Fressen aus einem Trog

29. Februar 2008, 21:10
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Ist der ORF mit den Formaten gescheitert, an denen seine Reform erkennbar werden sollte, so hat sich auch der "Club 2" ...

Ist der ORF mit den Formaten gescheitert, an denen seine Reform erkennbar werden sollte, so hat sich vorige Woche fürs Erste auch deren Persiflage in Gestalt der zwangsrenovierten Mottenkiste "Club 2" als Flop erwiesen - jedenfalls, wenn man in ihren Urteilen sonst eher weit auseinanderliegenden Connaisseurs trauen darf, wie es Adolf Holl in der "Presse" und Michael Jeannée in der "Krone" waren. "Von A bis Z missglückt", urteilte der Religionswissenschafter, der dabei auf einschlägige Erfahrung als Moderator bauen konnte. Wenn das, was uns da an trostloser TV-Tristesse geboten wurde, Unterhaltung gewesen sein soll, dann ist der lustige "Musikantenstadl" ein Trauerspiel, meldete Jeannée seinem lieben Günther Nenning brieflich ins Jenseits.

Die Begründungen, die die beiden Herren ihren in der allgemeinen Tendenz gleichen Urteilen beigaben, wiesen aber einige signifikante Differenzen auf, deren Ursache weniger auf der unterschiedlichen Einschätzung der Lustigkeit des "Musikantenstadls" beruhten als vielmehr im vorgegebenen Diskussionsthema "Die Meinungsfabriken - Wer bestimmt, was wir denken". Dass da ein Gefolgschaftsmitglied der Meinungsfabrik Dichand & Söhne zu anderen Ergebnissen kommen musste als jemand, der seine Fähigkeit zu unabhängigem Denken nachhaltig bewiesen hat, liegt auf der Hand.

Vor allem über die Rolle der beiden Protagonistinnen Marlene Streeruwitz und Eva Dichand klafften die Meinungen auseinander - naturgemäß. Holl attestiert Streeruwitz eine "medienmäßig geniale Begabung", sieht sie in der Rolle des "kulturpessimistischen Krokodils", vermisst aber den "Kasperl". Noch viel schlimmer als ein ins Trauerspiel gewendeter Musikantenstadl sei gewesen, was die "Schriftstellerin" Marlene Streeruwitz zum Thema von sich gab, befand Jeannée. Nämlich dieses: "Der Konsum ist ein reines Fressen aus einem Trog, und das Leben findet in einer Art Brei statt."

Verständlich, dass man in der Meinungsfabrik diesen Verrat von Betriebsgeheimnissen nicht durchgehen lassen konnte, ohne den Geist Günther Nennings im Jenseits anzurufen. Für den Gegenschlag auf Frau Streeruwitz musste Jeannée zu einem diesseitigen Instrument greifen. Aber Gott sei Dank war da auch noch eine kühle blonde Schwiegertochter namens Eva Dichand, die zu mitternächtlicher Geisterstunde ihr ganz persönliches "Club 2"-Resümee zog, das dann doch irgendwie noch an die guten alten Zeiten der Sendung gemahnte. Eva, blond, kühl, sachlich und treffend: "Na, wenigstens hat keiner den anderen verprügelt, sich ausgezogen oder masturbiert." Wie konnte Adolf Holl nur einen solchen "Kasperl" übersehen?

Die speichelleckerische Hingabe, mit der die Schwiegertochter des Chefs zur kühlen blonden Übermenschin stilisiert wird, passt gut zur Bewertung geistiger Arbeit im Familienbetrieb der Meinungsfabrik: Man erspart sich jedes Argument zur Sache - es genügt, eine Schriftstellerin "Schriftstellerin" zu nennen. Die Anleitung dazu gab die kühle Blonde während der Sendung aus, als sie Frau Streeruwitz den üblichen Fluch des Hauses Dichand entgegenschleuderte: "Wir haben nicht den Anspruch, eine Buchkritik von Ihnen zu bringen."

Das hätte sie nicht extra zu erwähnen brauchen. Im Schleim, mit dem die Familie Dichand unter inseratenmäßiger und sonstiger Beihilfe der Wiener SPÖ die Gegend überzieht, ist reines Fressen aus einem Trog angesagt. Auch wenn es sich um zwei Zeitungen handelt, ist es doch das selbstrefenzielle System einer Meinungsfabrik, die mit medialer Brachialgewalt bestimmen will, was wir denken - siehe das aktuelle Beispiel EU-Vertrag. Der Seniorchef der "Krone" hat mit "Heute" absolut gar nichts zu tun, das nimmt ihm, kühl und blond, die Schwiegertochter ab, im Verein mit dem Rathaus - rot und volksverblödend. Dafür darf der Alte in der "Heute"-Beilage "Live" - Das Beste der Woche - den Brei seiner Borniertheit als Altersweisheit eines legendären Gründers ausgießen, weshalb auch der reformierte ORF gar nicht mehr anders kann, als die kühle blonde Chefin dieses Blattes in den ersten wiederbelebten "Club 2" einzuladen - bei ihren Verdiensten um das Kultur- und Geistesleben dieses Landes wäre alles andere ein Skandal gewiesen, den die "Krone" nicht ungestraft hätte durchgehen lassen. So konnte sich deren Unmut bequem über einer "Schriftstellerin" entladen, die nur auf simple Tatsachen hinwies, vor denen mächtige Parteien feige die Augen verschließen und es Medienpolitik nennen.

Andererseits muss man als Frau schon froh sein, wenn einem nicht das Schicksal widerfährt, das Jeannée am Samstag Anna Netrebko zuteil werden ließ. Ich bin froh und glücklich darüber, dass Sie nicht lesbisch sind, ließ er die geliebte Sängerin brieflich wissen. Aber nicht, weil ich irgendwas gegen Lesben (oder Homos) habe, sondern weil ich als (normaler) Mann weiter von Ihnen als meiner (normalen) Traumfrau träumen darf und das auch tue.

Wäre sie lesbisch und nicht normal - er müsste glatt auf die kühle Blonde umträumen. Das wäre nur normal. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 18.12.2007)

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    foto: derstandard.at
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