Ein Traum in Weiß

18. April 2008, 09:22
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Auf über 3.000 m Seehöhe soll in Lesotho ein Skiressort gebaut werden - Projektleiter sehen Chancen für wirtschaftliche Entwicklung - NGOs üben harsche Kritik

Südafrikanische Investoren haben mit österreichischen Partnern das erste Skiressort in Lesotho errichtet. Auf über 3.300 m Seehöhe soll sukzessive ein Traum aus Eis und Schnee wahr werden. Über das nicht unumstrittene Tourismusprojekt berichtet Bernhard Bouzek in der aktuellen Ausgabe des Afrika-Magazins Indaba.

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„Schi fahren in Afrika ist Realität geworden! Der Traum vom Urlaub im Schnee ist nun für jeden erreichbar.“ Mit diesen griffigen Werbeslogans schaffte es der Manager des Afri-Ski-Ressorts, Ollie Esplin, im September 2007 bis in die Schlagzeilen österreichischer Zeitungen. Das 2006 in den Bergen Lesothos eröffnete Schigebiet besteht aus einer 1.000 m langen Piste mit dazugehörigem Schilift sowie drei Kinderschleppliften und einem Förderband. Bereits in der ersten Saison rutschten an die 5.000 Gäste zu Tal.

Was auf den ersten Blick als wintersportlicher Jux erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als eiskalte Marketingstrategie: Mit der Metropole Johannesburg und der Provinz Gauteng besteht ein nur viereinhalb Autofahrstunden entfernter, sportbegeisterter und finanzkräftiger Markt, den es zu erschließen gilt. Da der natürliche Niederschlag von 20 Zentimeter Schnee im Herzen der Moluti-Drakensberge nicht ausreicht, muss mit 20 Schneekanonen nachgeholfen werden.

Komfortable Berghütten

Im Vollausbau soll das Schizentrum über fünf Pisten der Schwierigkeitsgrade blau (leicht) bzw. rot (mittel) verfügen und Schifans in 100 komfortablen Berghütten Unterkunft bieten. Die ersten hölzernen Chalets hat man bereits aus Estland importiert. „Wenn man in Afrika eine Schipiste anlegt“, sagt Olli Esplin, „muss man sie nach Süden ausrichten, wo die Sonneneinstrahlung geringer ist.“ Das rasche Abschmelzen der weißen Pracht zu verhindern, ist der Job österreichischer Spezialisten.

Die Tiroler Firma Interfab hat bisher weltweit 4.000 Beschneiungsanlagen verkauft. Interfab hat sich auf den Vertrieb dieser Technologie spezialisiert, die sich von der herkömmlichen Propellerkanonen unterscheidet. Für den Geschäftsführer, Roderich Urschler, schließt sich mit der Lieferung von Beschneiungsanlagen und der finanziellen Beteiligung auch der Kreis zum Beginn seiner Berufslaufbahn: hat er doch seine Diplomarbeit in Betriebswirtschaftslehre in Südafrika zur Ökonomie in den damaligen Homelands verfasst.

Seit den 1970er Jahren kommen gutsituierte (weiße) Südafrikaner vorzugsweise nach St. Johann in Tirol und ins Stubaital, um die Hänge hinunter zu wedeln. Was man hierzulande kaum vermuten würde: der südafrikanische Schiklub hat 50.000 eingetragene Mitglieder! Die konnten bisher im eigenen Land nur in Tiffendell, einem kleinen Schigebiet, das ebenso mit österreichischem Equipment ausgerüstet ist, ihrem Hobby frönen.

„Schweiz des Südens“

Mit Afri-Ski in Lesotho lockt nun ein zweites und – wie die Tourismusmanager meinen – günstigeres Wintersportangebot in der „Schweiz des Südens“. Der vierstündige Schikurs ist ab 42 Euro zu haben und somit preiswerter als in Tiffendehl. Aber aus Lesotho verirrt sich kaum jemand auf die Piste. Bei einem Durchschnittseinkommen von 750 Euro im Jahr bleibt das Ressort einer ausländischen Elite vorbehalten.

Das österreichische Firmenkonsortium hat jedenfalls Ausrüstung im Wert von 100.000 Euro geliefert und gemeinsam mit den südafrikanischen Partnern mit einer Gesamtsumme von 2 Millionen Euro viel investiert. Die mit 20 Prozent beteiligte HSP-Alpineservice GmbH liefert und wartet die Aufstiegshilfen und präpariert mit einem Pistenfahrzeug die Abfahrten. Eine Piztaler Schischule ist mit zwei staatlich geprüften Schilehrern während der drei Betriebsmonate zwischen Juni und August vor Ort mit der Ausbildung der Sportler beschäftigt. Zusätzlich können in dem an die Schischule gekoppelten Sportgeschäft Schi der vorigen Saison aus Österreich geliehen werden.

Wasserverknappung und Ernteausfälle

Faktum ist, dass das Projekt mit einer funktionierenden Infrastruktur steht und fällt. Die Passstraße zum Schigebiet ist bereits asphaltiert, Übernachtungsmöglichkeiten und ein Restaurant sind vorhanden. Doch ökologische Fragen wie Wasserversorgung, Kanalisation und Müllentsorgung sind nicht zufrieden stellend geklärt, wie die Betreiber selbst zugeben. Inwieweit das Aufstauen von Wasser in zwei angelegten Speicherseen und die Schneeproduktion mit dieselbetriebenen Generatoren in einem von Dürre geplagtem Land wie Lesotho umweltverträglich ist, sei dahingestellt.

Im Juni 2007 wurde Lesotho von der schlimmsten Dürre seit dreißig Jahren getroffen. Ein gemeinsamer Bericht der Food and Agriculture Organisation (FAO) und des World Food Programm (WFP) warnte, dass die Kombination von extrem hohen Temperaturen und geringem Niederschlag zu einer dramatischen Wasserverknappung, zu Ernteausfällen und Lebensmittelknappheit führen werde. Bereits am 9. Juli 2007 musste Lesotho den Notstand ausrufen und eine halbe Million Einwohner von den Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen mit Lebensmittel versorgen lassen.

Betrugsbekämpfung

Auch der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist im Rahmen des Lesotho Poverty Reduction Strategy Papers ein Schlüsselbereich. Staudammprojekte wie der Mohale Damm im Zusammenhang mit dem Lesotho Highlands Water Project sind aus sozialer und umweltpolitischer Sicht bis heute umstritten, und die Wasserversorgung ist nach wie vor prekär. Und wie das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) nachweisen konnte, kam es bei diesem Infrastrukturprojekt, welches vom Europäischen Entwicklungsfonds mit 61,2 Millionen Euro bzw. von der Europäischen Investitionsbank mit 122,5 Millionen Euro gefördert wurde, zu massiven Betrugsfällen und Schmiergeldzahlungen. Ob in Zukunft Dämme zur Schneeaufbereitung statt zur Trinkwasserversorgung errichtet werden sollen, scheint in diesem Zusammenhang eine legitime Frage zu sein.

Bei Afri-Ski betont man jedoch die Nachhaltigkeit dieses Tourismusprojekts durch die Schaffung von Arbeitsplätzen für die einheimische Bevölkerung. Schon in fünf Jahren will man 60 bis 100 lokalen Saisonarbeitskräften einen Job geben. In einem Land, in dem fast die Hälfte der Bevölkerung arbeitslos ist, natürlich ein positives Argument, das auch König Letsie III überzeugt hat. Er hat den Betreibern seine volle Unterstützung zugesagt.

„Schnee ist nicht mehr die Zukunft"

Österreichische NGOs, die sich seit langem für nachhaltigen Tourismus einsetzen, üben indes Kritik am Afri-Ski-Ressort. Für Margit Leuthold, Geschäftsführerin von Respect - Institut für Integrativen Tourismus & Entwicklung, wird mit solchen Projekten die falsche Botschaft vermittelt - nicht „alles ist möglich“, sondern „Tourismus mit offenen Augen“ müsse im 21. Jh. vermittelt werden. „Traumländer, die die reale Armut ausblenden, seien ebenso wie abgeschottete touristische Enklaven das falsche Konzept.“

In die selbe Richtung geht auch die Kritik der Österreichischen Naturfreunde, die sich international einen Namen durch die Definition von sozialen, ökologischen und ökonomischen Standards für nachhaltigen Tourismus gemacht haben. „Schnee ist nicht mehr die Zukunft, schon gar nicht in Afrika“ meint man hier. „Man müsse sich die Frage stellen, wessen Träume mit so einem Projekt erfüllt werden.“

Die österreichischen Investoren sind indes voller Optimismus und schwärmen von tollen Entwicklungschancen für ihr Schigebiet anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2010 in Südafrika. „Dann könnte man auch noch einen Golfplatz anlegen“, meint Roderich Urschler. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die Entwicklungschancen für das Schigebiet in einem Golfrasen liegen, der täglich bewässert werden muss. Und ob diese gleichbedeutend sind mit den Entwicklungschancen für Lesotho und seine Bevölkerung.

(Gekürzte Fassung. Der Volltext des Artikels erscheint in der aktuellen Ausgabe von Indaba.)

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    Tiffendell, das kleine Schigebiet in Südafrika. Für Fotos aus Lesotho siehe: afriski.com und afriski.co.za

  • Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.
    foto: sadocc

    Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.

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