Schweizer Kernkraft-Renaissance

16. Jänner 2008, 11:24
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In der Schweiz sieht die Atomindustrie angesichts des Energiebedarfs und der CO2-Diskussion neue Chancen. Das Volk muss von den Projekten erst überzeugt werden

Bern - In der Schweiz ist die Diskussion um die Energieversorgung und um neue Atomkraftwerke erneut in Schwung gekommen. Vergangene Woche haben die beiden Stromkonzerne Axpo und BKW bekanntgegeben, dass sie an den bisherigen AKW-Standorten Mühleberg bei Bern sowie Beznau im Kanton Aargau zwei neue Anlagen planen. Entsprechende Rahmenbewilligungen wollen die Unternehmen bis Ende 2008 bei den schweizerischen Bundesbehörden einreichen.

Leistungszuwachs

Die neuen AKWs – mit je 1600 Megawatt Leistung – sollen die dort jetzt stehenden, kleineren und veralteten Reaktoren aus den 70er- und 80er-Jahren ersetzen. Das Konsortium von Axpo und BKW rechnet dabei mit Planungs- und Baukosten von je fünf bis sechs Milliarden Franken (drei bis 3,6 Mrd. Euro).

Falls Bundesrat und Parlament zustimmten, könnte es bereits im Jahr 2012 zu einer Volksabstimmung darüber kommen; und bei einem Ja könnten die neuen Meiler im Jahr 2020 ans Netz gehen.

Pläne für ein neues Atomkraftwerk wälzt darüber hinaus auch ein zweites Schweizer Konsortium aus Atel und Eos. Auch hier wird vorgeschlagen, ein bestehendes AKW, nämlich Gösgen im Kanton Solothurn, durch ein neues Kraftwerk zu ersetzen. Neue Standorte zu finden wäre in der dicht besiedelten Schweiz wohl eher aussichtslos; das haben auch die Stromkonzerne eingesehen. Doch neue Atomkraftwerke seien nötig, da nur so eine drohende Stromlücke verhindert werden könne, so das Argument der Energiewirtschaft. Auch der Bundesrat, die Schweizer Regierung, ist grundsätzlich für neue Atomkraftwerke. "Trotz der verstärkten Effizienzmaßnahmen sowie dem Ausbau der Wasserkraft und der übrigen erneuerbaren Energien bleibt ab 2020 eine Restlücke in der Stromversorgung bestehen", schreibt der Bundesrat in seiner im Februar verabschiedeten Richtlinie zur Energiepolitik. Fazit der Regierung: Man "erachtet den Ersatz der bestehenden oder den Neubau von Kernkraftwerken als notwendig".

Auch der zuständige Umwelt- und Energieminister Moritz Leuenberger teilt diese Haltung, obschon er der atomkritischen Sozialdemokratischen Partei angehört. Sein Argument: Man müsse die "Option Kernenergie" in Kauf nehmen, um dafür im Gegenzug eine Kohlendioxid-Abgabe durchsetzen zu können.

Doch die Kritiker in der eigenen Partei und bei den Grünen überzeugt er damit nicht. SP und Grüne wollen jede Bewilligung für eine neue Nuklearenergieproduktion mit einem Referendum bekämpfen und eine Volksabstimmung erzwingen. Zwar lehnte das Volk 2003 an der Urne einen grundsätzlichen Ausstieg aus der Atomenergie deutlich ab – doch ein konkretes Projekt dürfte es vor dem Volk wiederum schwer haben.

Schwachstellen

Zu den grundsätzlichen Atomkritikern könnten weitere kommen, denn die Pläne für neue AKWs in Beznau und Mühleberg haben ihre Schwächen: Wegen der deutlich größeren Leistung als die bestehenden Werke könnte nicht mehr mit dem Flusswasser der Aare gekühlt werden, sondern es wären Kühltürme notwendig. Zudem bräuchte es neue Hochspannungsleitungen, da das bestehende Netz nicht genügen würde.

Das weiß offenbar auch Energieminister Leuenberger. In einem Interview sagte er kürzlich, "die Bevölkerung wird neue Kernkraftwerke nur dann gutheißen, wenn man alles Erdenkliche unternommen hat, um erneuerbare Energien und Energieeffizienz zu fördern." (Klaus Bonanomi, Bern, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.12.2007)

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