Jagd nach Sporttalenten auf dem Balkan

7. Jänner 2008, 11:54
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Die Regierungen der Länder des früheren Jugoslawien reagieren oft zu spät auf die Flucht ihrer künftigen Champions

Ein australischer, amerikanischer oder EU-Pass erhöht deren Marktwert sprunghaft, stürzt manche Spitzensportler aber auch in Identitätskonflikte. Von Milorad Ivanović aus Belgrad, Sarajevo, Zagreb und London.

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Im Juni 2007 bereiteten mehrere zehntausend Einwohner Belgrads den serbischen Tennis-Wunderkindern Ana Ivanović, Jelena Janković und Novak Doković nach ihren sensationellen Leistungen bei den French Open einen begeisterten Empfang.

Die meisten Fans ahnten kaum etwas davon, dass ihre Idole den Tennisanhängern in Großbritannien, Australien oder anderswo dieselbe Freude machen könnten. Alle drei haben lukrative Angebote erhalten, ihre gegenwärtige Staatsangehörigkeit zu wechseln. Der Vater von Ana Ivanović, Miroslav, erwähnt, daß seine Tochter etliche Offerten abgelehnt habe, darunter eine aus Australien.

Vereinfachte EU-Visa

"Ein australischer, amerikanischer oder EU-Reisepass erhöht den Marktwert eines Sportlers um das 10- bis 20fache. Das bedeutet, dass Sportler aus diesen Ländern unvergleichlich mehr Geld von Sponsoren bekommen", erklärt Ivanović. In der Praxis entfällt außerdem die mühselige Antragsprozedur für ein Visum. Um diese Zwangsangelegenheit kommen sogar Teilnehmer internationaler Spitzenturniere nicht herum, bis hier im nächsten Jahr neue Richtlinien der EU für eine Vereinfachung sorgen werden.

"Als sie noch jung war und auf allerlei Ideen kam, dachte sie darüber nach, eine andere Staatsangehörigkeit anzunehmen", erinnert sich Ivanović: "Es gab eine Unmenge Angebote, einige davon waren zu schön, um wahr zu sein. Sie hörte (aber) mit solchen Gedankenspielen auf, sobald sie sich mit dem Tennisspielen ein ansehnliches Auskommen verschaffen konnte".

Der britische Rasentennisverband hat 2007 die Eltern von Novak Doković mit dem Versprechen kontaktiert, Novak könnte wesentlich lukrativere Sponsorenverträge und eine bessere Unterstützung bekommen, wenn er für Großbritannien antreten würde. Đjoković hat das Angebot unter dem Druck des Medienhypes in Serbien, Großbritannien und anderen Ländern abgelehnt.

Viele andere Sportler vom Balkan jedoch haben, von den begrenzten Möglichkeiten für ihre berufliche Entwicklung im eigenen Land frustriert, nachgegeben. Marko Pešić, Sohn des berühmten Basketballtrainers Svetislav Pešić, der Jugoslawien bei der Europameisterschaft 2001 und bei der Weltmeisterschaft 2002 zu Goldmedaillen verhalf, hat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.

"Ursprünglich lehnte ich das Angebot, einen deutschen Pass zu bekommen, aus patriotischen Gründen ab. Dann wurde ich nicht für die jugoslawische Nationalmannschaft aufgestellt, und ich wollte noch an bedeutenden internationalen Sportveranstaltungen teilnehmen", erklärt er. "Ich folgte dem Rat meiner Eltern und verwirklichte meinen Traum, indem ich für Deutschland gespielt habe."

Krieg und Isolation

In einem Land, das sich noch immer von mehr als einem Jahrzehnt voller Kriege und internationaler Isolation unter Slobodan Milošević erholen muss, tragen sich sehr viele serbische Spitzensportler mit dem Gedanken, diesem Beispiel zu folgen.

Should I stay or should I go?

Eine für diesen Artikel durchgeführte Meinungsumfrage, an der einhundert Sportler teilgenommen haben, ergab, dass 54 Prozent der Befragten ein entsprechendes Angebot in Betracht ziehen würden. 30 Prozent nennen Geld als vorrangiges Motiv, während sich 18 Prozent unzufrieden über die Sportpolitik ihrer Regierung äußern. 16 Prozent führen Visaprobleme an, während acht Prozent glauben, das sie in anderen Ländern bessere Leistungen zeigen würden. Keiner nannte politische Gründe als Motiv. 54 Prozent hatten keine Meinung dazu, ob der Wechsel der Staatsangehörigkeit moralische Aspekte berührt. 26 Prozent begreifen einen derartigen Wechsel als positiven Schritt, 20 Prozent bezeichnen ihn als falsch.

54 Prozent der Befragten würden in anderes Land ziehen, wenn ihnen dort ein gutes Angebot vorliegen würde. Davon präferierten zwölf Prozent Italien und fünf Prozent die USA, daneben wurden auch Frankreich, die Schweiz, Deutschland und andere Länder genannt.

Jasna Bajraktarević, Psychologieprofessorin an der Universität Sarajevo, zeigt sich von den Ergebnissen der Umfrage wenig überrascht und fügt hinzu, dass es in allen ex-jugoslawischen Staaten das Interesse gibt, das Land zu verlassen. Sie besteht darauf, Sportler, die eine andere Staatsbürgerschaft annehmen, "unter keinen Umständen als Nichtpatrioten zu verurteilen2.

"Jedes Land, das nicht in der Lage ist, seinen Sportlern elementare Trainingsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, damit sie an Wettkämpfen teilnehmen können, gerät in solch eine Krise", bemerkt sie. Einen anderen wichtigen Grund für die ambivalente Haltung vieler Sportler sieht sie in der aktuellen politischen Entwicklung der Region: "Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens sind jünger als der Großteil ihrer Athleten. Daher ist es überhaupt nicht eindeutig, in welchem Maße sie sich mit ihren vor kurzem gegründeten Ländern identifizieren."

Reisefreiheit

Ein Grund für den Wechsel der Staatsangehörigkeit ist die Härte der augenblicklichen Visaregelungen, eine Hinterlassenschaft des Zerfalls des ehemaligen Jugoslawien. Obwohl sie in Serbien ein Sportstar ist, steht Ana Ivanović noch immer vor den Botschaften Schlange, um ein Reisevisum zu erhalten. "Sie war oft unter Zeitdruck und musste vor irgendeiner Botschaft wortwörtlich einige Stunden vor ihrem Abflug auf das Visum warten", erinnert sich ihr Vater Miroslav.

Hoffentlich werden viele Sportler demnächst nicht mehr mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert sein. Am 18. September unterzeichnete die EU ein Visaabkommen mit Albanien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien und Serbien, das bestimmten Personengruppen Reiseerleichterungen verspricht. Das Abkommen, das im Januar 2008 in Kraft treten soll, nutzt vor allem Sportlern, Studenten, Geschäftsleuten und Journalisten. Sie werden ihre Visa leichter bekommen und dafür nur 35 Euro bezahlen müssen, nahezu die Hälfte der augenblicklichen Gebühr.

Die serbische Spitzentennisspielerin Jelena Janković hatte ähnliche Torturen durchzustehen wie Ana Ivanović. In einem vor kurzem in der Wochenzeitung Ilustrovana Politika veröffentlichten Interview erzählte sie, daß sie auf ihre Reisen immer vier miteinander verbundene Reisepässe mitgenommen hätte.

"Alle vier Pässe waren voller Visa, was die Grenzpolizisten immer durcheinander gebracht hat. Ich wurde dann immer gefragt, wie viel Leute noch mit mir reisen", erinnert sie sich. "Wenn sie dann begriffen haben, dass alle vier Pässe mir gehören, haben sie mich höflich gebeten, das Visum für ihr jeweiliges Land selbst heraus zu suchen. Ansonsten hätten sie zu viel Zeit verloren."

Miroslav Ivanović, dessen Familie vor einigen Jahren in die Schweiz umgezogen ist, aber die serbische Staatsangehörigkeit behalten hat, meint, dass die vor kurzem von der EU beschlossenen Änderungen für die Sportlerinnen und Sportler seines Landes zu kurz greifen. Er schlägt vor, den Spitzensportlern "als Personen, die den internationalen Ruf des Landes erheblich verbessert haben", Diplomatenpässe auszuhändigen.

Sport als Familienangelegenheit

Manche Familien von serbischen Sportstars behaupten, sie hätten die ganze Arbeit, um die sich in einem besser entwickelten Land der Staat kümmern würde, selbst erledigen müssen.

Die 71-jährige Tennistrainerin Jelena Genčić, die Novak Doković, Monika Seleš und andere Sporttalente entdeckt hat, meint, die Familien müssten die fehlende institutionellen Unterstützung kompensieren: "Hätte Novaks hartnäckiger Vater nicht so viele persönliche Opfer auf sich genommen, wäre der Junge nie der Spieler geworden, der er heute ist".

Die dominierende Rolle, die die Familien von serbischen Sportstars übernehmen, birgt jedoch andere Schwierigkeiten in sich, fährt Genčić fort. Manche Eltern "können zum Problem werden, wenn sie die Begabung ihrer Kinder vor allem als Möglichkeit sehen, zu Geld zu kommen", sagt sie. "Sie glauben 'wenn mein Kind reich wird, werde ich das auch'. Einige von ihnen begreifen den Wechsel der Staatsangehörigkeit als Teil eines lukrativen Geschäfts."

Genčić lobt Đokovićs Vater Srđan, der eine Kampagne zur Gründung einer serbischen Tennisakademie initiiert hat – ein Projekt, das sich noch in Planung befindet. Novak Đoković erklärt, worum es dabei geht: "Jelena Janković ging in die Vereinigten Staaten, Ana Ivanović in die Schweiz, und ich habe in Deutschland und Italien trainiert ... Serbien ist voller junger Talente, aber wir brauchen die Akademie, um sie hier zu behalten."

Er fügt nachdenklich hinzu: "Ich kann es kaum erklären, warum wir im Tennis so erfolgreich geworden sind, denn es gab hierzulande keinerlei Grundlagen für unseren Erfolg. Ich weiß, was Ana, Jelena und ich alles durchgemacht haben, wir alle mussten ins Ausland gehen, um weiter vorankommen zu können."

Allerdings könnten sich die Dinge für Sportstars in Serbien demnächst zum Besseren wenden, womit sich die Abhängigkeit von den Eltern oder der Druck zur Auswanderung und der Annahme einer ausländischen Staatsangehörigkeit verringern würde.

Im Juli hat beispielsweise Verano Motors, einer der größten serbischen Autohändler, einen dreijährigen Sponsorenvertrag mit Ana Ivanović geschlossen. Die Vertragsbedingungen werden geheim gehalten, aber der Direktor der Firma, Jovan Šijan, bezeichnet ihn als größten Sponsorenvertrag in der Geschichte Serbiens. Die Abmachung ziele darauf ab, junge Talente in Serbien zu halten.

"Serbische Firmen sollten jungen Sportlern einen Anreiz bieten, hier zu bleiben", fordert Šijan. "Wir glauben, dass unsere Initiative andere Talente ermutigen wird, in Ana Ivanovićs Fußstapfen zu treten."

Die Kampagne wurde von der Regierung unterstützt. Die neue Sportministerin Snežana Samardžić-Marković bezeichnete es als Chefsache, den Exodus der Sporttalente zu verhindern.

Ana Marković, Mitarbeiterin des Ministeriums, sagt, die Regierung habe den ersten Schritt getan, indem sie einen Beschluss fasste, die den Staat verpflichtet, erfolgreichen Sportlern ein anständiges Einkommen zu garantieren. "Wir möchten unseren Sportlern beste Rahmenbedingungen bieten und dafür sorgen, dass diejenigen, die dem Land einen guten Ruf verschafft haben, ein angemessenes Entgelt erhalten", so Marković. Zur Zeit wird ein ausführlicherer Gesetzesentwurf zum Sportwesen ausgearbeitet, der demnächst im Parlament diskutiert wird.

Genčić stimmt zu, dass die Annahme eines neuen Gesetzes zum Sportwesen von grundlegendem Interesse ist. "Es ist sehr schwer, in einem Verein zu arbeiten, in dem es fünf oder sechs begabte Spieler gibt, aber nur so viel Geld, um zwei von ihnen zu unterstützen", sagt sie. Die Bedingungen seien heute besser als damals, aber "wir haben in den letzten Jahren eine ganze Generation von zehn bis 15 Spielern verloren."

Einer von ihnen ist Alex Bogdanović, der drittbeste britische Tennisspieler bei den ATP-Turnieren der Männer, der als Achtjähriger aus Belgrad nach Großbritannien umgezogen ist und später die britische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Im Juni 2007 verzichtete er auf die Teilnahme im Davis Cup, als er gegen Serbien antreten sollte. Er sagte, es fiele ihm schwer, gegen sein Heimatland anzutreten.

Laut Genčić haben die wohlhabenderen Länder früher ihre Staatsbürgerschaft ausbaufähigen Talenten bewilligt, heute dagegen werben sie lieber etablierte Spieler ab, in die man nicht mehr investieren oder die man nicht trainieren muss. "Deswegen wurde Novak (Doković) letztes Jahr die britische Staatsangehörigkeit angeboten", erklärt sie.

Das Angebot an Doković wurde auch in Großbritannien mit gemischten Gefühlen aufgenommen, wo manche bereits die Bewilligung der Staatsbürgerschaft für den Kanadier Greg Rusedski als Fehler bezeichneten. Andere wiederum drängten den britischen Tennisverband dazu, alles in seiner Macht stehende zu tun, um Doković auf die Insel zu locken. Die US-Medien bliesen in das gleiche Horn. Die Zeitung "Sun Sentinel" aus Florida schrieb, die Briten sollten "alles Mögliche tun, um aus Đoković einen von ihnen zu machen": "Behandeln Sie ihn wie einen König: die Schlüssel für das Vereinigte Königreich, ein Spice Girl, einen Tag Skispringen mit Eddie The Eagle, einen Stapel Bücher mit dem Autogramm von J.K.Rowling. Was immer sich Doković wünschen mag."

So Long, Farewell, auf Wiedersehen, Goodbye

Folgt man dem Zagreber Analytiker Milan Jajčinović, so ist die Ausreise von Top-Athleten eine traumatische Erfahrung für ihre Heimatländer, die Nachfolgestaaten des früheren Jugoslawien, wo Sportler stets eine sehr bedeutende Rollen als Vertreter der Nation spielten.

"Sie sind unsere besten Botschafter", meint er. "Der Basketballspieler Dražen Petrović und der Tennisspieler Goran Ivanišević haben mehr für Kroatien getan als die ganze Diplomatie. Deswegen auch die öffentliche Entrüstung, wenn Spitzensportler aus Ländern, die eine schwere Zeit durchmachen, ihre Staatsangehörigkeit wechseln."

Von derartigem Aufruhr verängstigt, änderten einige ihre Pläne. Der kroatische Bestzeitenschwimmer Duje Draganja, der bei den Olympischen Spielen 2004 eine Goldmedaille gewonnen hat, nahm 2005 aus finanziellen Gründen zusätzlich die Staatsbürgerschaft von Katar an und blieb gleichzeitig kroatischer Staatsbürger.

"Katar hat Bedingungen geboten, von denen ein professioneller Schwimmer nur träumen kann", verteidigte Draganja im August 2005 seine Entscheidung in einem offenen Brief an die kroatischen Medien. Er hatte es sich bald darauf anders überlegt. "Man kann sein Glück nicht mit Geld kaufen", ließ er in einer jüngst veröffentlichten Presseerklärung verbreiten und gab bekannt, dass er das Abkommen mit Katar gekündigt habe.

Milan Jajčinović kommentiert den Vorgang, Draganja habe vielleicht "dem öffentlichen Aufschrei nachgegeben, der ihn des Betrugs an den nationalen Interessen Kroatiens bezichtigt und als Verräter gebrandmarkt habe."

Das einstige Tenniswunderkind Monika Seleš wurde vor zehn Jahren ebenfalls zum Opfer der öffentlichen Erregung. Im nordserbischen Novi Sad geboren, nahm sie 1994, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, die US-Staatsangehörigkeit an, womit sie in ihrer Heimat einen Ausbruch der Verachtung auslöste.

Seitdem hat Đoković ihren Schritt verteidigt. "Monika Seleš hatte keine andere Wahl, als Novi Sad zu verlassen und in die Vereinigten Staaten zu gehen. In ihrer Heimatstadt gab es überhaupt keine Möglichkeiten für ein professionelles Training", erinnerte er sich vergangenen Juni während der French Open. "Ihre Entscheidung machte die Leute fassungslos. Wir sollten jetzt eine Tennisakademie in Serbien bauen, um nicht ausländische Staatsbürger werden zu müssen."

Ein Grund für die starke öffentliche Empörung gegenüber Sportlern, die eine ausländische Staatsbürgerschaft annehmen, liegt darin, dass das Phänomen in der Region relativ neu ist. In anderen Ländern dagegen, so Rafael Poli von der Universität Neuchâtel in der Schweiz, wechselten Sportler ihre Staatsangehörigkeit bereits in den 1920er Jahren. Italien hatte beispielsweise noch in den 1930er Jahren Südamerikaner angeworben. Einige von ihnen waren dabei, als das Land 1934 und 1938 die Fußball-Weltmeisterschaft gewann.

Das Phänomen breitete nach dem Zweiten Weltkrieg aus, als Frankreich Fußballspieler und andere Sportler aus seinen ehemaligen Kolonien holte, um seine sportlichen Erfolge zu verbessern. In den Ländern des ehemaligen sozialistischen Lagers, und damit auch in Jugoslawien, verschwendete niemand einen Gedanken daran, aus finanziellen Gründen die Staatsbürgerschaft zu wechseln.

"Hätte man vor 30 Jahren die Sportler des ehemaligen Jugoslawien gefragt, ob sie ihre Staatsangehörigkeit wechseln würden, wären sie vollkommen erstaunt gewesen", so Bajraktarević. "Damals gingen die Spieler erst ins Ausland, wenn ihre Karrieren schon auf dem absteigenden Ast waren, wenn ihr Land sie nicht mehr länger brauchte."

Ein Trend, der vor nur wenigen Jahren den Balkan erreicht hat. Nach dem Zerfall Jugoslawiens hat insbesondere Serbien Dutzende von Spitzensportlern verloren.

Es gibt keine offiziellen Angaben über die Anzahl der serbischen Sportler, die zu ausländischen Staatsbürgern geworden sind. Die anlässlich dieses Berichts durchgeführte Untersuchung hat ergeben, dass seit den späten 1990er Jahren mindestens 30 ihre Staatsbürgerschaft gewechselt haben. Das Land verlor sogar Sportler an ehemalige kommunistische Nachbarn. Nataša Janjić beispielsweise gewann bei den Olympischen Spielen in Athen ihre Goldmedaille im Kanu-Einer für Ungarn, Nenad Puljezović, Nikola Eklemović und Bojana Radulović sind ungarischen Handballvereinen beigetreten, Zoran Janković spielt Fußball in der bulgarischen Nationalelf.

Im Basketball tritt Vladimir Bogojević für Deutschland an, zusammen mit Marko Pešić. Dušan Šakota, Sohn des ehemaligen serbischen Trainers, reihte sich in der griechischen Unter-21-Mannschaft ein.

Der Fußballspieler Danijel Bogdanović entschied sich für Malta, und noch weitere serbische Kicker haben die maltesische Staatsbürgerschaft beantragt. Handballer Arpad Šterbik spielt heute für Spanien. Besonders ironisch ist der Fall von Branimir Subašić, der für Aserbaidschan gegen Serbien aufgeboten wurde. Zahlreiche Sportler haben eine doppelte Staatsangehörigkeit.

Während reiche Golfstaaten wie Katar und Bahrain ausländischen Weltklasseathleten erhebliche Summen bieten, um zu bedeutenden Sportmächten zu werden, haben einige afrikanische Länder zu Verzweiflungsmaßnahmen gegriffen, um ihre Talente am Auswandern zu hindern. Im April 2005 gab Kenia bekannt, alle Sportler auszuweisen, die die Staatsbürgerschaft von Katar angenommen hatten und noch in ihrer Heimat wohnten.

Der Sport gehört zu den wesentlichen Instrumenten für den Aufbau und die Stärkung nationaler Identitäten, meint Rafael Poli, ein Konzept, das jedoch bei genauerer Betrachtung in sich zusammenfällt: "Die erstaunlichen Migrationsbewegungen unter den Sportlern haben zu einer Situation geführt, wo die Zusammensetzungen der Nationalmannschaften kaum noch traditionelle Länderimages widerspiegeln".

Um das zunehmende Durcheinander zu vereinfachen, hat der Weltfußballverband FIFA im März 2004 entschieden, dass Fußballspieler, die ihre Staatsangehörigkeit wechseln, erst nach einem zweijährigen Aufenthalt für ihr neues Land antreten dürfen. Die International Association of Athletics Federations (IAAF) hat 2005 eine vergleichbare Drei-Jahres-Regelung festgelegt.

Europäische Experten betonen, dass Reformen in diesem Bereich überfällig sind. Unter Verweis auf das aktuelle EU-Weißbuch zum Sportwesen meint Michal Kreiza, Leiter der EU-Sportabteilung: "Es gibt das zunehmende Bedürfnis, diesen Bereich in Ordnung zu bringen. Die Bewegungsfreiheit ist ein grundsätzliches Menschenrecht, das von der EU garantiert und unterstützt wird, aber was den Sport angeht, sind gewisse Einschränkungen nötig."

Die Washingtoner Migrationsexpertin Joanne van Selm ist der Auffassung, dass Sportler bei einem Wechsel der Staatsbürgerschaft zu große Privilegien genießen. "Ein normaler Einwanderer braucht zehn Jahre und mehr, um (die neue) Staatsbürgerschaft zu erwerben. Von diesen Antragstellern wird verlangt, tatsächlich auch in ihrem neuen Land zu leben", sagt sie. "Auf der anderen Seite kann ein Sportler, der nie in Belgien gelebt hat, sofort belgischer Staatsbürger werden; ein Einwanderer aus Marokko kann es nicht, obwohl er jahrelang in Belgien gearbeitet und Steuern bezahlt hat."

Marko Pešić gesteht ein, dass es ihm sein Status als Basketballspieler ermöglicht hat, nach nur zwei Monaten einen deutschen Pass zu bekommen. Normalerweise dauert die Prozedur mehrere Jahre. "Es gab ein gegenseitiges Interesse, und das war entscheidend", merkt er an.

Traumatisierung

Nach Meinung von Uroš Mladenović, Psychologieprofessor an der Universität Novi Sad, kann der Wechsel der Staatsangehörigkeit auch für die Sportler traumatische Erfahrungen nach sich ziehen.

Zwar hat Marko Pešić den deutschen Pass im Eilverfahren bekommen, jedoch hat er anschließende das Spielen für sein Geburtsland vermisst. "Ich habe es mir immer übel genommen, nicht die Leidenschaft eines Vlade Divac, eines Dejan Bodiroga, eines Predrag Danilović oder anderen serbischen Stars zu besitzen, die für ihr Land spielten", erinnert er sich.

"Ich habe nie das Bedürfnis verspürt, die Hand auf mein Herz zu legen, wenn die deutsche Nationalhymne gespielt wurde. Ich bin sehr dankbar für alles, was Deutschland für mich getan hat. Ich hatte eine gute Laufbahn und habe viel Geld verdient, aber ich bedaure es, nie für mein Geburtsland angetreten zu sein."

Manche Sportler werden dafür bestraft, wenn sie vergessen, wo ihre neuen Loyalitäten liegen. Die kroatische Schwimmerin Mirna Jukić, die 2000 österreichische Staatsbürgerin wurde, geriet mit dieser goldenen Regel in Konflikt, als sie während eines Tennismatchs zwischen ihrem Geburtsland und Österreich für Kroatien jubelte. Die lokalen Medien bemerkten bissig, dass ihr Herz offensichtlich "für das falsche Land schlägt". Einige Sponsoren drohten sogar damit, die mit ihr abgeschlossenen Verträge für nichtig zu erklären.

"Ich wollte doch mein Geburtsland unterstützen, aber ich war nicht gegen Österreich", entschuldigte sich die beschämte Jukić. "Diejenigen, die glauben, ich wäre nur wegen des Geldes nach Österreich gekommen, wie es das Fernsehen suggeriert hat, liegen vollkommen falsch."

Uroš Mladenović vertritt die Auffassung, dass die Wiederkehr des nationalen Vertrauens als Faktor in Betracht gezogen werden müsste. Seit der kürzlich erfolgten Aufteilung des Bundes zwischen Serbien und Montenegro haben die serbischen Sportler und Nationalmannschaften ihre Leistungen verbessert, weil sie sich endlich mit ihrem eigentlichen Land identifizieren könnten.

Die lockere Föderation, der letzte Überrest von einst sechs ex-jugoslawischen Republiken, konnte die nationale Leidenschaft nicht entflammen und wurde als provisorisches Staatsgebilde betrachtet, dass seine besten Tage bereits hinter sich hatte.

"Jedes Individuum, insbesondere ein Sportler, verspürt das Bedürfnis, Teil einer Gruppe zu sein", behauptet Mladenović. "Die Grundprämisse lautet: wenn mein Land eine gewisse Macht verkörpert, dann kann ich mich damit identifizieren und dadurch ist mein persönliches Bedürfnis nach Selbstachtung befriedigt. Aus diesem Grunde wechseln Sportler aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich oder anderen einflussreichen Ländern nur sehr selten ihre Staatsangehörigkeit." (Milorad Ivanović)

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    ... und Basketballer Marko Pešić (rechts).

  • Milorad Ivanović errang mit seinem Beitrag über Spitzensportler aus dem ehemaligen Jugoslawien Platz zwei des "Balkan Fellowship for Journalistic Excellence 2007", eines Förderwettbewerbs für Journalisten aus Südosteuropa, den die  Erste Stiftung gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung und dem Balkan Investigative Reporting Network (Birn), Belgrad, durchführt. Medienpartner sind derStandard.at, DER STANDARD und die Süddeutsche Zeitung. Der Wettbewerb soll die Berichterstattung vor allem jüngerer Journalisten über europäische Themen und damit auch die Information der südosteuropäischen Öffentlichkeit verbessern. derStandard.at und DER STANDARD bringen nacheinander Auszüge aus den Arbeiten der Preisträger des Jahres 2007. Ivanović ist stellvertretender Chefredakteur der serbischen Tageszeitung Blic.
    foto: balkan fellowship

    Milorad Ivanović errang mit seinem Beitrag über Spitzensportler aus dem ehemaligen Jugoslawien Platz zwei des "Balkan Fellowship for Journalistic Excellence 2007", eines Förderwettbewerbs für Journalisten aus Südosteuropa, den die Erste Stiftung gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung und dem Balkan Investigative Reporting Network (Birn), Belgrad, durchführt. Medienpartner sind derStandard.at, DER STANDARD und die Süddeutsche Zeitung. Der Wettbewerb soll die Berichterstattung vor allem jüngerer Journalisten über europäische Themen und damit auch die Information der südosteuropäischen Öffentlichkeit verbessern. derStandard.at und DER STANDARD bringen nacheinander Auszüge aus den Arbeiten der Preisträger des Jahres 2007. Ivanović ist stellvertretender Chefredakteur der serbischen Tageszeitung Blic.

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