Leben auf Reserve

3. Jänner 2008, 11:40
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"Sie ist ein Engel": Dank einer Betreuerin aus der Slowakei kann das Ehepaar Paul seinen Lebensabend zuhause genießen – trotz, nicht wegen der Pflegepolitik der Regierung

Atzelsdorf – Heinrich Paul kann sich nicht an die Unterschrift erinnern. Irgendwer im Spital muss ihm den Schrieb unter die Nase gehalten haben, als er, von Medikamenten zugedröhnt, im Gitterbett vor sich hindämmerte. Hätte die resolute Tochter nicht eingegriffen, Paul wäre im Heim gelandet – und bald vielleicht auf dem Friedhof: „Mich hätt der Schlag getroffen.“

Heute sitzt Paul in den vier Wänden, die er vor 35 Jahren eigenhändig hochgezogen hat, und raucht sich eine Zigarette an. Dass der 80-Jährige drei Monate nach einem Zusammenbruch „fast wieder der Alte“ ist, hat viel mit der zierlichen, rothaarigen Frau zu tun, die unermüdlich durchs Haus wieselt. Betreuerin Gitti aus der Slowakei passt rund um die Uhr auf, putzt, wäscht und nimmt Herrn Paul am Arm, wenn er trotz gelegentlicher Schwindelanfälle einkaufen geht. Im Ort werde schon getuschelt, erzählt Paul genüsslich: „Schau dir den Alten an, was der für ein Pupperl hat!“

„Pflegenotstand“ gibt es in dem Haus im niederösterreichischen Atzelsdorf keinen. So zufrieden wirken Heinrich Paul und seine Frau, dass sie gut auf Wahlplakate mit Politikern passen würden – wenn die denn etwas dafür könnten. Doch von der Pflegeförderung der Regierung sieht das Ehepaar keinen Euro.

Kein untypischer Fall: Vor eineinhalb Jahren begann Gertrude Pauls Gedächtnis rapide abzubauen, Diagnose Alzheimer. Als die 77-Jährige das Kochen verlernte, war an ein Leben allein nicht mehr zu denken, denn der Gatte hat in der Küche, wie er selbst zugibt, „zwei linke Händ‘“. Wie viele demente Menschen, bekam Paul aber nur Pflegegeld der Stufe zwei genehmigt. Ihr Mann, der vor zweieinhalb Jahren einen Schlaganfall erlitten hat, holte sich überhaupt einen Korb, wogegen die Tochter Einspruch erhob. Mit dem Erfolg, dass eine Ärztin im Pelzmantel anstöckelte, nach ein paar Standardfragen („Können Sie sich selbst anziehen?“) das Nein bestätigte und 409 Euro in Rechnung stellte.

2100 Euro im Monat kosten die angemeldeten Pflegerinnen Gitti und Marika, die sich alle zwei Wochen abwechseln – für Slowakinnen das Dreifache von dem, was sie daheim im Spital verdienen könnten. Dazu kommen noch einmal 900 Euro für weitere Ausgaben. Pflegegeld und Pension decken die Summe nicht annähernd ab, die fehlenden 1300 Euro kommen vom Sparbuch. „Wenn die Reserven aufgebraucht sind, kann ich mir nicht einmal ein Packerl Tschick kaufen“, sagt Heinrich Paul.

Die Pauls hoffen aufs neue Jahr. Ab Jänner will Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll legale, selbständige Betreuer mit 500 Euro monatlich nicht nur viel großzügiger als die Bundesregierung (225 Euro) fördern. Im Gegensatz zum Bund, der ab Pflegestufe 3 zahlt, verspricht er auch, das Geld schon für Demenzkranke ab Kategorie 1 auszuschütten – was Caritas-Mitarbeiter Hans Thoma sehr begrüßt. Der Experte stellt der rot-schwarzen Pflegerefom kein schmeichelhaftes Zeugnis aus. Die verheißenen 225 Euro würden im Schnitt nicht viel mehr als zehn Prozent der Gesamtkosten ausmachen. Und die höheren Förderungen für unselbständige Betreuer nehme niemand in Anspruch, weil man sich dafür die Kosten der Sozialversicherung aufhalse. Ergo: Beim eigens von der Caritas gegründeten Serviceverein „Rundum Zuhause betreut“ hat sich noch niemand gemeldet, um eine illegale Hilfskraft zu legalisieren.

Um Rat bitten nur Leute, die bisher überhaupt keine Unterstützung hatten – wie Elisabeth Lambacher. Die Tochter des Hauses wollte für ihre Eltern verlässliche Obhut daheim, die Caritas vermittelte die Betreuerinnen. Wobei der Familie durchaus entgegen kommt, dass kein Österreicher mehr so einen Job übernimmt. Heinrich Paul freut sich, auf seine alten Tag‘ noch ein paar Brocken Slowakisch zu lernen, Gemahlin Gertrude packt trotz Alzheimer ihre Tschechischkenntnisse aus. „Wir haben Wurzeln jenseits der Grenze“, sagt Lambacher, „und damit den gleichen Humor.“ (Gerald John/DER STANDARD, Printausgabe, 15.12.2007)

  • Ehepaar Heinrich und Gertrude Paul (vorne), Tochter Elisabeth und Betreuerin Gitti: kein Euro aus der Pflegeförderung.
    foto: standard/hendrich

    Ehepaar Heinrich und Gertrude Paul (vorne), Tochter Elisabeth und Betreuerin Gitti: kein Euro aus der Pflegeförderung.

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