"Die Bäume stehen, aber sie gehen"

6. Jänner 2008, 16:47
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Peter Waterhouse im Interview über sein Buch "(Krieg und Welt)", über das Schenken und die Kunst des Verlierens

Sein Buch "(Krieg und Welt)" ist eines der wichtigsten Werke österreichischer Literatur der vergangenen Monate. Vor wenigen Wochen wurde Peter Waterhouse mit dem Erich-Fried-Preis geehrt. Zu Cornelia Niedermeier sprach er vom Schenken und der Kunst des Verlierens.


Wien - In einem Wald, in England, zeigt ein Freund dem Erzähler einen Baum. Eine türkische Eiche, die ihren Weg auf die Insel gefunden hat. "Die Bäume stehen, aber sie gehen", heißt es dazu in "(Krieg und Welt)". Und, kurz darauf: "Die Bäume wandern auf ihren Straßen."

Peter Waterhouse' Buch "(Krieg und Welt)" - die Klammer ist Teil des Titels - als das vielleicht wichtigste Werk der österreichischen Literatur zu bezeichnen, das in den vergangenen Monaten erschien, hat dankenswerterweise bereits Wendelin Schmidt-Dengler übernommen, in der ersten Ausgabe der ORF-Buchsendung "les.art". 15 Sekunden Zeit ließ ihm das Medium, über den komplexen Inhalt zu sprechen. Auch 15 Minuten hätten wohl kaum ausgereicht, sich dem vielschichtigen Werk angemessen zu nähern, das sich jeder Zuschreibung sofort entzieht.

In zwanzig Kapiteln - oder Erzählungen - reiht es kurze Szenen, Reisen, Bilder und Gedanken. Erinnert sich der Erzähler an seinen Vater, der, im britischen Geheimdienst tätig, oft verschwunden war, für Monate als tot galt, dem Kind ein Rätsel blieb. Und dessen geheimnisvolle Existenz den Sohn lehrte, auf das Lied der Welt zu hören. Auf die Straßen der Bäume und das Glück des Verlierens.


Standard: Der Titel Ihres Buches enthält zwei mächtige Worte - Krieg und Welt -, setzt diese jedoch in Klammern.

Waterhouse: Einer der Gründe ist wahrscheinlich der, dass der Titel damit entmachtet wird - oder, mit Shakespeare gesagt, beiseite gesprochen wird, ganz nebenher und ziemlich leise. Vielleicht handelt das Buch gar nicht so sehr davon. Oder, noch abstrakter gedacht, vielleicht handelt es in gewisser Weise von gar nichts. Es verfolgt ja nicht wirklich ein Thema.

Standard: Es scheint Berührungspunkten nachzuspüren. Beispielsweise zwischen den Leben verschiedener Menschen. Der Wirkung des Vaters, seiner Rätselhaftigkeit, auf den Sohn. Eine Rätselhaftigkeit, die auch die Erzählungen dem Vater belassen.

Waterhouse: Der Vater selbst war ja jemand, der beruflich vor allem beobachten musste, wahrnehmen, aber auch urteilen, klassifizieren. Diese Haltung ist nicht nur seine, sondern eine politische, eine militärische Haltung, letzten Endes könnte man sie als Kolonialismus bezeichnen. Diesem strategischen Denken setzt das Buch die Fähigkeit entgegen, nicht zu beobachten und dennoch wahrzunehmen. Die Verhüllung ist die Antwort auf die furchtbare Beobachtungstätigkeit des Vaters.

Standard: Eine Antwort auf die Haltung der Beobachtung als Kontrolle ...

Waterhouse: Beobachtung auch als Attacke.

Standard: Das Kind, wie das Buch, beobachtet den Vater nicht ...

Waterhouse: ... es hört zu. Diese Wirkung hat die Stille des Vaters auf das Kind. Ein Vater, der wenig anwesend ist, nicht in der Lage ist, von sich zu erzählen, nicht von seiner Familie, nicht von England, nicht von der Vorgeschichte der Familie. Das Kind erlebt die Stille als Fähigkeit zu hören. Ohne still zu sein, kann man ja nicht hören.

Eine seltsame Art der Pädagogik. Der Vater erzieht ja nicht, er entzieht sich eher. Er scheint ja das eine oder das andere Mal tot zu sein. Ganz weg jedenfalls. Aber auf das kleine Kind und den Heranwachsenden hat das eine solche Wirkung, dass die Fähigkeit und die Bereitschaft zum Hören immer größer wird. Auch zum Hören von Nuancen und Winzigkeiten. Hören ist im guten Fall eine ganz ausgeglichene Form von Wahrnehmung. Dann ist alles Nuance. Das ist vielleicht die Lehre, die das Kind von diesem eigenartigen Abwesenden erhält, unerwarteterweise.

Standard: Statt des Kolonialismus, statt der Attacke gewaltfreie Verbindungen.

Waterhouse: Es gibt eine Szene im Hafen von Singapur, wo die Mutter des Erzählers, der damals noch ein kleines Kind ist, und dieses Kind am Wasser stehen und eine Familie verabschieden, die mit dem Dampfer zurückfahren. In der Szene entdeckt die Mutter einen ganz in Weiß gekleideten Offizier, der auf das Schiff geht, um auch abzureisen, einen Mann, den sie nie zuvor gesehen hat. Und er sieht sie. Und eine Zeit lang später steht er auf dem Deck und wirft so wie alle anderen Papierschlangen hinunter zu denen im Hafen. Und sie fängt diese Papierschlange auf, genau seine, und das Schiff legt ab, und die zwei sehen sich nicht mehr wieder.

Und sie hat aber die Gewissheit, mit dieser Person verbunden zu sein - durch diese Trennung. Gerade dadurch verbunden, dass es zu dieser Unterbrechung gekommen ist in diesem Augenblick. Das ist eine der für mich aufschlussreichen Szenen in dem Buch: Wie entsteht Verbindung, und wie bleibt Verbindung erhalten. Und zwar entsteht sie ohne Attacke, eine andere Form der Berührung, eine unaggressive Form. Diese unaggressive oder sehr feine Form der Berührung ist dann endlos. Wer einen anderen Menschen so fein, aber auch kurz nur berührt oder in der Hand hält - und sei es nur als Papierschlange -, der verliert ihn nie.

Standard: Gedanken über das Schenken wie das Verlieren ziehen sich ja durch viele der Erzählungen.

Waterhouse: Momente des Schenkens, des Übergebens. Ich denke an eine Szene, wo der Vater zurückkehrt von einer Reise aus Laos und Kambodscha und die Mutter ihn fragt, ob er nicht ein Geschenk mitgebracht hätte, vielleicht irgendeinen Edelstein, einen Diamanten. Und tatsächlich hat er vergessen, ein solches Geschenk mitzubringen, eine solche Art von manifestem Geschenk, die man manipulieren kann, gebrauchen kann, tatsächlich auch mitnehmen kann aus einem Land und woanders hinbringen.

Und in seinem Versuch sich zu rechtfertigen sagt er dann, ich hätte dir gern die Sprache mitgebracht, die war viel schöner als die Edelsteine. Und er spricht von der Khmer-Sprache und versucht, seine Fasziniertheit von den Lautungen dieser ganz anderen Sprache zu erzählen. Und er kann nicht von dieser Sprache erzählen. Er kann nur sagen, das Khmer besteht aus ganz kleinen Wörtern, Wörtern, die nur einen Laut haben. Es ist eine winzige Sprache. Es gibt keine großen Worte. Das fasziniert diesen Vater, und das hätte er gern mitgebracht. Statt dieses kleinen Edelsteins vielleicht einen kleinen Khmer-Laut. Und in dem Moment, wo er so erzählt, gibt er eigentlich schon das Geschenk.

Standard: Der Sohn sinnt auch nach über Geschenke des Vaters, ihre Bedeutung, etwa im Fall der Bücher, die dieser ihm hinterließ. Ein Nachdenken, das den Assoziationen folgt und teilweise zu sehr abwegigen Lesarten führt.

Waterhouse: Diese vollkommene Abwegigkeit aber berührt die Wahrheit. Das würde ich fast als Methode ansehen. Den größtmöglichen Abweg zuzulassen, oder Umweg. Und das Gegenteil wäre die Attacke. Das Missverstehen der Clowns bei Shakespeare, das ist der Weg zur Wahrheit - die aber von ihrem Gegenteil gar nicht getrennt ist. Der Clown, im "Othello" zum Beispiel, hat wenig zu sagen, aber das, was er sagt, ist immer missverständlich, irrtümlich und geht einen Umweg. Einen falschen Weg, könnte man noch genauer sagen. Der clowneske Weg als der falsche Weg, und der führt - eben nicht ans Ziel, sondern an etwas Besseres als das Ziel. Und ich glaube, dieser falsche Weg, den gehen tatsächlich die Erzählungen auch.

Standard: Vom falschen Weg noch einmal zum Verlieren. "Und verlieren war wie Erblühen", heißt es an einer Stelle in Ihrem Buch.

Waterhouse: Dahinter steht eine Szene mit Michael Hamburger, den ich oft besucht habe in England. Und da erinnere ich mich an ein Gespräch, bei dem er mir erzählt hat von einem Bild, das seine Tochter gemalt hat, die unter anderem auch bildende Künstlerin ist. Und er erzählte von diesem Bild, und das Bild hing hinter ihm an der Wand. Und er hat davon erzählt, was auf diesem Bild alles zu sehen sein könnte, er hat auch hingezeigt auf das Bild, aber nicht ein einziges Mal hingeschaut. Aber doch lang darüber gesprochen. Und je mehr er gesprochen hat über das Bild ohne hinzuschauen, desto mehr ist der Abstand zwischen ihm und diesem Bild verschwunden. Fast war er im Bild.

Diese Momente sind schwer zu beschreiben, was das ist. Dieses Verhältnis. Auch diese Bindung. Ist das Bild in dem Moment abwesend für ihn? Er deckt es eigentlich zu. Über etwas sprechen und es zugleich auch in einer Verhüllung belassen. Das eröffnet ein Riesenthema. Ich habe einen Essay geschrieben über ihn, der heißt "Die Nicht-Anschauung".

Standard: Wie die Klammern in Ihrem Titel. Eine Form der Diskretion.

Waterhouse: Das bewundere ich sehr. Finde es zum Beispiel bei dem japanischen Autor Yasushi Inoue, der seine Themen mit solcher Diskretion behandelt, dass man nicht sagen könnte, was ist denn das Thema. Eine große Kunst - sein Thema zu entstofflichen oder aufzulösen. Auch bei Tschechow. Das ist vielleicht eine Kunst, das Zentrum leer zu lassen, und das ist vielleicht eine Voraussetzung für Fülle. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12.2007/1.1.2008)

Zur Person

Peter Waterhouse, geboren 1956 in Berlin, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in Wien und Los Angeles und lebt heute in Wien. Er publizierte Gedichte, Essays, Erzählungen, Theaterstücke und Übersetzungen (u. a. von Michael Hamburger, Gerard Manley Hopkins, Biagio Marin, Andrea Zanzotto).

Bücher von Peter Waterhouse

  • (Krieg und Welt) 672 Seiten/44 Euro. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2007.
  • Die Nicht-Anschauung Versuche über die Dichtung Michael Hamburgers. Essays. 171 Seiten/ 1 CD/22,50 Euro. Folio, Wien und Bozen 2005.
  • Blumen (Dt./Jap.) 64 Seiten/12,50 Euro. Folio, Wien und Bozen 1994.
  • Das Klarfeld Gedicht Gedichte. 68 Seiten/8,80 Euro. Buch&Media 2000.
  • Im Genesis-Gelände Versuch über einige Gedichte von Paul Celan und Andrea Zanzotto. 96 Seiten/12 Euro. Verlag Urs Engeler 2001.
  • Prosperos Land 204 Seiten/19,90 Euro. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2001.
  • Sprache Tod Nacht Außen Gedicht. Roman. 180 Seiten/13,40 Euro. Rowohlt Verlag, Reinbek 1989.
  • Besitzlosigkeit - Verzögerung - Schweigen - Anarchie Erzählungen. 140 Seiten/11,50 Euro. Droschl Verlag, Graz 1985.
  • Peter Waterhouse
    foto: standard / hendrich

    Peter Waterhouse

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