Gib dem Affen die Dekonstruktion

20. Dezember 2007, 18:08
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"toxic dreams" rütteln am Mythos des Riesenaffen: "Kongs, Blondes, Tall Buildings"

Wien – 1933 hat die Welt King Kong dringend gebraucht. Als Bestätigung dafür, dass Technik gut ist, dass die Zivilisation stärker ist als der Urwald und damit das unbekannte, unberechenbare Urwüchsige eine klare Gestalt bekommt.

Der berühmteste Gorilla der Filmgeschichte wurde in der Folge zum begehrten Untersuchungsobjekt der Kulturgeschichte. Remakes und Parodien haben ihn in den nachfolgenden Jahrzehnten bedeutungsvoll multipliziert: Kong als Christus, Kong als Dritte Welt, Kong als Schwarzer, Kong als Sexsymbol, Kong nach Freud, nach Jung, selbst Kong nach Lacan.

In "Kongs, Blondes, Tall Buildings" bereitet die in Wien beheimatete Performancegruppe "toxic dreams" der Filmikone (erstmals wurde eine Figur fürs Kino erfunden, also nicht nach einer literarischen Vorlage gedreht) und all ihren möglichen Fortschreibungen einen hingebungsvollen, in zwei Teile geteilten Theater- und Filmabend.

Regisseur Yosi Wanunu zerlegt die Ikone (und ihre Interpretationen) in ihre Einzelteile. Eine Gorillahand beispielsweise liegt in überdimensionaler Größe und Beschaffenheit inmitten eines Filmsets zwischen Requisiten und wird gemeinsam mit der geopferten Blondine wild bewegt – etwa so, als würde man eine Couch schütteln. Die Kamera filmt.

Ein Miniaturaffe stürzt vom Miniatur-Empire-State-Building; ein Techniker fächelt Studiowind in die blonde Mähne von Ann Darrow; und in der VIP-Ecke geben Stars Interviews bzw. ihren eigenen Senf dazu. Denn das Tracking-Material ist gefakt und um zahlreiche Was-wäre-wenn-Situationen erweitert (was wäre, wenn Kong New York liebte und sich dort als Entertainer niederließe).

Schließlich geht es ganz kühn darum, die Zusammengesetztheit dieses kulturgeschichtlichen Phänomens von allen Seiten zu hinterfragen. Teil eins zeigt in theatralisch-lukullischer Art also den Dreh des Films (bzw. verschiedener Kong-Filme), Teil zwei ist eine (gegen Ende hin redundante) Filmdokumentation vom Making-of. Interpretatorische Ebenen kreuzen sich, Aussagen von Experten widersprechen sich oder machen einander Konkurrenz. Mit der Musik von Martin Siewert sowie den dauermutierenden Schauspielerinnen Irene Coticchio und Anna Mendelssohn wird nach Herzenslust dekonstruiert. Toll! (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.12.2007)

Heute noch einmal am 21.12. um 20 Uhr

Link: www.toxicdreams.at

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    foto: brut
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