Weitere Wickel im Augarten

17. Dezember 2007, 14:39
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Anrainer wollen den neuen Sängerknaben- Konzertsaal verhindern und kündigen massive Proteste an

Wien - Gerhard Kubik geht auch lieber ins Kino als zu einem Gesangsabend. "Dass die Sängerknaben nun in der Öffentlichkeit als ein paar singende Gschrappen hingestellt werden, die eh niemand braucht, nur weil sie statt dem Filmarchiv im Augarten bauen dürfen, ärgert mich aber schon", sagt der Bezirksvorsteher der Leopoldstadt. "Sonst sind wir doch auch stolz auf den traditionsreichen Chor, der durch die ganze Welt reist und für Österreich wirbt."

Kubik glaubt, dass auf dem umkämpften "Augartenspitz" ein neuer Konzertsaal sowie ein Kino Platz gefunden hätten: "Man müsste nur wirklich wollen." Weil sich aber der Chef der Sängerknaben, Eugen Jesser, mit Ernst Kieninger (Filmarchiv) und Hans Hurch (Viennale) nicht auf ein Mehrzweckgebäude einigen konnte, hat jetzt der zuständige Minister Martin Bartenstein (ÖVP) entschieden, dass die Sängerknaben einen neuen Konzertsaal im Augarten bekommen und sich das Projekt Filmzentrum nach einem neuen Standort umsehen muss.

Häupl sucht

Wiens Bürgermeister Michael Häupl (SP) hat bereits angekündigt, er werde sich um ein Ausweichgrundstück für das "begrüßenswerte Projekt" bemühen. Der roten Stadtregierung mangelt es allerdings noch an Ideen für einen möglichen Standort für das Zwei-Säle-Kino mit öffentlicher Mediathek.

Die Entscheidung des Ministers für die Sängerknaben kam überraschend: Im April diesen Jahres hatten sich Jesser und Hurch noch mit Stadt- und Bundesvertretern sowie zahlreichen Anrainern im "Haus der Begegnung" am Praterstern zusammengesetzt, um den Streit um das Areal im denkmalgeschützten Park halbwegs friedlich zu lösen. Auch Burghauptmann Wolfgang Beer war als Eigentümer-Vertreter mit dabei.

"Wir gingen damals mit der Übereinkunft auseinander, dass nichts entschieden werden soll, bevor die Leitbildstudie für den Augarten fertig ist", erinnert sich Hurch. Angepeilter Termin: Frühling 2008. "Bartenstein wollte die Sache wohl so schnell wie möglich abhaken und hat gehofft, dass wir so kurz vor Weihnachten andere Sorgen haben als den Augarten", mutmaßt Eva Hottenroth vom "Verein der Freunde des Augartens", der gegen den neuen Konzertsaal mobil macht. Burghauptmann Beer stellt hingegen klar, dass das Sängerknaben-Projekt dem Filmzentrum vorgezogen wurde, "weil es besser durchdacht war."

Unvereinbar

Hätte man sich also doch mit einem Mehrzweckgebäude zufriedengeben sollen, um im kinolosen 2. Bezirk wenigstens hin und wieder Filme zeigen zu können? "Nein", sagt Hurch, "es ist unmöglich, auf diesem schwer bebaubaren Grundstück beides unterzubringen, darin waren wir uns mit den Sängerknaben einig."

Die Freunde des Augartens wollen sich jedenfalls weiter gegen den "Konzertkristall" wehren: "Wir planen eine ganze Reihe von Protestaktionen", sagt Hottenroth. (Martina Stemmer, DER STANDARD Printausgabe, 12.12.2007)

  • Ein Konzertsaal auf dem "Augartenspitz": Die Sängerknaben hoffen auf eine Baubewilligung für Frühling 2008
    foto: standard/heribert corn

    Ein Konzertsaal auf dem "Augartenspitz": Die Sängerknaben hoffen auf eine Baubewilligung für Frühling 2008

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