Servas - tritt ein, und sei Gast!

8. Jänner 2008, 09:28
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Eine der ältesten, ehrenamtlichen Gastgeber- Organisationen baut auf die Idee der Völkerverständigung

Hier ist es. Im Türrahmen, eingefasst in mattem Messing, stehen sie, die beiden Namen. Genau wie in der E-Mail beschrieben. Die zweite Klingel von oben, die muss es sein: Sándor und Léna wohnen hier, zwei Budapester Journalisten mit ihrem Sohn Ádám.

Sándor und Léna sind Servas-Gastgeber. Rund 130 gibt es in Ungarn, etwas mehr als in Österreich. Meine Gastgeber interessieren sich für Politik, Kunst - und Japan. Dort haben sie nämlich einmal gelebt. Bevor ich die beiden vor vier Wochen angemailt habe, wusste ich schon eine ganze Menge über sie. Ich wusste es aus der ungarischen Gastgeberliste, die ich als Servas-Reisende über meine Koordinatoren bekommen hatte. Die Liste ist geheim. Niemand bekommt die Adressen außer Reisende mit dem "letter of introduction" (LOI), der für einen Unkostenbeitrag ausgegeben wird. Was wie ein bürokratischer Akt klingt, ist des Rätsels Lösung für das Vertrauen, das man einander entgegenbringt. Fremde öffnen Unbekannten ihre Türen, beherbergen sie zwei Tage lang - nicht selten werden sie Freunde.

Die Servas-Idee ist eine friedensstiftende. Im Zwischenmenschlichen liege die beste Chance, Ängste und Vorbehalte zu überwinden, dachte sich 1949 eine Gruppe dänischer Studenten. Servas - damals noch "Open Door System of Work, Study and Travel" - war geboren. Der Name hat übrigens nichts mit dem österreichischen Gruß zu tun, "servas" ist Esperanto und bedeutet "du dienst". Heute ist die Vereinigung eine von den Vereinten Nationen anerkannte NGO mit rund 15.000 Gastgebern in mehr als hundert Ländern, ein weltumspannendes Netz.

Auf die bequeme Tour?

Völkerverständigung steht - auch wenn der Begriff aus der Mode gekommen ist - immer noch im Mittelpunkt. Es geht nicht ums kostenfreie Übernachten. Nicht um nette Begleitung für Sightseeing-Touren. Auch nicht um bequeme Anlaufstellen. Es geht darum, in das Wesen eines Landes einzutauchen, und zwar über seine Menschen. Wer mit Servas reist, will Alltag erleben. Gemeinsam kochen und plaudern, vielleicht den Arbeitsplatz des Gastgebers kennenlernen.

Sándor und Léna haben ihr kleines Schlafzimmer geräumt. Am Abend blasen die beiden Luftmatratzen auf; darauf nächtigen sie selbst, im Wohn- und Esszimmer. Es ist mir ein bisschen peinlich, aber sie bestehen darauf.

Morgens ist Sándor früh verschwunden. Es ist kurz vor dem EU-Referendum: In der Redaktion der Blikk, der in Ungarn meistgelesenen Tageszeitung, wird er gebraucht. Léna bringt ihre Texte für die traditionsreiche Népszava heute zuhause zu Ende. Ihr Arbeitsplatz: ein Stuhl, ein Holztisch, auf der knappen Schreibfläche Monitor und Rechner, anderthalb Quadratmeter zwischen Wand und Schrank. Ádám hat ein eigenes Zimmer. Bis zum Ende des Studiums wird er zuhause wohnen bleiben, wie es fast alle Studierenden in Budapest tun. Eine eigene Studentenbude kann sich kaum jemand leisten, und Wohngemeinschaften sind in Ungarn relativ unüblich.

Die WG als Notlösung

Später allerdings werde ich Vilma kennenlernen, die sich in Buda eine kleine Wohnung mit zwei Mitbewohnern teilt. Ihre Eltern leben weit im Landesinneren. Für die 25-Jährige ist die WG eine Notlösung: "Ich möchte am liebsten nie von meinen Eltern wegziehen", sagt sie. Und ich muss lernen: "Nesthocker" ist nur für mich negativ besetzt.

Vilma stapelt nachts für mich drei Läufer übereinander, darauf ein Leintuch. Neben mir wacht unbeweglich wie eine Sphinx ihr Hund. Er bringt mich zum Lachen, dieser Magyar Vizsla, in seiner eleganten, ritterlichen Art.

So jung wie Vilma sind wenige Servas-Gastgeber. Zwar können Jugendliche in manchen Ländern mit einem dem Alter angepassten "letter of introduction" reisen, der Altersdurchschnitt liegt aber höher als bei Gastgeberorganisationen wie Stay4free, Hospitality Club oder Couchsurfing. Die Anfangshürde ist höher - das Risiko für Reisende und Gastgeber aber geringer. Bald stellt sich das Gefühl ein, mit Sicherheit dazuzugehören.

Servas ist mehr als eine Couch in der Fremde. Das Netzwerk lebt vom Geben und Nehmen - und geht darin weit über die private Gastfreundschaft hinaus. Ob bei europäischen Treffen wie der Euro-pean Summer University, ob beim Alpenwandern, das abwechselnd schweizerische, italienische und französische Servasianer ausrichten, oder bei spontanen Gastgeber-Sommerfesten: Jeder bringt ein, wozu er sich berufen fühlt. Einige beweisen Organisationstalent, andere Geschick im Umgang mit dem Internet.

In den Schulferien stecken junge Leute ihre ganze Energie in Workcamps. Jugendliche bauen mit Kindern Tipis oder führen die Kleinen in nächtlichen Spukstunden durch Wald und Wiese. Eine Servas-Reisende zeigt in einem Workshop, wie Mediation funktioniert. Ein paar Sprachprofis übersetzen - die gibt's hier fast immer. Manchmal entstehen auch neue Projekt wie "ServasCampus" in Deutschland: Servas-Gastgeber lassen ausländische Studierende an ihrem Alltag teilnehmen.

So geht's nämlich auch: Weihnachten feiern mit chinesischen oder sudanesischen Gästen. Die Welt zu sich nachhause holen. Redend reisen. (Laelia Kaderas/DER STANDARD/Printausgabe/22./23.12.2007)

Wer mit Servas reist, kann wählen: Entweder ist man Reisender oder Gastgeber oder beides. Interessenten vereinbaren einen Interview-Termin mit der National Secretary, der nationalen Koordinatorin. Das ist zurzeit Eva Meggeneder. Sie ist zu erreichen unter eva.meggeneder@chello.at oder unter austria@servas.org. (Achtung: Die Fehlermeldung ist ein Software-Problem; die Anfragen werden empfangen und beantwortet.) Kontaktperson ist darüber hinaus die bisherige National Secretary Eva Weiss. Ihre Telefon- nummer: (01) 408 23 30. Der "letter of introduction" kostet € 30 pro Jahr.

Info: Servas


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  • Mit Servas unterwegs zu sein bedeutet zwar überall auf der Welt anklopfen zu können, der Löwenanteil der Mitglieder spielt aber lieber Gastgeber.
    foto: aumüller

    Mit Servas unterwegs zu sein bedeutet zwar überall auf der Welt anklopfen zu können, der Löwenanteil der Mitglieder spielt aber lieber Gastgeber.

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