"Es scheitert oft wieder am Geld"

23. April 2008, 11:12
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Elternvertreter Netzl erzählt im derStandard.at- Interview vom Schulgipfel und erklärt, weshalb manche Lehrer gezwungen sind, Schulbücher zu kopieren

Lehrbücher wie "Deutsch als Fremdsprache" oder Bücher für die Stütz- und Förderarbeit können mit dem vorhandenen Budget oft nicht angekauft werden, kritisiert Pflichtschul-Elternvertreter Gerald Netzl im Interview mit derStandard.at. Im besten Fall werde ein Exemplar pro Klasse gekauft und dann kopiert. Netzl fand den Schulgipfel "motivierend", fordert aber: "Es darf sich nicht in schönen Worten verlieren". Über die Verantwortung für den Lernerfolg der Kinder, den Druck, den manche Eltern auf die Lehrer ausüben und über Schulzeugnisse, die "bei uns zum Teil nicht der Wirklichkeit" entsprechen sprach er mit Katrin.Burgstaller.

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derStandard.at: Sie waren gestern beim Schulgipfel. Was hat man dort gemacht?

Netzl: Es gab vier Arbeitskreise zu den Themen "Chancengerechtigkeit im Bildungssystem", "Verantwortung, Leistung und Autonomie im Bildungssystem – neue Verantwortungskultur", "Integration und Migranten" und "Lern- und Prüfungskultur". Zu den Arbeitskreisen wurde man zugeteilt und in den Gruppen waren Personen mit verschiedensten Zugängen: Eltern-, Lehrer- und SchülervertreterInnen, aber auch Landesschulräte, Sozialpartner, VertreterInnen Pädagogischer Hochschulen, Parteien und jeweils ein Mitglied der Expertenkommission. Wir haben gut diskutiert.

derStandard.at: Hat die Ministerin auch mitdiskutiert?

Netzl: Nein. Aber aus den Arbeitsgruppen wurden kurze Zusammenfassungen präsentiert, dazu hat sich dann auch die Ministerin geäußert.

derStandard.at: In welcher Gruppe waren Sie? Wurde da etwas besonders Innovatives diskutiert?

Netzl: Ich war in der Gruppe "Lern- und Prüfungskultur". Unter anderem haben wir darüber gesprochen, dass es klug wäre, die Verantwortung für den Lernerfolg der Kinder stärker bei den Lehrerinnen und Lehrern festzumachen. Wir haben ein spannendes Modell diskutiert, bei dem der Lehrer, der die Beurteilung vornimmt, nicht gleichzeitig auch der unterrichtende Lehrer des Schülers ist. Dieses Modell gibt es in einigen Ländern. Die Zeugnisse entsprechen bei uns zum Teil nicht der Wirklichkeit, leider auch deshalb, weil von manchen Eltern auf die Lehrer Druck ausgeübt wird.

derStandard.at: Sind Sie restlos vom Gipfel begeistert?

Netzl: In ihrer Presseaussendung zum Schulgipfel kündigt die Frau Ministerin an, die Integrationsmaßnahmen in den Schulklassen forcieren zu wollen. Heute habe ich erfahren, dass das Schulbuchlimit - das ist der Betrag, um den für ein Schulkind Bücher angekauft werden können - im nächsten Jahr wieder nicht steigt. Dabei wäre es gerade für Kinder mit Sprachdefiziten wichtig, dass dieses Schulbuchlimit erhöht wird. Das fordern wir Elternvertreter schon seit Jahren. Spezielle Lehrbücher wie "Deutsch als Fremdsprache" oder Bücher für die Stütz- und Förderarbeit können mit dem vorhandenen Budget oft nicht angekauft werden, da dieses bereits für andere Bücher ausgeschöpft ist.Im besten Fall wird ein Exemplar pro Klasse gekauft und dann werden Raubkopien gemacht.

Man hört die schönen Worte am Schulgipfel, aber es scheitert dann oft wieder am Geld. Es darf sich nicht in schönen Worten verlieren.

derStandard.at: Was wird mit den Ergebnissen aus den Arbeitsgruppen gemacht?

Netzl: So wie ich das verstanden habe, wird sich das die Expertenkommission ansehen und damit tun, was sie für richtig hält.

derStandard.at: Haben Sie den Eindruck, dass der Schulgipfel etwas bewirkt?

Netzl: Ich bin erst wenige Jahre im bildungspolitischen Bereich tätig, für mich persönlich war der Schulgipfel motivierend. Aber ich habe auch mit Leuten gesprochen, die schon länger dabei sind. Sie meinten, manche Diskussion wird schon seit vielen Jahren so geführt. Andererseits haben auch sie bestätigt, dass Neues dabei war und die Form des Gipfels erfrischend war. (Katrin Burgstaller/derStandard.at/14. Dezember 2007)

  • Elternvertreter Gerald Netzl fand den von Unterrichtsministerin Claudia Schmied einberufenen Schulgipfel "motivierend" und wünscht sich: "Es darf sich nicht in schönen Worten verlieren".
    foto: privat

    Elternvertreter Gerald Netzl fand den von Unterrichtsministerin Claudia Schmied einberufenen Schulgipfel "motivierend" und wünscht sich: "Es darf sich nicht in schönen Worten verlieren".

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