natürlich schon von Anbeginn an dabei. Andererseits hat Rüegg viele Extraprojekte initiiert, er weicht auch mitunter ins klassische Komponierfach aus, und vor allem herrscht Szene-Konsens darüber, dass ohne sein Doppeltalent als Musiker und Manager das VAO niemals so lange durchgehalten hätte. Zudem hätte es ohne den Schweizer weder den Club Porgy & Bess noch den Hans-Koller-Preis gegeben ...

Da kommen eine Menge Erfahrungen zusammen - mit einem ambivalenten Resümee allerdings: "30 Jahre Kulturarbeit, das sind 30 Jahre des Bettelns. Es wäre schön, wenn sich das geändert hätte. Aber offenbar geht es auch um so etwas wie Selektion - nach dem Motto: ,Schauen wir einmal, wie lange einer durchhält!'"

Klar ist: Von der CD-Seite her sind keine substanziellen Einnahmen mehr zu erwarten: "In der bisherigen Form werde ich wohl keine CD mehr machen, da bin ich eher ratlos. Die Leute sind bereit, eine Eintrittskarte zu kaufen, aber nicht eine CD, auch wenn sie billig ist. Womöglich macht man nur noch für echte Fans spezielle Editionen und lockt den Rest mit etwas anderem. Vielleicht: Wenn jemand fünf Bier trinkt, bekommt er eine CD dazu! Ich weiß es wirklich nicht ..." (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12.2007/1.1.2008)

Link: www.vao.at
  • Vienna-Art-Orchestra-Chef und Komponist Mathias Rüegg: "30 Jahre Kulturarbeit heißt auch 30 Jahre betteln!"
    foto: standard / corn

    Vienna-Art-Orchestra-Chef und Komponist Mathias Rüegg: "30 Jahre Kulturarbeit heißt auch 30 Jahre betteln!"

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