Die Zentralbank, die bellt, aber nicht beißt

25. Jänner 2008, 15:08
posten

Die Europäische Zentralbank bleibt im Vergleich zu den anderen wichtigen Zentralbanken in der industrialisierten Welt ernsthaft aus dem Takt - Von Melvyn Krauss

Trotz der koordinierten Bemühungen, die kurzfristige Liquidität im Bankensystem zu erhöhen, bleibt die Europäische Zentralbank im Vergleich zu den anderen wichtigen Zentralbanken in der industrialisierten Welt ernsthaft aus dem Takt. Die Vereinigten Staaten, Kanada und Großbritannien haben alle kürzlich ihre Zinssätze gesenkt. Doch wehrt sich die EZB standhaft gegen Senkungen. Nach dem Treffen des EZB-Rates im Dezember erklärte Bankpräsident Jean-Claude Trichet, dass einige Mitglieder sogar dafür waren, die Zinssätze zu erhöhen. Frühere Fehlentscheidungen sind für das aktuelle Dilemma der EZB verantwortlich.

Die erste Fehlentscheidung war das Zögern der EZB, ihre Geldpolitik zu straffen, obwohl seit langem klar war, dass die Zinssätze zu lange (von Juni 2003 bis Dezember 2005) zu niedrig (bei zwei Prozent) gehalten worden waren. Die Falken der EZB kennen die Gefahren ungewöhnlich niedriger Zinssätze für eine Zentralbank, deren Hauptziel die Preisstabilität ist, und waren daher erpicht darauf, die Zinssätze früher zu erhöhen. Doch war die Führungsetage zu zaghaft. Durch ein schnelleres Tempo bei den Zinssatzerhöhungen hätte der langsame Start ausgeglichen werden können, doch war die EZB auch hier übervorsichtig. Aus Gründen, die unklar bleiben, wollte Trichet im Gegensatz zum ersten Präsidenten der EZB, Wim Duisenberg, die Zinssätze lediglich um jeweils 25 Basispunkte erhöhen. Viele im EZB-Rat wollten eine schnellere Steigerung, da sie wussten, dass sie einen langen Weg vor sich hatten, aber Trichet lehnte dies ab.

Die Falken waren zu Recht in Eile. Aufgrund des verspäteten Starts und des langsamen Tempos hatte der Rat lediglich die Vier-Prozent-Marke erreicht, als die gegenwärtige Finanzkrise weitere Zinssatzerhöhungen effektiv unmöglich machte. Trichet musste sogar die für September angekündigte Zinssatzerhöhung zurückziehen, obwohl er immer noch behauptet, die Erhöhung sei lediglich verschoben worden, nicht aufgegeben.

Keine Chance. Tatsache ist, dass die EZB nicht in ihrer aktuellen Notlage wäre, hätte die Zentralbank bereits ein Niveau von 4,75 Prozent oder sogar fünf Prozent erreicht. Höhere Zinssätze hätten eine niedrigere Inflation bedeutet, sodass die Inflationserwartungen nicht zu dem Problem geworden wären, das sie jetzt sind. Zudem wäre die EZB mit einem höheren Zinssatzniveau in einer besseren Position, um die Zinssätze jetzt zu senken, wo die Wirtschaft langsamer wächst. Mehrere frustrierte Falken im EZB-Rat sind strikt gegen eine Senkung der Zinssätze, gerade weil sie meinen, dass die Sätze bei vier Prozent bereits gegenüber dem Fünf-Prozent-Niveau, das sie erwartet hatten, gesenkt wurden. Die EZB muss die Zinssätze 2008 senken, wenn sie eine Bauchlandung für die Wirtschaft der Eurozone vermeiden will.

Derart aus dem Takt zu sein hat Folgen. Der Euro ist stark gestiegen, was Trichet dazu veranlasste, die "brutalen" Währungsschwankungen zu verurteilen. Als der kanadische Dollar stark anstieg, hat die Bank of Canada nicht nur Reden geschwungen - sie senkte die Zinssätze. Die EZB verfügt über dieselbe Option, weigert sich jedoch, davon Gebrauch zu machen. Durch ihre leeren Drohungen mit Zinssatzerhöhungen besteht die tatsächliche Gefahr, dass die EZB als Zentralbank abgestempelt wird, die bellt, aber nicht beißt.

Es geht um die Glaubwürdigkeit der EZB. Wie ernst, fragt man sich, haben die Chinesen Trichet genommen, als er nach China reiste, um gegen die "brutale" Erhöhung des Euros gegenüber dem Renminbi zu protestieren? "Senken Sie Ihre eigenen Zinssätze", müssen sie bei sich gedacht haben, "dann haben Sie weniger Grund zur Klage."

Dies ist ein klarer und überzeugender Beweis für die vorausgegangenen Fehlentscheidungen der EZB. Wenn Europas Zentralbank in der Vergangenheit nicht zu spät und zu langsam reagiert hätte, wäre sie ihrem eigenen Mandat der Preisstabilität gerechter geworden, und sie wäre jetzt im Vergleich zu den Zentralbanken in anderen Industrieländern nicht aus dem Takt. (© Project Syndicate, 2007; Aus dem Englischen von Anke Püttmann, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.12.2007)

Zur Person
Melvyn Krauss ist Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Melvyn Krauss

Share if you care.