Obacht im Dorf und in der Botanik

27. Februar 2008, 22:33
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Offiziell ist die Schengengrenze gefallen, doch nun wird eifrig gefahndet und observiert: Ab Mitternacht überwachen Polizei und Heer das Hinterland der Ostgrenze

Eisenstadt – „Die liebe Omi“ mit ihrer raffinierten Strategie führt Christian Knopf gern als Musterfall an. Monatelang winkten die Beamten den Pkw der eleganten, betagten Dame am Grenzübergang Sopron/ Klingenbach höflich durch – bis sie doch Verdacht schöpften. Nach Wochen intensiver Observation förderten die Gendarmen dann verblüfft zutage: Etwa hundert Menschen hatte die Frau so ins Land geschmuggelt. Alle einzeln, im Kofferraum.

Besuch der alten Dame

„Das hat sich direkt vor unserer Nase abgespielt“, erzählt Knopf. Die Frau sitzt immer noch. „Sie hat das gewerbsmäßig betrieben. Mit Konzept und Terminkalender.“

Dutzende Schulungen für die Grenzexekutive hat Knopf, Leiter der Einsatzabteilung beim Landespolizeikommando in Eisenstadt und nun Manager der sogenannten „Grenzraumkontrolle“, hinter sich. Seit Wochen bereitete der hagere Oberst die Polizisten auf ihre neuen Aufgaben vor, denn mit dem Fall der 460 Kilometer langen Schengen-Grenze seit Freitag, 00.00 Uhr, mussten sie ihre Kontroll-Kioske zu Ungarn und zur Slowakei schließen. Stattdessen betreiben die „Grenzer“ jetzt Schleierfahndung im Hinterland. Knopf gab ihnen die Geschichte von „der lieben Omi“ mit auf den Weg. Obacht, nicht jeder Menschenschmuggler und Autoverschieber trägt Stoppelbart und verspiegelte Sonnenbrillen.

Während Europa die ersten Tage der erweiterten Schengengemeinschaft begeht, haben sich Österreichs schwarzer Innenminister und sein roter Amtskollege für Verteidigung sowie die Landeshauptleute von Niederösterreich (ÖVP) und Burgenland (SPÖ) für die Methode „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ gegenüber den neuen Mitgliedsstaaten entschieden.

Straßen als Verkehrsadern

Heißt fürs Burgenland: Alle 800 Grenzbediensteten bleiben im Einsatz, ihre Arbeitsstätten sind nun die A4 und die A6, aber auch Landstraßen sowie Traktorwege. Denn: „Wozu einst die Flüsse als Verkehrsadern für den Transport von legalem wie illegalem Gut dienten, dafür werden heute unsere Straßen benutzt“, erklärt Konrad Kogler.

50 bis 60 Millionen im Jahr reisen durch das Burgenland, rechnet der Vize-Landespolizeikommandant vor – und einige führen nichts Gutes im Schilde. „Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, geht bei uns über die Grenze“, assistiert ihm Knopf – und zeigt am mittlerweile stillgelegten Grenzübergang Klingenbach her, was seine Kollegen dort unlängst noch sichergestellt haben: Neben dem verwaisten Gebäude türmen sich Haufen an Buntmetall, an der Mauer lehnen drei konfiszierte Motorroller aus Italien.

Seit Mitternacht lauern verstärkt zivile Polizeiautos in Einfahrten und Straßenbuchten auf dubiose Kraftfahrzeuge. Wer im Burgenland mit Affentempo überholt wird und einen ausgestreckten Anhaltestab sieht, sollte sein Fahrzeug daher schleunigst einbremsen: „Fahrzeugkontrolle!“

"Hohe Dichte an Wachorganen"

Erhard Aminger, Sicherheitsdirektor im Burgenland, verspricht: „Die Menschen werden bei uns eine unglaublich hohe Dichte an Wachorganen vorfinden – nicht nur in den Ortschaften, sondern auch in der Botanik.“ Er meint damit auch jene 900 Grenzsoldaten, die im Grenzland trotz Schengenöffnung weiterhin Dienst versehen. Jeden Tag müssen die Militärs jetzt zum Rapport, wo mit dem Bezirkspolizeikommando abgestimmt wird, „welche Aufgaben man ihnen zuweist“. Statt an der Grenze patrouillieren die Uniformierten in Zweier-Trupps in Dörfern und Pampa, um auf Kleinkriminelle „abschreckende Wirkung“ auszuüben. Ihr Auftrag: „Beobachten, wahrnehmen, melden von fremden- wie sicherheitspolizeilich relevanten Ereignissen.“

Aus für Lucie & Sophie

Zwangsbefugnisse haben die Soldaten keine mehr, sie müssen bei Verdächtigem die Polizei alarmieren. Ihre Ausrüstung ist auch zusammengeschrumpft: Die Wärmebildkamera „Sophie“ wie die Nacht_sichtbrille „Lucie“ haben ausgedient, jetzt reichen Handy und Funkgerät, und nur für den äußersten Notfall baumelt das Sturmgewehr am Rücken.

Im letzten Vierteljahr hatte das Heer nur mehr 320 illegale Grenzgänger aufgestöbert, in den 17 Jahren davor, seit dem Fall des Eisernen Vorhanges, waren es mehr als 90.000 Personen gewesen. „Unser neuer Auftrag ist sicher belebender als stundenlang auf dem Hochstand zu sitzen und in den Wald hineinzuschauen“, meint Oberst Gerhard Petermann, Chef des Stabes vom Militärkommando Burgenland.

"Freundlich sein"

Was er seinen Männern an Befehlen mitgegeben hat für die EU-weite Sonderoperation, die verfassungsrechtlich sehr umstritten ist? „Im Umgang mit der Bevölkerung freundlich sein. Für die Rekruten ist es sicher viel einfacher“, meint er.

Denn zu solchen Situationen wird es garantiert nicht mehr kommen: In den Neunzigern standen zwei von Petermanns Wachen um zwei Uhr früh auf einer Lichtung plötzlich vor 98 zitternden Indern. Der Oberst: „Und in dem Moment haben sich exakt hundert Leute sehr gefürchtet.“ (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, Printausgabe 21.12.2007)

  • Offiziell ist die Schengen-Grenze gefallen - im Hinterland wird jedoch eifrig überwacht.
    foto: corn

    Offiziell ist die Schengen-Grenze gefallen - im Hinterland wird jedoch eifrig überwacht.

  • Oberst Knopf vom Landespolizeikommando schulte in Eisenstadt die Grenzexekutive um.
    foto: corn

    Oberst Knopf vom Landespolizeikommando schulte in Eisenstadt die Grenzexekutive um.

  • Oberst Petermann vom Militärkommando Burgenland gab Rekruten den Befehl „Freundlich sein!“ mit auf den Weg.
    foto: corn

    Oberst Petermann vom Militärkommando Burgenland gab Rekruten den Befehl „Freundlich sein!“ mit auf den Weg.

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