Indien am Hals

24. April 2008, 11:16
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Cartier unternimmt mit der Kollektion "Inde Mystérieuse" einen ost-westlichen Ausflug

Schöne Mädchen in seidenen Roben, Colliers an den Schwanenhälsen, viele Karat schwere Ringe an den Händen, Armspangen am zarten Bizeps. So schreiten sie an einem Abend im September über die roten Teppiche des Londoner Trafalgar House und präsentieren eine Kollektion des Hauses Cartier, des Haus- und Hoflieferanten der Reichen und Schönen. Kaum verhüllte Begeisterung in den ersten Reihen, wo die nicht minder beschmuckten Damen nebst - man will es vermuten - zahlungskräftigen Herren sitzen. Die Kollektion heißt Inde Mystérieuse und ist ein vorläufiger Endpunkt einer langen indisch-europäischen Geschichte transkontinentaler Faszination.

Bereits 1913 richtete Cartier sein Auge nach Indien und übersetzte das dort Gesehene in die eigene Welt. Damals stellte man bei Cartier an der New Yorker Fifth Avenue zwanzig Schmückstücke "inspiriert von indischer Kunst" aus. Man bezog sich auf die Formensprache der Mu-ghal-Ära, die vom 16. bis ins 18. Jahrhundert reichte, in der sich der Formenreichtum in noch nie dagewesener Art entfaltete. Jade, Rubinperlen, gravierte Smaragde, Diamanten von solch einzigartiger Qualität und Größe, dass man ihnen Namen geben musste.

Shiva und Parvati

Einerseits bediente sich Cartier in den darauffolgenden Dekaden kräftig der indischen Mythologie - etwa gravierte man die indischen Gottheiten Shiva und Parvati vor einem Tigerfellhintergrund sitzend in einen Smaragd, der dann als Herzstück in ein Collier eingefügt wurde. Auch beschäftigte man sich gerne mit der Art der indischen Steinschleifer, die noblen Mineralien in Form zu bringen. Denn während man in Europa außer Cabochon-, Baguette- und noch einer Hand voll anderer Schliffe nicht viel zur Verfügung hatte oder nicht experimentieren wollte, gravierten die indischen Kollegen die Steine oder frästen fragile Rippen in ihre polierten Oberflächen.

Aber die Faszination wirkte auch in der Gegenrichtung. Maharadschas (oder eher jemand aus dem Hofstaat) klopften an die Tür von Cartier in der Pariser Rue de la Paix oder an der Londoner New Bond Street, um ihren Familienschmuck neu fassen zu lassen. Der Maharadscha von Patiala, ein Prinz aus dem Punjab, orderte dann gleich einen ganzen Satz von Halsketten, Knöpfen und Armspangen, die dann auch 1928 in den Schaufenstern in der Rue de La Paix ausgestellt waren. Was also Cartier von Indien lernte, war Mut zum Experiment, zur Asymmetrie, zur Verspieltheit. Was die indischen Kunden, denen der Schmuck buchstäblich in die Wiege gelegt wurde, von Cartier wollten? Klarheit, Reduktion und westliches Flair. Das mag angesichts einer Oberarmspange aus Platin mit 831 Diamanten, die Cartier für einen Herren aus Bombay entwarf, etwas komisch klingen. Aber für indische Verhältnisse nimmt sie sich wohl schlicht aus.

Bedauernde Blicke

Für die Kollektion "Inde Mystérieuse" hielt sich Cartier für indische Verhältnisse sehr, für europäische Verhältnisse gar nicht zurück. Ein Collier aus Beryll-Perlensträngen und ein Blickfang, bestehend aus einem kapitalen Rubelit, umrahmt von Diamanten, oder ein weiteres Collier, das sich in Gestalt eines gelbgoldenen Tigers mit Smaragdaugen um den Hals schmiegt, machen auf festlichen Gelegenheit zwischen Rom und New York die anderen Damen neidisch, in Indien erntet man vielleicht bedauernde Blicke.

Dass Diamanten die besten Freunde einer Frau wären, hat übrigens auch nicht Marilyn Monroe erfunden, sondern wurzelt in den indischen Codices für Heirat, Vermögensverteilung und der Position der Frau in der Ehe. Denn an Eigentum, über das die Frau frei verfügen kann und das im Falle des Abhandenkommens des Ehemanns ihre Existenz sichert, darf sie nur einen bestimmten Betrag Geldes haben (über den Rest des von ihr eingebrachten verfügt der Gatte), aber sie darf Schmuck besitzen - und das in unbegrenztem Umfang. Denn ob die zahlungskräftigen Herren in den ersten Reihen auch zahlungswillig bleiben, ist in West wie in Ost wohl ähnlich ungewiss. (Bettina Stimeder/Der Standard/rondo/14/12/2007)

  • Links: Collier aus Platin mit graviertem Turmalin, braunen und weißen Diamanten und Brillanten. Ohrringe aus Platin mit zwei Diamanten im Rosenschliff sowie Brillanten. Rechts: Platincollier mit graviertem Smaragd, braunen und weißen Diamanten, einem blau-grünen Saphir und Brillanten.
    foto: hersteller

    Links: Collier aus Platin mit graviertem Turmalin, braunen und weißen Diamanten und Brillanten. Ohrringe aus Platin mit zwei Diamanten im Rosenschliff sowie Brillanten. Rechts: Platincollier mit graviertem Smaragd, braunen und weißen Diamanten, einem blau-grünen Saphir und Brillanten.

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