"Der Fuchs und das Mädchen": Montierte Zähmung

8. Jänner 2008, 15:46
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Luc Jacquet hat seine tierischen Helden diesmal quasi vor der Haustür gefunden: "Der Fuchs und das Mädchen" erzählt von alten Menschheitsfantasien

Wien – Ein zehnjähriges Mädchen begegnet auf dem Schulweg hinunter ins Tal einem scheuen Vierbeiner. Die Begegnung hat Folgen. Das Mädchen (Bertille Noël-Bruneau) möchte den Fuchs, der, wie sich herausstellt, eine Füchsin ist, gerne zähmen. Es stellt sich einen Spielgefährten vor, der die Zuneigung seiner kleinen Freundin erwidert.

Der Film – und das unterscheidet ihn vielleicht am deutlichsten von ähnlichen Geschichten – lässt dies aus dem Off von der Stimme der nunmehr erwachsenen Heldin erzählen. Mit diesem Kniff hält er alle möglichen Zuschreibungen an das Tier (und dessen Gefühlshaushalt) zumindest in Schwebe, weist sie als Wunschvorstellung einer Zehnjährigen aus.

Sehen tut man währenddessen eher so etwas wie die Fuchswerdung des kecken Mädchens, das mit den kleinen roten Haarknoten links und rechts oben am Kopf ohnehin etwas Füchsisches hat. Im Gefolge des Vierbeiners entdeckt es den Wald und seine Bewohner. Es streift über Berghänge, erkundet gewaltige Felshöhlen oder gelangt bis an die hohen zerklüfteten Ufer eines Wildbachs – was eigentlich allen Kindern der Gegend streng verboten ist.

Familientauglich

Damit der Film familientauglich bleibt, muss anstelle der Idee einer Verwilderung also doch irgendwann wieder die Auseinandersetzung mit ihrem Gegenteil in den Vordergrund treten ...

Luc Jacquet, dem vor zwei Jahren mit Die Reise der Pinguine/La Marche de L’Empéreur ein Überraschungserfolg inklusive Oscar-Prämierung gelang, hat nun einen Spielfilm gedreht, der sich quasi vor der eigenen Haustür des Franzosen umsieht. Statt der Pinguine gibt es hier einen Braunbären, Wölfe oder einen hungrigen Luchs, der dem Fuchs eine rasante Verfolgungsjagd bietet. Aber auch Glühwürmchen, Feuersalamander oder Kröten liefern Spezialeffekte frei Haus. Die Fantasie, die der Film verkauft, ist jene einer noch weitgehend "intakten" Natur. Keine Spur von Zivilisationsmüll, keine Abholzung, kein Abbau und keine verkehrstechnische Erschließung, kaum Anwohner und keine Freizeitsportler. Und gar keine Rede von Tollwut oder davon, dass auch Füchse längst Stadtbewohner sind.

Montagearbeit

Um dieses Biotop auf die Leinwand zu bannen, war filmische Montagearbeit vonnöten. Gedreht wurde an Originalschauplätzen in Frankreich und Italien wie im Studio. Und wie aufmerksamen Zuschauern nicht entgehen wird, ist "der Fuchs" eine ähnliche Konstruktion: sechs wilde, sechs zahme Füchse haben ihm ihre Talente geliehen.

Insgesamt ist der Film also ein hochtechnisiertes, logistisch aufwändiges Unternehmen. Dass er dies nicht offenlegt, muss man ihm nicht unbedingt vorwerfen, das teilt er bloß mit dem Gros der Spielfilmproduktion. Dass Jacquet mehr als großzügig Klebstoff in Form von Musik oder des erwähnten, recht gespreizt formulierten und betulich vorgetragenen Off-Kommentars aufträgt, stört da schon eher. Zumal wenn man bemerkt, dass die eindrücklichsten Szenen ganz ohne sie funktionieren. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.12.2007)

  • Der Fuchs und das Mädchen
    foto: kinowelt

    Der Fuchs und das Mädchen

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