Schengen: Angst statt Freude

von Redaktion  |  19. Dezember 2007, 17:21

60 Prozent der ÖSterreicher lehnen die Erweiterung ab

Es war im Frühjahr 1973, als der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky einen festen Platz in der ungarischen Geschichte erobert hatte: Er war der erste Ausländer, der das damals rigoros bewachte Land ohne Reisepass verlassen konnte. Auf der Rückfahrt von einem offiziellen Besuch stellte sich bei der Passkontrolle heraus, dass der Diplomatenpass des Kanzlers entweder in Budapest geblieben oder irgendwo verlorengegangen war.

Fast eine Stunde lang wurde der Sonderzug mit den ihn begleitenden drei Landeshauptleuten, Klubobmännern und zahlreichen Journalisten auf der Grenzstation Hegyeshalom aufgehalten. (Am nächsten Tag erfuhren wir übrigens, dass der Pass in die Innentasche eines nicht benützten Sakkos gesteckt worden war ...)

Wer hätte damals gedacht, dass mehr als 34 Jahre später, ab diesem Freitag alle Ausländer und Ungarn das Land ohne Kontrolle verlassen bzw. nach Österreich kommen dürfen, wenn auch das Mitführen eines Personalausweises natürlich ratsam bleibt, falls man sich bei allfälligen Kontrollen ausweisen muss. Natürlich war der Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks vor 18 Jahren der historische Durchbruch, der Millionen Menschen die so lange ersehnte Reisefreiheit brachte.

Trotzdem bleibt der Abbau aller Grenz- und Zollkontrollen in 24 EU-Staaten ein zutiefst symbolischer, psychologisch enorm wichtiger und europapolitisch bedeutsamer Schritt. Der slowenische Innenminister Dragutin Mate sprach vielen Mittel- und Osteuropäern aus dem Herzen, als er sagte: „Mit der freien Bewegung in der EU werden wir tatsächlich spüren, dass wir ein Teil von Europa und gleichwertige EU-Bürger sind.“

Berührend auch die Sonderbeilagen österreichischer Zeitungen mit Tipps für Abstecher zum Nachbarn und mit Beiträgen namhafter Intellektueller zur totalen Bewegungsfreiheit innerhalb des EU-Raums. Innenminister Günther Platter beteuert Tag und Nacht, dass die Sicherheit auch nach der totalen Öffnung durch 2650 Grenzpolizisten und 1500 Soldaten im beobachtenden „Assistenzeinsatz“ gewährleistet werde.

Sprechen wir es trotzdem offen aus: Die meisten Österreicher, jene, die nicht Exporteure oder Händler, Spediteure oder Manager von Fremdenverkehrseinrichtungen sind, empfinden eher Ängste als Freude. Laut einer OGM-Umfrage lehnen fast 60 Prozent die Schengen-Erweiterung ab, und 75 Prozent befürchten, dass es durch das Wegfallen der Kontrollen zu einem Anstieg der Kriminalität kommt. Jedenfalls spürt man auch im Bekanntenkreis eher Ängste als Freude vor der totalen „Abrüstung“ entlang der Grenzen mit der Slowakei, Tschechien, Ungarn und Slowenien.

Ob und wie weit die Ängste gerechtfertigt sind, werden wir erst in den nächsten Monaten beurteilen können. Der Amateurpsychologe Alfred Gusenbauer stellte kürzlich in einem Interview mit der Presse frei nach Erwin Ringel fest: „Die österreichische Seele ist sehr komplex ... Bei uns gibt es immer irgendwelche Ängste vor etwas. Was natürlich auch das unterbewusste Gefühl zum Ausdruck bringt, dass die Leute zufrieden damit sind, wie es ist ... Die Österreicher sind auch diejenigen, die sich am allermeisten vor der Erweiterung gefürchtet haben und am meisten davon profitieren.“

Außer Deutschland hat in der Tat unterm Strich kein EU-Mitgliedsstaat so viel von der historischen Wende im Osten und von der EU-Erweiterung profitiert wie Österreich. Ein Mitteleuropa ohne Schranken ist ein – trotz aller Schattenseiten – wahr gewordener Traum. (Paul Lendvai, DER STANDARD, Printausgabe, 20.12.2007)

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13 Postings
taufrisch
20.12.2007 18:24
"Experten sehen Sicherheitsrisiken durch Schengen-Erweiterung" !!

"Kurz vor dem Wegfall der Grenzkontrollen zu Polen und Tschechien in der Nacht haben Vertreter der Polizeibehörden vor einem Anstieg der Kriminalität sowie der illegalen Einwanderung gewarnt. Mit der Erweiterung des so genannten Schengen-Raums habe die EU bewusst die Wahl getroffen, der Freizügigkeit den Vorrang vor Sicherheitsfragen zu geben, sagte der Leiter der europäischen Grenzschutz-Agentur Frontex, Ilkka Laitinen. Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnte vor einem "Sicherheitsverlust"

http://tinyurl.com/22nmza

rentnak2
20.12.2007 11:45

Ich wohne im Grenzgebiet zu Tschechien und ich freu mich wenn ich endlich einmal einfach so über einen Feldweg mit dem Rad nach Tschechien fahren kann. Da gibt es ein paar doch große Hügel, die habens mir schon seit Jahren angetan. Nur den Umweg über die offiziellen Wege nehmen war mir immer zu mühsam.

charly K.
20.12.2007 09:36
das unglaublichste in diesem Kommentar

Kreisky fuhr mit dem Zug!

Heute werden Privatjets gemietet.

Und dabei war das mit dem CO2 damals noch gar nicht so bekannt.

bukesz
03.01.2008 19:52
bahn

im herbst 2007 war doch die österreichische regierung auch mit der bahn in budapest...

diamant  
20.12.2007 09:23
Fuer mich wird der Freitag mit Sicherheit der

schoenste Tag des Jahres ;-)

Balrok Gauron (fcuk austria) 
20.12.2007 12:42

Für mich auch, wie jedes Jahr.

Joseph EU 
20.12.2007 10:05
Pour moi aussi ......wann i aussi foa - am Freitag...

Richtung Ukraine über Bratislava, Hegyeshalom .....
das wird a Fest !!!! Jo utat kivanok - wie die Ungarn sagen - Europa - schezko jedno - ollas ans....
Eigentlich hab ich Tränen in den Augen....aber vor lauter Freud - und die armen Xenophobis - de tun mir leid, einfach nur leid.....Ich werd nie vergessen wie ich damals sehnsüchtig von Schlosshof nach Devinska Nova Ves rübergeblickt hab - wissend das man ein Visum braucht - und das war nicht lustig mit der CSSR....Ja es wächst zusammen, was zusammen gehört.....

larkmiller
19.12.2007 23:01
Erinnert an Holland/Deutschland.

Nachdem in den 90-ern die Grenzbaeume zwischen Holland und Deutschland fielen, meinten alle, dass nun der grosse Drogenimport stattfindet - Panil allerorten.

Das hat nicht stattgefunden. Und genausowenig wird es den grossen Kriminalitaetsimport nach Oesterreich geben.

xEurocent
20.12.2007 11:16

1997 - ein gewisser bayrischer Innenminister Beckstein warnt in Zeitungen vor dem Wegfall der Grenzen mit Österreich. Österreich könne die EU-Außengrenzen nicht mit der selben Qualität überwachen wie Deutschland, meinte er damals sinngemäß.

Jetzt machen wir das selbe mit den Ungarn und in ein paar Jahren wird der ungarische Innenminister genau das selbe über Bulgarien sagen...

Grigio
20.12.2007 09:17

... jetzt haben Sie mich aber sowas von beruhigt. Äpfel und Birnen sind sich ja doch ähnlicher als man denkt.

cybermen 
19.12.2007 18:25
die Ungarn, ein zutiefst verwandter Charakter

dass sie 1973 Kreisky ohne Papiere ausreisen liesen lag wahrscheinlich daran, dass sie nicht von seinen Tiraden und seiner Rethorik aufgeweckt werden wollen.

dass sie 1989 (im Einklang mit Österreich) Grenzzäune und Stacheldraht weggerissen haben, um den DDR-Flüchlingen ohne grossartige Papierkontrollen ein Weiterkommen zu ermöglichen spricht von menschlicher Qualität.

dass heute 60% der Österreicher Angst vor einer offenen Grenze haben spricht einfach nur von Dummheit.

h 90
20.12.2007 08:35

Ja bei Kreisky hatten die Angst sie muessen ihn beahlten :-))

Joseph EU 
20.12.2007 10:09
Schmock.............wär froh wir hätten heute Politiker ....

.....solchen Kalibers .........Boshe Moj/istenem/mein Gott
- da wär ma nicht Europameister in Peinlich und Xenophobisch sein ....Ja der "Alte" war ein Citoen - grossbürgerlicher Hintergrund - nicht Kleinbürgerlicher Spiesser aus Ybbs....

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