ÖBB fährt auf Hochrisikokurs

20. Jänner 2008, 17:21
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Mit hochspekulativen Finanzgeschäften wollte die finanzschwache ÖBB ihre Erträge optimieren. Nun fährt die Staatsbahn – vorerst buchhalterisch – Millionenverluste ein

Mit hochspekulativen Finanzgeschäften wollte die finanzschwache ÖBB ihre Erträge optimieren. Nun fährt die Staatsbahn – vorerst buchhalterisch – Millionenverluste ein. Die Nerven der Manager, als "Zocker" am Pranger, liegen blank. Schuldige werden gesucht.

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Wien – Für Finanzminister Wilhelm Molterer ist bei den ÖBB-Spekulationsgeschäften "etwas nicht optimal gelaufen". ÖBB-Aufsichtsratschef Horst Pöchhacker wundert sich, warum die Causa jetzt hochkocht (wurde der ÖBB-Holding-Aufsichtsrat doch schon am 18. September über die derivativen Finanzinstrumente informiert), und will den Rechnungshof und einen weiteren externen Prüfer einschalten, aber erst nach der Aufsichtsratssitzung am Dienstag.

Faktum ist: In der Staatsbahn liegen die Nerven blank. Das lässt sich nicht zuletzt an Briefen ablesen, die ÖBB-Holding-Finanzchef Erich Söllinger am Freitag eilig per E-Mail an Parlamentarier verschickt hat. In ihnen versichert er wortreich, dass "die ÖBB keine Spekulationen betreiben, da jedes Finanzgeschäft ein Grundgeschäft als Basis hat", etwa den Lokomotiven-Kauf.

Wie diese in der Bilanz als "derivative Finanzinstrumente" zusammengefassten Wertpapierdepots, Payment-Undertaking-Agreements, Cross-Currency- und Interest-Rate- Swaps im Detail aussehen, bleibt trotz Briefes im Nebel. Sie wurden laut Söllinger "im Zusammenhang mit Cross-Border-lease-Transaktionen abgeschlossen, um Leasingraten während und den Kaufpreis am Ende der Laufzeit zu bezahlen". Die Absicherung der daraus resultierenden Risken erfolgte mittels vier "Portfolio Credit Default Swaps" (PCDS), die 2005 mit der Deutschen Bank abgeschlossen wurden. Letztere trage bei der hochkomplizierten Transaktion die Risken aus dem Sale-and-lease-back, die ÖBB übernehme im Gegenzug die Risken aus den PCDS (über eine Collateralized Debt Obligation). Zur Erinnerung: Sale-and-lease-back war bis 2004 ein beliebtes Steuersparinstrument für Infrastrukturinvestitionen und wurde bei Bahn- wie Telefonnetz eingesetzt.

Gefährlicher Tausch

Das Tauschgeschäft, das den Ertrag der finanzschwachen Bahn "optimieren" sollte, entwickelte sich zu einem formidablen Flop: Allein heuer müssen in der ÖBB-Bilanz rund 60 Mio. Euro wertberichtigt bzw. rückgestellt werden, weil das aus 200 überwiegend Unternehmens- und Bankentiteln bestehende Wertpapier-Portfolio massiv an Wert verloren hat. 2006 waren es 21 Mio. Euro gewesen. Damit ist, wenn auch nur buchhalterisch, das Doppelte des Konzerngewinns 2006 weg – oder das Dreifache jener Prämie, mit der Söllinger das ÖBB-Finanzergebnis aufgefettet hat.

Angesichts derartiger Spekulationsverluste, die laut einem ÖBB-Sprecher am Laufzeitende, also 2013 bis 2015, auch negative Cash-Effekte mit sich bringen könnten ("Aber nicht 613 Millionen Euro."), hat auch die Suche nach Schuldigen Hochjunktur. Als solcher wird im Verkehrsministerium prompt Gilbert Trattner ins Spiel gebracht, seit 2005 Finanzvorstand der ÖBB-Infrastruktur Bau AG. Als Ex-FPÖ-Bundesgeschäftsführer, der unter der ÖVP-FPÖ/BZÖ-Koalition mit der HL-AG in die ÖBB-Bau AG fusioniert wurde, ist er nur gelitten. Ihn vor 2009 loszuwerden käme dem SPÖ-Verkehrsminister wohl zupass. Als Bauernopfer für die Swap-Geschäfte eignet sich Trattner freilich nur bedingt, denn laut ÖBB-Bilanz hat "die ÖBB-Holding die derivativen Finanzinstrumente im Auftrag der ÖBB-Infrastruktur Bau AG verwaltet". Die Holding ist auch für Risikostrategie und -management zuständig. (ung, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.12.2007)

  • Können nur hoffen, dass sich der Ertragseinbruch bis 2013 doch noch in eine "Ertragsoptimierung" verwandel: ÖBB-General Martin Huber und Finanzchef Erich Söllinger (re.).
    foto: standard/andy urban

    Können nur hoffen, dass sich der Ertragseinbruch bis 2013 doch noch in eine "Ertragsoptimierung" verwandel: ÖBB-General Martin Huber und Finanzchef Erich Söllinger (re.).

  • Auf eineinhalb Seiten informiert ÖBB-Holding-Finanzchef Erich Söllinger die Parlamentarier eilig über die "derivativen Finanzinstrumente", bleibt aber Details schuldig.
    faksimile: standard/beigelbeck

    Auf eineinhalb Seiten informiert ÖBB-Holding-Finanzchef Erich Söllinger die Parlamentarier eilig über die "derivativen Finanzinstrumente", bleibt aber Details schuldig.

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