Die Sieben, der Glor­reiche und die Bestie

10. April 2008, 12:36
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Christian Stangl pflegt Berge nicht zu bestei­gen, sondern zu belauf­en. Die "Seven Summits" bezwang der Steirer in weniger als 60 Stunden

Wien - 40 Kilogramm wiegt die "Bestie", und sie hat sicher großen Anteil an Christian Stangls Leistungen. Unzählige Male band der Steirer den Traktorreifen für spezielle Trainingseinheiten an seinen Klettergurt, um ihn daheim im Gesäuse steile Berghänge hinaufzuziehen. Ohne "Bestie" hat der Admonter am vergangenen Freitag, während eines kurzen Schönwetterfensters, den letzten Gipfel seiner "Seven Summits Speed-Tour", den 4892 Meter hohen Mount Vinson in der Antarktis, in der fabulösen Rekordzeit von neun Stunden und zehn Minuten bestiegen. Der bisherige Rekord lag bei genau 19 Stunden, gehalten von slowenischen Bergsteigern.

Insgesamt 58 Stunden und 45 Minuten brauchte der "Skyrunner", wie er sich selbst nennt, für die sieben höchsten Kontinentalberge jeweils vom Basislager zum Gipfel. Addiert man die Zeiten, die im klassischen Expeditionsstil dafür gebraucht werden, kommt man auf gut 500 Stunden.

Enorme Höhentauglichkeit

Begonnen hat alles im Jahr 2001, als sich der gelernte Elektrotechniker eine Berufsauszeit verordnet hatte, die übrigens bis heute andauert, und am Himalaya-Riesen Cho Oyu eine neue Routenvariante an der Nordseite probierte. Stangl staunte über seine enorme Höhentauglichkeit, er hatte selbst auf 8000 Metern keine sonderlichen Probleme. Das erste Speed-Projekt verwirklichte er im Jahr darauf am Aconcagua. Er stürmte den höchsten Berg des amerikanischen Kontinents in nur vier Stunden und 25 Minuten.

"Neben der absoluten Höhentauglichkeit und dem richtigen Training braucht es aber auch Mut, um solche Leistungen zu verwirklichen", beschreibt der 41-Jährige sein Erfolgsrezept. "Denn wenn du im Aconcagua-Basecamp im Laufgewand neben den mit Daunenjacken und schweren Schuhen ausgerüsteten Bergsteigern stehst, benötigst du schon eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein. Wenn die Sache danebengeht, bist du die reinste Lachnummer."

In den folgenden Jahren perfektionierte Stangl sein Skyrunning an zahlreichen Sechstausendern in den Anden. So gelangen ihm 2005 zehn Gipfel in sieben Tagen oder 2006 drei Sechstausender in 16 Stunden.

Die Reaktionen der übrigen Bergsteigerwelt auf seine Rekordjagd waren gemischt bis kritisch. Es wurde ihm vorgeworfen, den Bergen nicht mit genügend Respekt zu begegnen. Dabei versucht Stangl mit dem Skyrunning ein ökologisches, sicheres und effizientes Bergsteigen zu etablieren. Er geht immer vom Basislager direkt auf den Gipfel und wieder zurück, ohne Fremdhilfe, ohne künstlichen Sauerstoff und ohne Zwischenlager, nur mit dem Notwendigsten im Rucksack. Dadurch hinterlässt er keinen Müll und kann auf wechselnde Wetterverhältnisse schnell reagieren.

Geist und Körper

Auf den höchsten Bergen, den 8000ern, wollte der Stil anfangs nicht so wirklich funktionieren. 2004, am Broad Peak im Karakorum, und am Dhaulagiri im Himalaya musste er umkehren. "Ich habe mich damals manchmal schon gefragt, ob ich das Maul nicht zu weit aufgerissen habe, aber am Körperlichen lag es nicht, es war eine mentale Verbesserung notwendig."

Nach dem gelungenen "Lauf" auf den Kilimandscharo (2004) - 45 Kilometer Distanz bzw. 4445 Höhenmeter in fünf Stunden und 36 Minuten - absolvierte er im April 2006 auf dem Elbrus im Kaukasus, dem höchsten Berg Europas, eine Rekord-Skibesteigung (fünf Stunden, 18 Minuten). Das war allerdings nur Training für das höchste Ziel. Im Mai darauf gelang Stangl Unglaubliches. Er bezwang den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest (8848 m), als Tagestour in 16 Stunden und 42 Minuten. Als er ins Basecamp zurückkam, glaubte ihm zunächst niemand. Erst GPS-Daten und digitale Gipfelfotos bestätigten den Erfolg.

Jetzt fehlten zu den großen Sieben nur noch drei, darunter die Carstensz Pyramide in Papua-Neuguinea, ein Berg, der auch den Kletterer Stangl forderte, da es Stellen im vierten und fünften Schwierigkeitsgrad zu überwinden galt. Der Skyrunner stand nach nur 49 Minuten auf dem mit 4884 Meter höchsten Gipfel Australiens und Ozeaniens. Der Mount McKinley in Alaska war dann im Juni 2007 in einer eisigen, 16 Stunden und 45 Minuten langen Unternehmung die Nummer sechs.

Nach Abschluss des Projekts in der Antarktis ist Stangl natürlich nicht planlos. Die erste Lhotse-Everest-Überschreitung wäre zum Beispiel äußerst reizvoll. Schließlich ist man dabei tagelang in extremer Höhe immer am Grat unterwegs und muss, zumal ohne Sauerstoffzugabe, sehr flott sein.

Die "Bestie", der treue Trainingsbegleiter, wartet schon. (Martin Grabner, DER STANDARD Printausgabe 10.12.2007)

  • Die "Bestie" pflegt Herrn Stangl im Training zu begleiten.
    foto: stangl

    Die "Bestie" pflegt Herrn Stangl im Training zu begleiten.

  • Seven Summits Speed-Tour
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    Seven Summits Speed-Tour

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