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Redaktion, 15. November 2007, 19:00
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    foto: thomas rottenberg
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    Jeweils montags und donnerstags eine Stadtgeschichte Thomas Rottenberg

Der Mann mit der Leica war hoch konzentriert: Das, was hier geschähe, meinte er, sei wirklich hoch spannend

Ich sah nur eine Straßenbahn in der Haltestelle.

***

Es war soeben. Da begann ich zu verstehen, wovon der Mann an der Straßenbahnwendestelle gesprochen hatte. Denn damals, Ende September, waren wir zwar höflich nebeneinander gestanden, hatten einander sogar Platz zum Knipsen gemacht – aber was der andere hier eigentlich suchte, wollte & tat, hatte wohl keiner von uns beiden Begriffen.

Es war an der Endstation der Straßenbahnlinie 52. Ich war am Weg zu einer Enthüllung: Der Kulturstadtrat sollte am Wohnhaus des großen Leon Askin eine Tafel einweihen. Das Wetter war scheußlich nasskalt. Und große Lust, die Kamera schon auf der Straße auszupacken, hatte ich nicht. Aber irgendwie hätte ich das Gefühl gehabt, etwas zu übersehen oder auszulassen, was eventuell wichtig sein könnte, wenn ich das Schild „Leon-Askin-Platz“ nicht mitgenommen hätte. Außerdem – Journalisten sind Herdentiere – hatte der Kollege, der in der Straßenbahn schon so nervös gewesen war, jetzt auch seine Kamera ausgepackt.

Alle drücken ab

Journalistische Amateurfotographie funktioniert so: Wenn einer knipst, drücken auch die anderen ab. Man kann ja nie wissen, was der Kollege da sieht. Und weil Speicherplatz nix kostet ... Der Mann neben mir murmelte außerdem ständig: „Eine Sensation. Das muss man dokumentieren. Das ist hoch interessant.“ Oder so ähnlich. In jedem Fall war er höchst konzentriert bei der Arbeit – und ich bewunderte ihn für seinen Enthusiasmus: Die Geschichte der Wiener Ehrenplätze ohne Adressnutzer ist zwar immer wieder nett, aber keine Sensation.

Dann sah ich die Kamera des Kollegen: Eine Leica. Analog. Wer heute noch so fotografiert, weiß was er tut. Und warum. In der Regel ist das etwas Sinnvolleres und Nachhaltigeres, als B-Promis, Lokal-Politiker und ähnliche Objekte abzulichten. Und weil wir Sinnlos-Knipser in Wien einander eigentlich kennen, fragte ich den „Neuen“ für wen er denn die Askin-Geschichte schösse.

Triebwagen

Der Leica-Mann sah mich an, als hätte ich ihn nach der Postleitzahl des Mondes gefragt: „Askin? Kenn ich nicht – aber schau dir mal den Triebwagen an. Das ist doch unglaublich, das gibt es eigentlich gar nicht.“ Und dann folgte eine Suada von technischen Termini, aus denen ich nur heraushören konnte, dass die Straßenbahngarnitur, die da in der Warteschleife stand, eigentlich gar nicht auf diese Strecke gehöre. Und dass das hochinteressant sei und irgendeiner Community mitgeteilt werden müsse.

Für mich stand da eine Straßenbahn. Kein Ulf – soweit kenn sogar ich mich aus. Aber das Referat des Leica-Mannes klang, als fände da eine Verschiebung der Elemente im Periodensystem statt, die die Frage nach der Gültigkeit der Schwerkraft neu aufwerfe. Dann verabschiedete sich der Leicamann: Er habe es eilig und müsse weiter. Weil er eigentlich am Weg ganz woanders hin gewesen sei, als dieser Zug an ihm vorbeigefahren sei – und um der Community zu beweisen, dass er nicht spinne, habe er eben bis zur Endstation mitfahren müssen. Dann verabschiedete er sich – und stapfte in den kalten Nieselregen.

Herzblutneid

Ich war beeindruckt. Und fast ein bisserl neidig. Weil ich Menschen, die sich in ein für mich völlig belangloses Thema derart vertiefen könne, oft um ihre Hingabe und Begeisterungsfähigkeit beneide. Und ihre akurate Detailverliebtheit gleichzeitig schätze und fürchte: Ohne solche Figuren mit ihrer Expertise und ihrem Sendungsbewusstsein wären Oberflächenjournalisten wie ich den offiziellen PR-Schaumschlägern oft chancenlos ausgeliefert. Aber wehe, wenn einer von ihnen sich in einen – für die Echtwelt doch im Grunde irrelevanten – Detailfehler verbeißt.

Egal: Fünf Minuten später enthüllte der Stadtrat eine Tafel – und der Leicamann war vergessen. Erst am nächsten Morgen stolperte ich beim Runterladen dann über die Leon-Askin-Wendeplatzbilder. Aber die Triebwagensache blieb ausgeblendet.

Stolz

Nach der letzten Stadtgeschichte („Sardinenfahrt“) wies ein Poster dann aber auf die „Fanpage der Wiener Linien“ hin. Ich blätterte ein bisschen drin herum. Und da war es wieder - dieses Gefühl von Bewunderung und Neid-aufs-Herzblut. Und als ich in der etwas kryptischen Rubrik „unendliche Geschichte“ dann ein Zitat aus einer alten uralten Stadtgeschichte („Hier fuhr einmal die Straßenbahn – auch wenn das heute keine Rolle mehr spielt.“) als Link auf eine Vergessene-Tramwaystrecken-Seite entdeckte, war ich fast ein bisserl stolz.

Die Bilder des Leica-Mannes konnte ich trotzdem nicht finden. Vermutlich habe ich einfach falsch gesucht. Weil ich gar nicht weiß, wonach genau ich Ausschau halten sollte. Aber ich glaube, das macht nichts. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 10. Dezember 2007)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 26
1 2
Pullover aus Milch
01
11.12.2007, 04:06

Ist eigentlich eine nette Geschichte.

postingname aenderung
02
10.12.2007, 14:56
bestens beschrieben!

ich darf zitieren:
„Herzblutneid

Ich war beeindruckt. Und fast ein bisserl neidig. Weil ich Menschen, die sich in ein für mich völlig belangloses Thema derart vertiefen könne, oft um ihre Hingabe und Begeisterungsfähigkeit beneide. Und ihre akurate Detailverliebtheit gleichzeitig schätze und fürchte ..."

ich fühle meine empfindungen beim lesen dieser kolumne herrvorragend dargestellt. jetzt kann ich es auch beruhigt für die nächsten zwei jahre wieder sein lassen, dann schau ich mal wieder rein und wünsche allen anderen lesern und postern bis dahin gute unterhaltung.

Chilly Gonzo
01
10.12.2007, 14:55

Hä?

xeder
01
13.12.2007, 07:19
grauenhaft

wenigstens eine ausgebildeten sprecher haetten sie nehmen koennen. "wenn diese ihn notwendicher brauchen"...... brrr

die Resi-Tant Evil
01
10.12.2007, 09:11
Abstract

Von der Nachhaltigkeit analoger Fotografie aus dem Blickwinkel eines ziel- und planlosen Digitalknipsers, und wie manche Leute sich intensiv für alte Strassenbahnen interessieren.

Oz 1980
00
10.12.2007, 11:16
In diesem Fall...

...ging es aber nicht um alte Straßenbahnen, sondern um eine Garnitur jüngeren Datums.

die Resi-Tant Evil
00
10.12.2007, 17:36

Ups, erwischt!

Hab ich doch glatt unterschwellig analoge Fotografie mit Affinität zu altem Krempel assoziert. Wie konnte das passieren? ;-)

Lappe ohne Rentier
15
10.12.2007, 10:55
Ausgezeichnet zusammengefasst!

Vielleicht sollte man erwähnen, dass R. offenbar in schwerer Sinnkrise steckt. So bezeichnet er sich als Sinnlos-Knipser und empfindet es sinnlos B-Promis, Lokal-Politiker und ähnliche Objekte abzulichten.

Wir fühlen mit ihm mit. Wir füllen Meister Propper.

Herzelichst
Ihr Lappe

Jo eh, aber...
03
10.12.2007, 11:35
Noch dazu...

... hat er sich selbst wortwörtlich als "Oberflächenjournalist" bezeichnet. Da muß man sich ja schon fast Sorgen machen um ihn...

Lappe ohne Rentier
12
10.12.2007, 15:05
Ja, ich bin auch besorgt

Hatte der ärmste auch im letzten FALTER keine gute Presse. Da wird es schon irgendwie eng. Wir müssen an der Kritik sparen...

Herzelichst
Ihr Lappe

Anyuser
 
00
10.12.2007, 16:04

Um Gottes Willen! Was haben die missgünstigen, vielleicht gar neidzerfressenen Ex-Blattkollegen denn gelästert? Details!

Lappe ohne Rentier
01
12.12.2007, 11:02
Nannten unseren R. "Meister Propper".

Ich glaube, das wird den wahren Meister Propper (Bernhard Propper von der 2CV-Werkstätte) gar nicht gefreut haben...

Herzelichst
Ihr Lappe

SimplyRed
00
10.12.2007, 08:00
"Es war soeben."

Ausnahmsweise war es nicht "erst gestern".

Anyuser
 
01
10.12.2007, 06:47
Jetzt ist schon wieder nichts passiert.

jumpingjack flash
03
10.12.2007, 15:17

wenn ihnen das nicht gefällt müssten sie den autor wechseln - haas wär zu empfehlen :-)

Brillantin brutal
02
10.12.2007, 07:50

Genau das hab ich mir auch gedacht. Da ist mein Leben mit Mo-Fr Büro und abends fernsehschauen ja echt noch aufregend dagegen.

nina hagen von tronje
12
10.12.2007, 12:39
mein resumee:

kahlköpfig geschrieben,
an den haaren herbeigezogen
bitte aufsatzbeginn fürs näxte mal:

"es war später, und es hätte auch am bruno pittermannplatz sein können als ich.... – B. hatte angerufen, zuvor. B. war... "

Lappe ohne Rentier
01
10.12.2007, 15:11
Glauben Sie, er kennt den Pittermannplatz?

Da könnten Sie genauso die Bruno Kreisky-Gasse erwähnen oder den Barankapark. Letzteren könntre R. kennen, weil er in diesem Bezirk aufgewachsen...

Herzelichst
Ihr Lappe

Hannes .
00
10.12.2007, 19:40
Und was ist mit dem

Thomas Klestil Platz?

Der Große von Gegenüber
32
10.12.2007, 07:21
naja

wieder man ne echt knorke Jeschichte, wa?
Det hätt ick mir och net jedenkt.
Der Rotte wird von Woche zu Woche bessa. Da haben wir wat von.

Oz 1980
00
10.12.2007, 00:03
"Hier fuhr einmal die Straßenbahn – auch wenn das heute keine Rolle mehr spielt."

Ich habe dieses Zitat aus besagter Stadtgeschichte geliehen, um in meiner Signatur auf der fpdwl auf die Seite über aufgelassene Straßenbahngleise hinzuweisen (Gleisarchäologie) - in der alten Stadtgeschichte ging es ja genau darum, ich glaube um alte 13er-Gleise.

Ratoncito78
02
9.12.2007, 19:55
... vielleicht auf

www.strassenbahnjournal.com ?

Ga Vi
00
9.12.2007, 23:49
ja,

das ist Liebe.

Oz 1980
00
9.12.2007, 23:46
Eher nicht...

...derartige Analogbilder finden nur in den seltensten Fällen den Weg ins Netz. Aber das Foto in diesem Bericht zeigt am rechten Bildrand ohnehin das - damals - außergewöhnliche Fahrzeug. Heute sind diese Fahrzeuge (Type E2+c5) immer wieder am 52er anzutreffen.

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