"Wir qualmen, bis die Polizei kommt"

9. Jänner 2008, 19:11
2105 Postings

Immer mehr Länder verbannen Raucher aus Lokalen - In Deutschland und Frankreich treten ab
1. 1. 2008 strengere Gesetze zum Nichtraucher-Schutz in Kraft

Ewald kommt kaum dazu, sein Bier zu trinken. Gerade ist der Manni ins Lüneburger Café "via justicja" gekommen, und jetzt gilt es, Bretter und Schrauben zu begutachten. Glücklich sieht der Mittvierziger nicht aus, aber was sein muss, das muss eben sein. "In den nächsten Tagen fangen wir an. Die Stammgäste werden eigenhändig den kleinen Raum da hinten abtrennen und eine Türe einsetzen. Dann können dort die Raucher rein", erklärt Ewald.

Gemütlich sieht das Raucherkammerl in spe nicht aus. Eine Dekorpalme fristet neben Sesselstapeln ihr unbeachtetes Dasein. Kisten stehen herum. Und das Schlimmste: Es sind nicht die anderen, die künftig dort ihr Bier trinken werden. Es ist Ewald, der in das abgelegene Kabuff rein muss, wenn er rauchen und trinken will - während die Nichtraucher draußen an der Theke jene Atmosphäre genießen dürfen, die ein gutes Lokal ausmacht: Dezentes Licht, gute Musik, ein Plausch mit dem Barkeeper. "Fürchterlich", sagt Ewald, "einfach fürchterlich."

2000 "Einraum-Kneipen"

In Niedersachsen (sowie Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern) gilt seit 1. August bereits jenes Rauchverbot, das im restlichen Deutschland 2008 kommt: In Lokalen darf nur noch in baulich abgetrennten Extrazimmern geraucht werden. Beim Betreten der rund 2000 "Einraum-Kneipen" heißt es hingegen: "Zigarette aus!"

Die Frage, wie das bei den Gästen ankommt, wird im "via justicja" so erregt und atemlos beantwortet, als gälte es Marathonläufer auf den letzten Metern vor dem Ziel anzufeuern. Es diskutieren Ewald, Kellner Serdal (Gegner des Rauchverbots) und Katharina (Befürworterin der qualmfreien Zone in Lokalen):

Rauchen ist ein Menschenrecht."

"Nichtrauchen auch."

"Wer keinen Rauch mag, soll doch zu Hause in seiner eigenen Wohnung bleiben. Wenn ich Höhenangst habe, werde ich ja auch nicht Pilot."

"Ich lass mich doch nicht von Rauchern aussperren. Sperrt lieber die Raucher weg, dann können sie sich in Ruhe zu Tode qualmen."

"Nichtraucher sterben auch."

"Raucher noch viel früher."

"Lass sie. Ist doch deren Sache."

"Klar. Aber der Staat ist verpflichtet, die Gesundheit von Nichtrauchern ausreichend zu schützen."

"Der Staat schützt uns auch nicht ausreichend vor betrunkenen Autorasern. Die bringen auch Leute um."

An dieser Stelle folgt eine kleine Pause. "Gib mir noch eine Cola", sagt Katharina zu Serdal. "Gerne", antwortet er lächelnd. Beide wissen: So könnte es stundenlang weitergehen, auf einen gemeinsamen Nenner kommen sie nicht. Ewald kann ohnehin nichts mehr sagen. Er muss kurz vor die Türe, um sich eine Zigarette anzuzünden. Da steht er nun, raucht und blickt auf den beleuchteten Marktplatz: "Bin ja froh, dass wir noch keine Minusgrade haben."

Gegen diese hat sich der Coffee-Shop "Frappè" gerüstet. Vor dem Lokal stehen Tische mit Aschenbechern, über den Stühlen hängen kuschelige Decken. Sie bleiben unbenutzt. Wenn es im Dezember nieselt, will sich keiner mit seiner Zigarette niederlassen. Wie viele andere Wirte klagt Wirt Mario über Umsatzeinbußen, die an manchen Tagen bei 40 Prozent liegen. Ein Umbau ist in seinem Einraum-Laden unmöglich. Was will er also tun? "Erst mal abwarten und durchhalten."

Vielleicht tut sich ja bald etwas. Zwei Wirte aus Niedersachsen und Baden-Württemberg haben Verfassungsbeschwerde gegen das Rauchverbot angekündigt und werden vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) unterstützt. In Niedersachsen startet die Dehoga zudem eine Unterschrifteninitiative. 70.000 Signaturen sind nötig, damit sich der Landtag noch einmal mit dem Rauchverbot befasst. Kippen wird man es nicht, das weiß auch der Dehoga. Aber er will Ausnahmeregelungen für kleine Kneipen erreichen.

Keine "Raucherpolizei"

Dann hätte auch das "Jekyll & Hyde" ein Problem weniger. Im Lüneburger Szenelokal raucht nämlich nicht nur der offene Kamin. Auch die meisten Gäste ziehen ganz selbstverständlich an ihren Zigaretten. "Wir qualmen bis die Polizei kommt", erklärt Asmira grinsend den Widerstand nach dem Motto: Wo kein Kläger, da kein Richter. Klar, Rauchen sei jetzt verboten, "aber so lange sich keiner aufregt, machen wir weiter."

Denn eine "Raucherpolizei" gibt es in Lüneburg nicht. Bürgermeister Ulrich Mädge (SPD) setzt auf die Eigenverantwortung der Gaststättenbetreiber. Zehn "Sünder" wurden allerdings schon von Nichtrauchern angezeigt. Beim ersten Mal gibt es bloß eine Verwarnung, beim zweiten Mal kann es teuer werden: Das Gesetz sieht Strafen bis zu 5000 Euro vor.

Deshalb haben auch die Raucherrebellen vom "Jekyll & Hyde" schon Baumaterial besorgt, um irgendwann einen Extraraum einzurichten - abseits und mit nur wenigen Tischen. Aber anders als im "via justicja" kommen dort die Nichtraucher rein. "Wir Raucher", sagt Asmira, "bleiben am Tresen, wo es gemütlich ist." (Birgit Baumann aus Lüneburg/DER STANDARD – Printausgabe, 11.12.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Anders als in Niedersachsen sind rauchfreie Lokale in Köln noch eine freiwillige Angelegenheit. Dort kommt das Rauchverbot erst 2008.

Share if you care.