Pulver für die ganze Welt

24. April 2008, 12:17
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Curry und die Gewürze des Subkontinents stehen heute exemplarisch für "global Food" und Fusion-Cuisine

Einst waren sie Kickstarter der Globalisierung, heute bestimmen sie den Geschmack der Küchen der Welt.

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Es soll Feinschmecker geben, die sich zu gut sind, bei McDonald's zu speisen, weil Junkfood schieres Gift für die Geschmacksnerven sei und sie ihr hochempfindliches Sensorium derartigen Anschlägen auf den guten Geschmack nicht um die Burg aussetzen wollen. Die sollten sich etwas Neues überlegen. Der meistdekorierte Küchenchef aller Zeiten und offizielle Ober-Gourmet aller Klassen und Kontinente, Alain Ducasse persönlich, erklärte nämlich jetzt der Financial Times, dass er ausgerechnet Chicken McNuggets, die aus rekonstituiertem Hühnerfleisch bestehenden Nahrungs-Imitate von McDonald's, zum Fressen gern habe: "Mit Currysauce schmecken sie mir gut."

Luxus, Macht und Dolce Vita

Kein Wunder. Mit Curry schmeckt beinahe alles gut, auch Dinge, die man sonst nicht einmal im Traum für genießbar halten würde. Und das war schon immer so. Ab dem frühen Mittelalter galten nämlich exakt jene Gewürze, die in keiner Curry-Mischung fehlen dürfen, als Inbegriff von Luxus, Macht und Dolce Vita. Dafür war man bereit, sein Leben aufs Spiel zu setzen, das versprach Prestige und Ruhm. Was immer man mit den kraftvollen Samen, Wurzeln, Rinden, Blättern und Früchten aus der Ferne würzte, schmeckte plötzlich interessant, irgendwie edel und natürlich viel, viel besser als ohne. Nelken, Zimt und Kardamom, Muskatnuss, Safran, Ingwer und Sternanis, Kreuzkümmel, Koriander, Pfeffer natürlich waren die Substanzen, wegen derer die großen Entdecker in See stachen, für die Kriege geführt und Königreiche aufs Spiel gesetzt, Menschen gequält und zigtausendfach gemordet wurden: Globalisierung des Handels und kultureller Austausch auf der einen, Kolonialisierung und Ausbeutung auf der anderen Seite.

Die unbändige Attraktion der exotischen "Spezereien" blieb keineswegs auf Europa beschränkt: Wo immer die Handelsschiffe Station machten, entwickelten sich in der Folge Küchen, die sich wesentlich auf ebendiese Gewürze stützten: in Ostafrika ebenso wie an den südlichen Ufern des Mittelmeers, entlang der Seidenstraße genau so wie an den Ufern der Ostsee. Die Expansion des britischen Empires tat ein Übriges - so ist die teils frappante Verwandtschaft der Küchen der karibischen "West Indies" oder auch der kreolischen Küche mit originär indischer Küche erklärbar.

Studentenessen

Was den typisch japanischen Mittagsteller "Kari Raiso" betrifft, ist eigentlich keine weitere Erklärung notwendig: Das Gericht erklärt sich über seinen Namen. Es wurde von britischen Handelsschiffen zu Ende des 19. Jahrhunderts in Japan eingeführt, ist ein ziemlich essigsaures Currygericht mit Reis und gilt als besonders günstiges und beliebtes Studentenessen.

Inzwischen ist Curry, genauer die indo-britische Kreation mit dem Namen "Chicken Tikka Masala", sogar das offizielle Nationalgericht Großbritanniens, zumindest wurde es 2001 vom damaligen Außenminister Robin Cook dazu gekürt. Nun mögen sich Kenner der indischen Küchen über die barbarische Art echauffieren, sich ein originäres indisches Gericht (nämlich die marinierten und am am Spieß gegrillten Hendlstücke mit Namen Chicken Tikka) auf den lokalen Geschmack zurechtzuköcheln, indem man dem puren Grillfleisch eine ziemlich tomatige, süße Currysauce drüberkippt. Allein der Erfolg gibt dem Gericht recht: Längst wird es als "frozen dinner" von britischen Firmen mit Erfolg nach Indien exportiert - so viel zum stets aktuellen Thema der Authentizität von Gerichten.

30 Millionen Gläser Currysauce

Überhaupt, der Curry und die Globalisierung: Patak's, weltweit erfolgreichster Produzent von Currysaucen, Chutneys und dergleichen, wurde einst von Laxnishanker Patak gegründet, der 1957 als kenianischer Flüchtling mit ganzen fünf Pfund in der Tasche in England landete und, natürlich, ein Mitglied der erheblichen indischstämmigen Minderheit des ostafrikanischen Landes war. Vergangenes Jahr produzierte der Familienbetrieb bereits 30 Millionen Gläser "original indischer" Currysauce pro Jahr und wurde um mehr als 150 Millionen Euro verkauft. Die Kochbücher von Madhur Jaffrey und Camelia Pandjabi, in denen original indische Currys präsentiert werden, sind weltweite Millionen-Bestseller. (Severin Corti/Der Standard/rondo/14/12/2007)

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    foto: renée cuhaj
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