Unterm Plastikchristbaum: Armut in einem der reichsten Länder der Welt

24. Jänner 2008, 11:14
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5,2 Prozent der Bevölkerung sind arm - Scharfe Grenze: "Die Leute sind entweder nur arm oder reich" - mit Infografik

Armut ist so, wie man sie sich vorstellt, zumindest im Fall von Silvia K. Die zierliche 43-jährige Frau ist Alleinerzieherin einer Tochter, lebt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Gemeindebau und kann aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten gehen. Ein Bandscheibenvorfall - sie hat eine Bandscheibenprothese - und die Krümmung in der Halswirbelsäule machen ihr das Leben schwer. Dann kommt noch dazu, dass Frau K. kein Geld hat - von den Depressionen, an denen sie seit 20 Jahren leidet und die sie kaum eine Nacht durchschlafen lassen und sie so antriebslos machen, dass sie kaum aus der Wohnung geht, ganz zu schweigen.

5,2 Prozent der Bevölkerung

Frau K. ist eine von vielen, genauer gesagt, eine von 420.000 Menschen in Österreich, die von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen sind. Das sind 5,2 Prozent der österreichischen Bevölkerung.

"Hier sind so viele Leute in Not. Überall, wo ich hinschaue, die Leute sind verschuldet", sagt die ehemalige Verkäuferin. Mit "hier" meint sie ihre Umgebung, die Menschen, die auch Gemeindebaublock im 5. Wiener Gemeindebezirk leben. 411 Euro bekommt sie Pensionsvorschuss, 280 Euro vom Sozialamt, 160 Euro Familienbeihilfe, 267 Euro Halbwaisenpension für die Tochter und 84 Euro Wohnbeihilfe. Davon bestreitet sie Miete, Strom, Fernwärme, den Alltag. "Meine Tochter ist Halbwaise, alles lastet auf mir." Kaum geht es bei Mutter und Tochter finanziell und seelisch kurz bergauf, passiert die nächste Katastrophe. "Jetzt ist mir auch der alte Staubsauger eingegangen", sagt die Frau resigniert.

Minus-25-Prozent-Einkauf

Von einmaligen Zuwendungen von der Katastrophenhilfe Österreichischer Frauen (KÖF), der Caritas und vom Roten Kreuz konnte sie in den vergangenen Jahren Rechnungen bezahlen. "Und bitte schreiben Sie: Ich danke Frau Sylvia Siegl von der Diakonie Wien und Herrn Wieslaw Krynski vom Roten Kreuz", bittet K. Mit diesen Helfern wurde eine Fernwärmerechnung von über 360 Euro von der individuellen Spontanhilfe des Roten Kreuzes bezahlt. Das Evangelische Sozialzentrum betreute 2006 neben Frau K. noch 880 Klienten, 40 Prozent Migrantenfamilien.

"Ich lebe sehr sparsam. Ich kaufe immer bei Hofer und schaue auf Angebote. Zum Zielpunkt gehe ich immer nur am Freitag, wenn Minus-25-Prozent-Aktion ist. Die Leute sind entweder nur arm oder reich. Die Mittelschicht gibt es nicht mehr."

"Working poor"

Armut ist laut Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich, nicht nur der Mangel an Geld: Die Kombination von schlechtem Gesundheitszustand, prekären Wohnbedingungen, "working poor", mache die Definition von Armut aus.

Laut Armutskonferenz besitzen die obersten zehn Prozent zwei Drittel des Gesamtvermögens in Österreich. Die Gewinnquote wie auch die Gesamtvermögen steigen, doch auf immer mehr Vermögen gibt es immer weniger Steuern, steht im Reichtumsbericht 2005 des Sozialministeriums. Das bedeutet, dass das unterste Einkommensdrittel durch Massensteuern doppelt so stark belastet wird wie das oberste. 180.000 Menschen beziehen in Österreich Sozialhilfe, inklusive Jugendlichen und Beziehern in Alten- und Pflegeheimen.Im Vergleich zu 2005 ist dies ein Anstieg von 5,2 Prozent.

Schenk spricht auch vom "prekären Wohlstand" der unteren Mittelschicht, die armutsgefährdet ist. Diese hat zwar Haus, Wohnung oder anderes Eigentum, finanziert es aber mit Krediten und unsicheren Jobs.

100 Euro zum Leben

"Ich weiß nicht, ob Sie meinen Fall unter 'Armut' einreihen würden", sagt Frau H. Die 40-Jährige hat eine Tochter, bei der Ärzte im Alter von einem Jahr einen Gehirntumor festgestellt haben. Sie wurde viermal operiert und hat 16 Chemotherapien hinter sich. Seitdem arbeitet Frau H., die drei Ausbildungen absolviert hat und selbstständig tätig war, nicht. Ihr Mann verdient nur 1000 Euro im Monat. Nach außen hin schaut die Familie normal aus: "Wir wollten, bevor das Kind kam, alles perfekt einrichten und sind in eine neue Wohnung gezogen", doch 100 Euro ist die Differenz, die zum Leben übrigbleibt, wenn man alle Kosten abzieht. Für die ärztliche Behandlung der Tochter ist die Stiftung des Arbeiter-Samariter-Bundes "Fürs Leben" mit 500 Euro aufgekommen. Für einen Christbaum wird es heuer vielleicht nicht reichen, sagt Frau H.

Silvia K. wird zu Weihnachten wie in den Jahren zuvor einen Plastikchristbaum auf den Küchentisch stellen. Wenn sie könnte, würde sie einen neuen Staubsauger kaufen und ihrer Tochter und sich einen Friseurbesuch schenken, sagt sie: "Aber das ist Luxus." DER STANDARD, Printausgabe 24./25./26.12.2007)

  • Eine von 420.000 Österreichern: Frau K. lebt in Armut.
    foto: robert newal

    Eine von 420.000 Österreichern: Frau K. lebt in Armut.

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