Kühles Kalkül

25. Jänner 2008, 15:12
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Die SPÖ kann nun getrost von einer "vergebenen Chance" sprechen

Zwei ambitionierte Projekte, ein schwer bebaubares Grundstück: Seit Monaten wird um den "Augartenspitz" gestritten. Sollen die Sängerknaben einen neuen Konzertsaal bauen oder das Filmarchiv ein neues Kino? Weil sich der Augarten in Bundesbesitz befindet, hat VP-Minister Martin Bartenstein der roten Wiener Stadtregierung die Entscheidung abgenommen - und sich für die Sängerknaben entschieden.

Die SPÖ kann nun getrost von einer "vergebenen Chance" sprechen und behaupten, ihr wäre ein Kino für die Leopoldstadt lieber gewesen als ein "Konzertkristall". Vor Bartensteins Machtwort bekannte sich freilich kein roter Politiker öffentlich zum Kinoprojekt im kulturell unterversorgten zweiten Bezirk. Man wollte offenbar jene Wähler nicht vergraulen, denen das Projekt des traditionsreichen Knabenchors unterstützenswerter erscheint als ein neues Filmzentrum, das - so wie der Rest der Wiener Kleinkinos - möglicherweise bald ums Überleben kämpft. Das ist nachvollziehbar.

Unnötige Aussagen

Nicht nachvollziehbar ist hingegen, dass Kulturministerin Claudia Schmied und der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny jetzt so tun, als hätte sich die SPÖ von jeher für das Filmprojekt eingesetzt und die ÖVP das nun, leider, vermasselt. Genauso unnötig ist die Aussage von Gertrude Brinek, VP-Parteichefin in der Leopoldstadt, es sei ausschließlich um "fachliche Argumente" gegangen. Warum hat die Volkspartei dann nicht wie vereinbart bis zum Abschluss des Leitbildprozesses für den Augarten mit einer Entscheidung gewartet?

Man wollte die leidige Angelegenheit offenbar möglichst schnell vom Tisch haben - als kühles Kalkül zu einer Jahreszeit, in der die Wiener lieber in der warmen Stube sitzen als auf einer Wiese im Augarten. (Martina Stemmer, DER STANDARD Printausgabe, 12.12.2007)

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