Eine Stadt in pechschwarzen Klamotten

6. Jänner 2008, 16:47
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Berlin ist dunkel. Das Buch ist schwarz. Die Kombination ist erhellend und freundlich. Dieter Grubes "Berlin im Licht der Nacht. Berlin by Night"

In den vergangenen fünf Jahren hat der aus Heidelberg gebürtige Dieter Grube die nächtliche Hauptstadt durchwandert und auf Diafilm festgehalten. Die Ausbeute diente zunächst DJs als Bildtapeten.

Jetzt ist sie ein Bildband, eine fast trotzige Sympathierklärung an die Stadt, die schon in den Fünfzigerjahren, anders als die brave Bundesrepublik, keine Sperrstunde kannte.

Schön im herkömmlichen, städtetouristischen Sinn war Berlin wahrscheinlich nie, aufregend immer, vor allem, wenn du eine Alternative zum Normbild der glatten, modernen Metropole gesucht hast. Im Buch findest du: ein Gasometerskelett am Ende einer Häuserzeile, mit roten Lichtern geschmückt wie ein Weihnachtsbaum oder eine Animierbar; Mauerreste, Stadtautobahnen, türkische Brautkleiderläden, Cocktailreklamen in Kreuzberg und Hochsicherheitstrakte hinter Stacheldraht, alle im Schein von Neonröhren, Ampeln, einer einsamen Glühbirne oder im Widerschein von Regenpfützen.

Gewöhnst du dich erst mal daran, dass die Grundierung dunkel ist, dann lernst du Berlin neu zu lesen. Du erkennst die Unterschiede zwischen dem alten Milieu, der Nachkriegsmoderne und der Nachmauerpostmoderne – auch und gerade bei Nacht.

Gut ausgesuchte Texte (auf Deutsch und Englisch) geben Einblicke in andere Aggregatzustände der Stadt – oder der Dunkelheit – frei. Carl Zuckmayer erinnert sich an seine erste Nacht in Berlin: "eroberte Provinz". Siegfried Kracauer, Christopher Isherwood, Funny van Dannen nähern sich mehr oder weniger direkt dem Urbanen an, sehr direkt Françoise Cactus, zugereiste Französin: Sie hat die Stadt der "pechschwarzen Klamotten" vor und nach dem Mauerfall lieben gelernt. Und Heinrich Heine hat schon vor fast 200 Jahren festgestellt, dass Berlin bei Nacht und unter trunkenem Blick seine Strenge verliert; und dass seine Bewohner es nicht nötig haben, von irgendwem gelobt und gefeiert zu werden. (Michael Freund, DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.12.2007)

Dieter Grube, "Berlin im Licht der Nacht. Berlin by Night". € 24,90/111 Seiten. Parthas Verlag, Berlin 2007.
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    foto: der standard
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