Nanopartikel in der Pille? Jein danke!

23. Dezember 2007, 18:14
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Die erste Nutzen-Risiko-Analyse verschiedener Nanomaterialien wurde vergangene Woche abgeschlossen

Die Resultate der interdisziplinären und internationalen Studie lassen einen Pharmagiganten und einen Kosmetikriesen vorerst auf Bestseller wie Carbonnanotubes und Fullerene verzichten. Wegen der Risken.

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Martin Kusters Statement ist eindeutig: "Novartis konzentriert sich zum jetzigen Zeitpunkt auf abbaubare nanoskalig aufbereitete Darreichungsformen von Medikamenten. Andere Systeme werden erst nach Vorliegen von weiteren Daten evaluiert werden."

Mit "andere Systeme" meint der für Gesundheitsfragen zuständige Sicherheitsmanager des in Basel ansässigen Pharmakonzerns nicht abbaubare Nanomaterialien. Dazu zählen die von Forschung und Technik als Zukunftshoffnung beworbenen Kohlenstoffnanoröhrchen und Fullerene. Bei Letzteren, ob ihrer Form und Größe auch Bucky-Balls oder Fußballmoleküle genannt, handelt es sich um jene sphärischen Moleküle aus Kohlenstoffatomen, die ihren US-Entdeckern 1996 den Chemie-Nobelpreis einbrachten.

Dass Novartis einstweilen seine medizinischen Finger von dieser boomenden Nanotechnologie lassen will und damit die Konkurrenz außen vor lässt, hat einen triftigen Grund: Das mit mehr als 37 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz weltweit viertgrößte Pharmaunternehmen hat in den vergangenen drei Jahren mit Partnern Chancen und Risken dieser Technologie analysiert, sämtliche bisher vorhandenen Studien zum Thema evaluiert.

Novartis, der Schweizer Kosmetikhersteller Ciba Spezialitätenchemie, die eidgenössische Stiftung Risiko-Dialog, das deutsche Öko-Institut und das Österreichische Ökologieinstitut hatten sich hierfür zum interdisziplinären Forschungs- und Dialogprojekt Conano - Comperative Challenge of Nanomaterials zusammengeschlossen. Die in die Studie involvierten Risikoforscher, Toxikologen, Arbeitsmediziner und Ökologen beendeten vergangene Woche ihre Arbeit. Das dem Standard vorliegende Resultat ist die weltweit erste vergleichende Nutzen-Risiko-Analyse von abbaubaren und nicht abbaubaren Nano-Delivery-Systemen in pharmazeutischen und kosmetischen Anwendungen. Auch Ciba verzichtet wegen noch nicht absehbarer Risken vorerst auf nicht abbaubarer Nanopartikel als Vehikel.

Auf Nanomaterialien setzt die Medizin vor allem wegen ihres Potenzials als Transportfähren, mit denen sich Therapeutika gezielt zum kranken Gewebe dirigieren lassen. Mit den Winzlingen lassen sich mehrere Probleme lösen: Viele pharmakologisch gute Wirkstoffe können nicht zum Einsatz kommen, weil sie in Wasser oder Blut nicht löslich sind. Andere Substanzen wiederum sind zwar löslich, erreichen ihr Ziel im Körper aber entweder gar nicht oder nur zu einem Bruchteil, müssen daher extrem hoch dosiert werden. Daraus folgt häufig ein drittes Problem: Sammelt sich die Arznei auch in anderen als den kranken Organen, erzeugt sie dort oft Nebenwirkungen.

Gruppe nicht homogen

Allein - was passiert mit den Nanopartikeln, von denen viele die Blut-Hirn- und die Planzenta-Schranke überwinden können, wenn sie ihre therapeutische Fracht im Organismus abgegeben haben? "Dazu kann man keine generelle Aussage treffen", erklärt Chemiker Willi Sieber, der für das Österreichische Ökologieinstitut an der Studie mitgearbeitet hat: "Nanomaterialien stellen keine homogene Gruppe dar. Es sind physikalisch, chemisch und strukturell sehr unterschiedliche Stoffe. Daher müssen Risikobeurteilungen immer fallbezogen sein."

Für jene Fälle, in denen abbaubare Nanomaterialien eingesetzt werden, gibt das Expertengremium jedenfalls grünes Licht. Dabei werden die eingesetzten Stoffe durch Dissoziation oder mittels körpereigener Enzyme aufgespalten, zerlegt und ihre Einzelteile vom Körper ausgeschieden.

Anders bewerten die Experten den Einsatz von nicht abbaubaren Nanopartikeln wie Fullerene und Kohlenstoffröhrchen. Erstere dienen derzeit als Transporter für Arzneien (etwa in der Krebs-Chemotherapie), für Kontrastmittel (mit dem giftigen Schwermetall Gadolinium beladen bei der Magnetresonanztomografie) und für Anti-Aging-Substanzen in Hautcremes. Und die Röhrchen werden derzeit auch als Vehikel für Radiologie und Onkologie beforscht.

Dazu gebe es laut Sieber erst wenige und noch dazu widersprüchliche Studien. So stehen Kohlenstoffröhrchen im Verdacht, toxische Wirkungen zu haben und zu chronischen Entzündungen mit und ohne Narbenbildung in Lunge und anderen Geweben zu führen. Fullerene seien noch weniger erforscht, sie könnten aber oxidativen Stress und Zellschäden hervorrufen. Völlig unklar seien Langzeitfolgen, so die Nanopartikel im Körper angelagert würden. Im Sinne des Vorsorgeprinzips solle daher auf solche Nanopartikel verzichtet werden.

Aber nur vorerst: "Wird das Gefahrenpotenzial nicht abbaubarer nanoskaliger Medikamententrägersysteme abschätzbar, ist in Zukunft auch deren Einsatz bei Novartis möglich", sagt Martin Kuster. Und Willi Sieber ergänzt: "Die noch notwenige Forschung muss von einem breiten öffentlichen Dialog zwischen Wissenschaft, Industrie und Konsumenten begleitet werden." Nur so könne man zu einer vorurteilsfreien und tragfähigen Lösung gelangen. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 12. 2007)

  • Die "Fußballmoleküle" gelten heute als nicht abbaubar.
    illustration: köck

    Die "Fußballmoleküle" gelten heute als nicht abbaubar.

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