Caritas-Präsident: "Verdammt viel Not"

27. Februar 2008, 21:22
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Franz Küberl im STANDARD-Interview über Armut, Pflege und die Grantsucht der "moralischen Unterschicht"

"Armut ist in Österreich kein Thema", klagt Caritas-Präsident Franz Küberl. Es brauche mehr Initiativen. Mit ihm sprach Peter Mayr.

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STANDARD: Herr Präsident, wie viele Menschen müssen die Weihnachtstage auf der Straße verbringen?

Küberl: Das ist schwer zu schätzen. Österreichweit wird es sicher eine ganze Menge sein. Es herrscht ein Zustand, den es nicht geben sollte.

STANDARD: Wer sind diese Menschen?

Küberl: Es endet zwar bei jenen, die man als Obdachlose bezeichnet. Oft geht es aber um Menschen, die in sehr schlechten Wohnverhältnissen leben. Wir wissen vor allem von Frauen, die selbst keine Wohnung haben, dass sie nur unter schwierigsten Umständen Unterschlupf finden - oder nicht. Und natürlich gibt es auch Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen kein Zuhause haben.

STANDARD: Sie sind seit Jahren Präsident der Caritas. Haben Sie das Gefühl, dass die Armut steigt oder sinkt?

Küberl: Ich will Wörter wie "immer mehr" eigentlich aus meinem Sprachschatz verbannen. Es reicht, was es an Not gibt - und das ist verdammt viel. Es ist schrecklich oft so, dass neue Lebenseinbrüche entstehen, die erneut Armut erzeugen: Not kriegt Junge.

STANDARD: Wer arm ist, bleibt arm?

Küberl: Man muss das nüchtern sehen: Natürlich kann man da wieder herauskommen. Es ist aber schwer. Ich habe kürzlich mit einer Frau gesprochen, die hat sich 300-mal beworben und 300 Absagen bekommen. Und beim 301. Mal klappte es doch. Die Nerven muss man haben. Aber das ist fast schon märchenhaft.

STANDARD: Es heißt doch immer, Österreich sei ein reiches Land.

Küberl: Wir haben in Österreich, obwohl das nicht gerne gehört wird, Zuwächse bei der Armut, während wir gleichzeitig unermesslichen Reichtum haben. Bei uns gilt ja nur der etwas, der sich alles leisten kann. In reichen Ländern haben es Arme deshalb doppelt schwer, denn Armut ist hier kein Thema. Armut hat bei uns mit Verstecken, Verschweigen und mit ungeheurer Scham zu tun. Außerdem gib es eine zweite Schichtung von Menschen, die mit dem Begriff der Armutsgefährdung beschrieben wird. Wenn etwas passiert, etwa ein Todesfall, Arbeitslosigkeit oder Wohnungsverlust, dann rutschen sie ab.

STANDARD: Macht der Staat zu wenig?

Küberl: Da braucht es schon mehr Initiativen. Armutsbekämpfung hat auch mit der Frage der Wohnverhältnisse zu tun, mit der Gesundheit und den Bildungschancen. Ich glaube aber, dass der Zugang zur Mindestsicherung zumindest den totalen Absturz in Armut verhindern kann: indem die Menschen mit einem Minimum aufgefangen werden. Da hat der Staat einen wichtigen Schritt getan.

STANDARD: Was sind die größten Baustellen in diesem Bereich?

Küberl: Die Wiederentdeckung des sozialen Wohnbaus, ein Bildungssystem als Sprungbrett für benachteiligte Kinder, eine intelligente und menschliche Antwort auf die Integrationsfrage und eine Mindestsicherung, die besondere Rücksicht auf AlleinerzieherInnen nimmt.

STANDARD: Arme werden verwaltet?

Küberl: Selbstverständlich. Statt darauf zu achten, dass jeder einzelne am Rande der Gesellschaft die Chance erhält, in die Mitte zu kommen, wickelt man beispielsweise einen Großteil von Pflegefragen über Sozialhilfe ab. Das ist eine Ungeheuerlichkeit für einen Staat wie Österreich: Tausende werden so zu Bittstellern gemacht, und man denkt sich nichts dabei.

STANDARD: Sie plädieren seit langem für ein neues Pflegesystem.

Küberl: Es gehört eine Finanzierungsform - etwa ein Pflegelastenausgleichsfonds - her, die klar stellt, dass es egal ist, ob jemand sich einen Fuß bricht und behandelt gehört oder jemand gebrechlich ist und Pflege braucht.

STANDARD: Braucht es weiter die Pflegeamnestie, die Ende 2007 ausläuft?

Küberl: Es braucht vor allem eine Regelung, die eine leistbare 24-Stunden-Betreuung sicherstellt - für alle, die sie brauchen - und niemanden, auch nicht rückwirkend, kriminalisiert.

STANDARD: Sie haben einmal gesagt, Sie wären froh, wenn Österreich die Caritas nicht mehr braucht.

Küberl: Ja, da es der beste Sozialkapazitätsnachweis für die Gesellschaft wäre. Nur tauchen immer wieder neue Situationen auf, die zu bewältigen sind. Ich weiß zum Beispiel, was Alleinerzieherinnen alles zu hören kriegen, wenn sie eine Wohnung suchen. Es herrscht ja eine veritable Kinderfeindlichkeit. Grundgrant und Mieselsucht stecken hierzulande in erstaunlich vielen Menschen drinnen.

STANDARD: Wie erklären Sie sich das?

Küberl: Ich glaube, dass viel zu viele Leute auch in Österreich meinen, es reiche, wenn es ihnen gut geht. Es gibt schon eine materiell gut ausgestattete moralische Unterschicht. Deren Gemisch besteht aus Geiz, Gier, Hass und Neid.

STANDARD: Wie viele sind so?

Küberl: Schwer zu sagen. Wir wissen aber, dass ein Teil sozialer Problematik wohl aus dieser besonderen Unterschichtigkeit genährt wird. In der Caritas haben wir freilich viel mehr mit vielen solidarischen, engagierten Menschen zu tun.

STANDARD: Sie haben viel an Schwarz-Blau kritisiert, gibt es jetzt einen Richtungswechsel?

Küberl: Da wurden so manche Trampelpfade noch nicht recht verlassen. Es gibt das Phänomen, dass Oppositionsparteien mutiger sind. Kaum sind sie in der Regierung, wird der Zettel, auf denen ihre Ideen aufgeschrieben worden sind, verloren.

STANDARD: Im Fall Arigona gab es jedenfalls keinen Richtungswechsel.

Küberl: Hier hätte man zu vernünftigeren Lösungen kommen können.

STANDARD: Muss man fürchten, dass Arigona nochmals untertaucht?

Küberl: Ich hoffe, dass ihr eine vernünftige Zukunft beschieden ist ...

STANDARD: In Österreich? Im Kosovo?

Küberl: Soweit mein Auge reicht, wäre es g'scheit, dies in Österreich zu sehen. Im übrigen: Der Kosovo ist eine entsetzlich arme Gegend. Österreich hat die Hilfen drastisch eingeschränkt. Die Zahlen, die kursieren, sind aus lange vergangenen Jahren. Jetzt ist es real so, dass jene Leute im Kosovo überleben können, die Verwandte im Ausland haben.

STANDARD: Noch eine letzte Frage: Kaufen Sie Silvesterraketen?

Küberl: Nein, aber ich bin kein Purist. Jeder sollte sich fragen: Investiere ich ähnlich viel in Soziales, damit ich mithelfe, Menschenwürde genauso sicherzustellen wie Silvesterspaß? (DER STANDARD, Printausgabe 24./25./26.12.2007)

Zur Person:

Der Steirer Franz Küberl (54) ist seit 13 Jahren Caritas-Präsident. Er ist verheiratet und Vater zweier Söhne.

  • Franz Küberl: "Bei uns gilt ja nur der etwas, der sich alles leisten kann. Armut hat bei uns mit Verstecken, Verschweigen und mit ungeheurer Scham zu tun."
    foto: hendrich

    Franz Küberl: "Bei uns gilt ja nur der etwas, der sich alles leisten kann. Armut hat bei uns mit Verstecken, Verschweigen und mit ungeheurer Scham zu tun."

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