Offenbar sind es längst nicht nur die Armen, die sich durch die Gerechtigkeitslücke zunehmend verhöhnt fühlen
Armut und soziale Bedürftigkeit werden in den wohlhabenden Ländern des vereinten Europa nicht ignoriert. Sie werden zunehmend verhöhnt. Das macht das Problem umso unerträglicher, nicht nur zu Weihnachten.
Die Einführung der Mindestsicherung in Österreich, die immer wiederkehrenden Debatten um ein Grundeinkommen in Deutschland sind Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins für soziale Ungerechtigkeiten. Nur: Das wird nicht reichen, um die gefühlte "Gerechtigkeitslücke" (Spiegel, 51/07) zu schließen.
Denn während sich die Topverdiener fette Gagen gönnen, kämpfen die "unten" gegen die Verelendung - und das begründete Gefühl, oft nicht mal eine Chance zu haben: So landen Migrantenkinder überdurchschnittlich oft in Haupt- und Sonderschulen und schaffen es unterdurchschnittlich selten an die Universitäten. Da schrammen Alleinerzieherinnen häufig an der Armutsgrenze, und Menschen mit Gesundheits-Handicap werden zum Sozialfall.
Gleichzeitig streifen Manager erfolgsunabhängig zig Millionen Euro ein; vermelden Firmen wie BMW Rekordabsätze und Rekordgewinne, um gleich darauf die Streichung tausender Stellen bekanntzugeben. Für die Verantwortlichen hat das null Konsequenzen. Die Gesellschaft muss die "freigesetzten" Leiharbeiter dann auffangen, bankrotte Banken mit Staatsgarantien sanieren und Langzeitarbeitslose reintegrieren.
Nicht nur Europas Linksparteien beklagen diese Zustände. Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel wetterte vor kurzem gegen unanständig hohe Managergagen, und der luxemburgische Premier Jean-Claude Juncker drohte jüngst in der Euro-Gruppe mit einer Gesetzesinitiative gegen überhöhte Managergehälter. Offenbar sind es längst nicht nur die Armen, die sich durch die Gerechtigkeitslücke zunehmend verhöhnt fühlen. (Petra Stuiber/DER STANDARD-Printausgabe, 24./25./26.12.2007)