derStandard.at-Reportage: Soldaten im Camp Casablanca sind "nie alleine"

29. Februar 2008, 10:57
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Im Camp Casablanca leben 560 österreichische Soldaten - Verteidigungsminister Darabos überbrachte Weihnachtsgrüße

Der Weg zum Camp Casablanca ist ein steiniger. Etwa eine Stunde und zehn Minuten dauert die Autofahrt von Prishtinë, der Hauptstadt des Kosovo, bis ins Camp dem Stützpunkt der österreichischen Soldaten. Der Weg Richtung Süden verläuft auf zeitweise unasphaltierten Straßen durch eine karge Landschaft. Verschneite Feldern sind zu sehen, in der Ferne stehen vereinzelt Häuser. Die meisten machen einen unbewohnten Eindruck.

Das Camp Casablanca liegt auf einem Hügel, schon von weitem sieht man die Funkantennen. Derzeit sind 560 österreichische Soldaten im Kosovo stationiert. Sie wohnen gemeinsam mit den Schweizer Truppen in der ehemaligen Reifenfabrik im Gebiet Suva-Reka, im Süden des Landes. Das Camp Casablanca ist eine Stadt aus Containern. Eine grauweiße Metallbüchse steht neben der anderen, fünf in einer Reihe, je zwei übereinander. Über jeweils zwei solcher Reihen ist ein Holzdach montiert, das für mehr Wärmeschutz sorgen soll und den Regen abhält. Dazwischen ist ein Gang, über eine Treppe gelangt man zu den oberen Containern.

25 Quadratmeter für vier Personen

Der Wohncontainer des stellvertretenden Kommandanten Alexander Rasser ist spartanisch eingerichtet. In dem etwa 25 qm großen Raum, den er sich mit einem Kameraden teilt, stehen zwei Betten, sechs graue Blechspinde, ein Schreibtisch, Fernsehapparat und DVD-Player. An der Decke sind sechs Neonröhren angebracht, die Wände innen mit Laminat verkleidet. Normalerweise teilen sich vier Soldaten einen Doppelcontainer, Kommandanten kriegen einen zu zweit. "Man ist nie alleine", sagt Martin Müller, Soldat des Jägerbataillons. Im Winter sei die fehlende Privatsphäre noch mühsamer, denn im Sommer "kann man sich wenigstens draußen einen Platz suchen."

Um den beengenden Quartieren zu entkommen, geht Müller joggen. Das Campgelände, umgeben von Stacheldrahtzaun ist etwa 800 Meter lang und 400 Meter breit. Bei den vorherrschenden minus sechs Grad bleibt Müller jedoch lieber drinnen. Es gibt eine Sportanlage bestehend aus Kletterwand, Schwimmbad, Tennisplatz und Sauna. Diese Möglichkeiten sollen den Soldaten darüber hinweg helfen, dass es während ihrer sechsmonatigen Dienstzeit verboten ist, in eines der Dörfer zu fahren und dort einen Kaffee zu trinken. Dabei sind die Kosovaren den Umgang mit Soldaten gewöhnt. Seit 1999 steht das Kosovo (deutsch: Amselfeld) unter UN-Verwaltung. Wenn er durch Dörfer geht, winken ihm die Leute zu, sagt Markus Meier, ebenfalls Soldat des Jägerbataillons. "Vor allem die Kinder freuen sich dann."

Frauen und Privatsphäre

Was die österreichischen Soldaten am meisten vermissen? Frauen und Privatsphäre lautet die beinahe einstimmige Angabe. "Die Gespräche mit Frauen gehen einem ab, das Scherzen und Lachen", sagt einer der stationierten Soldaten, der seinen Namen aufgrund möglicher beruflicher Konsequenzen nicht veröffentlicht haben möchte. "Man lernt Frauen zu schätzen." Im Camp gibt es acht Soldatinnen. Sie haben sich genauso wie die Soldaten freiwillig für den Einsatz gemeldet. Die Hauptgründe für einen Auslandseinsatz sind für die meisten, das Abenteuer und ein höheres Gehalt. Etwas 3.000 Euro netto kriegen die Soldaten im Monat.

Alle dreihundert Soldaten – zweihundert sind gerade auf Weihnachtsurlaub – haben sich in der Messehalle eingefunden. Der Raum besteht aus vier mal sieben Containern, deren Zwischenwände entfernt wurden. Heute steht der obligatorische Weihnachtsbesuch des Verteidigungsministers auf dem Plan. Norbert Darabos sagt in seiner Rede, er bringe den hier stationierten Soldaten nicht nur seinen Respekt entgegen, sondern den der gesamten Bundesregierung. Die Kapelle links von ihm stimmt "Freut euch ihr Hirten" an. Darabos schließt mit den Worten "Es lebe das österreichische Bundesheer, es lebe die Republik Österreich". Es tue schon gut, den Minister das sagen zu hören, sagt ein Soldat. "Wenn man hier ist, fühlt man sich ein bisschen verlassen. Diese Anerkennung ist auch eine Genugtuung." Dass er Darabos anfangs skeptisch gegenüber stand, will er nicht verhehlen. Aber mittlerweile "sieht man, dass der das gerne macht. Er setzt sich für uns ein", sagt er. Über die mitgebrachten Geschenke des Ministers – Fußbälle und Laufbänder – freut er sich auch. "Sport ist das was hier am meisten gegen Langeweile hilft."

"Ruhig, aber nicht stabil"

Das sieht sein Kommandant ähnlich. Volkmar Ertl ist mit seinem Bataillon am achten Oktober in das Kosovo gekommen und sieht Sport als das wichtigste an. Davor trainierten sie im Zentrum Einsatzvorbereitung (ZEV) in der Wallenstein-Kaserne in Götzendorf. Der verkürzte Wehrdienst auf sechs Monate ärgert Ertl ein wenig, weil er Zeit zum üben nimmt, aber "die Lage ist so, wie ich sie eingeschätzt habe: ruhig, aber nicht stabil." Eskalationen befürchtet er keine, seine Soldaten und er müssten sich jedoch vermehrt auch als Mediatoren benehmen. "Wir müssen mit den Leuten von der Straße reden. Zuletzt hat ein albanischer Jugendlicher zu mir gesagt: ‚I hate the serbs.’ Na, was machst da?"

Vor dem Weihnachtsfest demonstrierte die Truppe in einer "dynamischen Vorführung" ihre Wehrfähigkeit bei einer möglichen Auseinandersetzung zwischen Serben und Kosovo-Albanern. Auf einem Übungsgelände neben dem Camp stellten sie eine Stürmung eines serbischen Klosters durch albanische Jugendliche nach. Als Demonstranten verkleidete Soldaten bewarfen ihre Kollegen mit gefüllten Wasserflaschen, Steinen und Molotowcocktails. Ein Dummy fing im Getümmel Feuer. Bei der Löschung kam es zu kleinen Problemen, sonst lief die Übung wie geschmiert. "Kein Mann wird zurückgelassen", ertönte am Ende der Übung aus einem Lautsprecher. (Saskia Jungnikl, derStandard.at, 22.12.2007)

  • Minister Darabos bei einer militärischen Vorführung. Im Vordergrund: Kommandant Volkmar Ertl.
    foto: bundesheer

    Minister Darabos bei einer militärischen Vorführung. Im Vordergrund: Kommandant Volkmar Ertl.

  • Darabos beim Enthüllen eines der Geschenke: dem Laufband.
    foto: bundesheer

    Darabos beim Enthüllen eines der Geschenke: dem Laufband.

  • Als Einstimmung auf die EM 2008: Fußbälle zum Üben für die österreichischen und Schweizer Soldaten.
    foto: bundesheer

    Als Einstimmung auf die EM 2008: Fußbälle zum Üben für die österreichischen und Schweizer Soldaten.

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