Der Spatz auf dem Teller

29. April 2008, 17:00
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Harald Fidler verantwortet ein Massaker unter Kleinvögeln in Bergamo

Es war kein schöner Anblick. Uccelli mit Polenta hatte ich gewählt, von der Kellnerin etwas vage beschrieben als kleinere Vögel. Tauben vielleicht? Wachteln? Nein, das sind ja quaglie. Wenig später knabbert ein älteres Ehepaar sichtlich erfreut nebenan ein große Schüssel mit einem Berg offenbar im Ofen geschmorter, sehr kleiner Vögelchen im ganzen, vom Schnabel bis zur Kralle. Die stehen gleich darauf auch auf meinem Tisch. Passeri, erklärt der ältere Herr auf Anfrage. Spatzen, sagt der Langenscheidt.

 

Kein schöner Anblick, dieses Vogelmassaker. Möchte mir ja nicht vorstellen, wie die Tiere um die Ecke gebracht wurden - sie wurden jedenfalls ohne erkennbare Spuren erledigt. Aber jetzt, wo sie tot und gegart sind, haben sie auch nichts mehr davon, wenn ich die Hauptmahlzeit verweigere. Wäre auch ein Fehler gewesen: Bis auf die Brust ist zwar nicht allzuviel Verwertbares dran an den braungebrannten Spatzen, aber die ist schlichtweg köstlich. Herr Hlavicka, der bekanntlich noch mehr vom Tier und auch vom Veganen isst, als ich, hätte sich wahrscheinlich noch auf die Spur des Spatzenhirns gemacht, Augen waren ja keine mehr dran. Das lasse ich dann doch aus, komme aber um drei Rufzeichen von drei möglichen in der Schmecks-Wertung nicht herum.

Ebensoviele bekamen die Fettucine mit Funghi vor dem Vogelgang, zwei von drei die Casoncelli mit Fleischfülle, diesmal ohne Amaretto, aber mit brauner Butter und Parmesan.

Zu haben ist all das in der Trattoria del Teatro. Die legt uns nicht nur der klassische Ostariaführer von Slow Food ans Herz, sondern auch der "Gambero Rozzo", spezialisiert auf kleine, bodenständige italienische Küche. Sehr umfassend und empfehlenswert, leider ohne Übersichtskarten wie der Osteriaführer und halt bisher nur auf Italienisch zu haben. Wie unschwer zu erkennen, ist die "räudige Garnele" eine Anspielung auf die große rote, den Gambero Rosso.

Für Espresso und Brut zwischendurch empfehlen wir in Bergamo übrigens das Caffè del Tasso gleich beim Palazzo della Ragione; ist aber zur Urlaubssaison lagebedingt ziemlich sicher mit Touristen gut gefüllt.

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.
Warnhinweis: Dass ich die eine oder andere Speise fehlerhaft ab- und/oder aufgeschrieben habe, kann ich jetzt schon garantieren. Für Korrekturen und Anregungen stets dankbar. Warnhinweis 2: Versuchen Sie besser nicht, diese Italienische Reise in der Schmecks-Reihenfolge auf der Landkarte oder gar in der Realität nachzufahren - die Route entspricht nicht der Abfolge in dieser Kolumne :)

  • Einer von vielen, die für Fidlers Mittagsmahl in Bergamo dran glauben mussten.

Trattoria del Teatro
Piazza mascheroni 3
Bergamo
0039 035 238862
Mittags zu zweit mit Wein, Wasser, Kaffee 70 Euro.
    fid

    Einer von vielen, die für Fidlers Mittagsmahl in Bergamo dran glauben mussten.

    Trattoria del Teatro
    Piazza mascheroni 3
    Bergamo
    0039 035 238862
    Mittags zu zweit mit Wein, Wasser, Kaffee 70 Euro.

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