Grete Laska: "Auch Österreicher sind Analphabeten"

23. Jänner 2008, 15:52
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Die Wiener Vize-Bürgermeisterin im STANDARD-Gespräch unter anderem über Chancengleichheit, lila Kühe und "unüberbietbare Entsetzlichkeiten"

STANDARD: Seit Monaten arbeitet eine von SPÖ und ÖVP eingesetzte Expertengruppe an einem neuen Mittelschulkonzept für Wien. Die ersten Ergebnisse sollten ursprünglich Anfang Dezember vorliegen, jetzt wurde die Präsentation auf Jänner verschoben. Warum?

Laska: Wir haben den Bericht aus einem einfachen Grund noch nicht präsentiert: In der Expertengruppe ging es nur um den inhaltlichen Teil. Das Organisatorische muss wieder zurück an die Politik. Zuerst muss überlegt werden, was wir auf Basis der bundesgesetzlichen Vorgaben für Wien umsetzen können. Macht ein neues Modell für eine gemeinsame Schule aller Zehn- bis 14-Jährigen Sinn oder haben wir bereits genug Erfahrung mit Mittelschulversuchen gesammelt?

STANDARD: Manche Zuwandererkinder mit Hauptschulabschluss, hier geboren und aufgewachsen, können nicht Deutsch. Wie ist das möglich?

Laska: Es gibt auch Österreicher, die Analphabeten sind. Und die sind auch alle in die Schule gegangen.

STANDARD: Haben Wiener Kinder mit Migrationshintergrund wirklich dieselben Bildungschancen beziehungsweise dieselben Schwierigkeiten in der Schule wie der Nachwuchs von Österreichern?

Laska: Ich sage ja nicht, dass alle dieselben Probleme haben. Ich sage nur, dass man nicht alle Probleme lösen kann, indem man sagt: Die Zuwandererkinder müssen Deutsch lernen. Das ist ein Blödsinn. Denn ein Wiener Kind, das in Hirschstetten aufwächst, kommt unter Umständen nie mit einem Wiener Kind zusammen, das im 7. oder im 13. Bezirk aufwächst. Ich bin schon mit Kindern aus Siedlungsgebieten am Stadtrand ins niederösterreichische Umland gefahren, die dort das erste Mal Kühe gesehen haben, die nicht lila sind. Auch dort gibt es Bildungsdefizite und Kinder, die man nicht mit einem bildungsgeförderten Kind einer Akademikerfamilie vergleichen kann, das schon im dritten Lebensjahr in einen englischen Kindergarten geht und ins Kindermuseum und zum Ballett und was es sonst noch alles gibt. Man darf nicht so tun, als würden alle sozialen Schichten alle Angebote in Anspruch nehmen. Da kann Schule ein Ausgleich sein.

STANDARD: Themenwechsel: Die Kritik an der EURO-Fanmeile in der Innenstadt reißt nicht ab. Eine ganze Reihe von Sicherheitsexperten warnen vor 100.000 Fans in der City.

Laska: Die Diskussion um den Standort der Fanmeile ist erledigt, es ist einfach ganz klar, dass sich die Gäste, die nach Wien kommen, in der Innenstadt aufhalten werden, ob wir das wollen oder nicht. Und wir wollen's, denn die EURO ist neben dem großen Fußballereignis auch eine Chance, Wien als Ganzes zu präsentieren. Es ist ja nicht so, dass Wien keinerlei Erfahrung mit Großveranstaltungen hätte. Zum Jahreswechsel haben wir in einer Nacht 650.000 Leute in der Innenstadt. Ein Stückerl Überraschung ist dann immer noch dabei.

STANDARD: Apropos Überraschung: In der teils sehr emotional geführten Diskussion um die Gestaltung des Wurstelprater-Vorplatzes vertreten Sie die Ansicht, die Wiener sollten erst einmal warten, bis er fertig ist, bevor sie entscheiden, ob er ihnen gefällt. Was passiert, wenn den Wienern der Kulissenbau nicht zusagt?

Laska: Es sind jetzt schon viele positive Rückmeldungen gekommen. Die Diskussion zwischen Architekten, ob das architektonisch positiv oder negativ zu beurteilen ist, ist eine, die man auf einer ganz anderen Ebene sehen muss. Der Gast vergleicht das, was er vorher erlebt hat mit dem, was neu kommen wird. Ich meine: Was vorher dort war, ist an Entsetzlichkeit nicht zu überbieten. (Marijana Miljkovic/Martina Stemmer, DER STANDARD - Printausgabe, 14. Dezember 2007)

Zur Person
Grete Laska, 56, (SPÖ) ist Stadträtin für Jugend, Bildung, Sport und Information in Wien.
  • Vize-Bürgermeisterin Grete Laska (SPÖ) muss noch ausdiskutieren, ob es Sinn macht, noch ein Schulmodell zu starten. Auf die EURO sei die Stadt gut vorbereitet: "Ein Stückerl Überraschung ist dann immer noch dabei."
    foto: standard/andy urban

    Vize-Bürgermeisterin Grete Laska (SPÖ) muss noch ausdiskutieren, ob es Sinn macht, noch ein Schulmodell zu starten. Auf die EURO sei die Stadt gut vorbereitet: "Ein Stückerl Überraschung ist dann immer noch dabei."

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