Maränenkonfekt "mit Schlabber"

26. Februar 2008, 17:00
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Herr Rossi sucht mir das Glück um Bergamo. Fidlers Fazit: Lieber Schnecken als Sterne, aber besser kein Amaretto in der Pasta - Dazu der neue Osteriaführer mit Wörterbuch

"Italien? Man isst in Deutschland besser", echauffierte sich die Turiner "La Stampa" bei der jüngsten Präsentation des Guide Michelin für Italien über nur fünf Dreisterner im ganzen Land. Mich hingegen beruhigt die Nachricht über die geringe Sternendichte in meiner Fressdestination Nummer eins.

 

Schmoll- statt Kussmund

Schon weiland in Umbrien beschlich mich das Gefühl, dass die Tester von Veronelli und ich keinen gemeinsamen Nenner finden. Wo die Kussmünder verteilten vor Begeisterung, ließ ich die Mundwinkel hängen. Erinnere mich da an ein Kloster mit gepriesener Haubenküche, in dem der Fleischgang praktisch kalt und die Begeisterung über den Rest des Menüs eher enden wollend war. Lieber Wirtshaus aus dem Osteriaführer.

Dummerweise bin ich mindestens so inkonsequent wie dilettantisch. Also wählte ich ganz gegen meine Natur die kleine Trattoria/Pizzeria im Ort ab, ließ aber die michelinbesternte Osteria il Volto im Programm, das mir ebenfalls Herr Rossi vorgeschlagen hatte, um mein kulinarisches Glück zu finden. Herr Rossi führt die Osteria la Villetta in Pallazolo Sull'Oglio unweit von Bergamo, ein ehemaliges Bahnhofsrestaurant, sein Bruder vermietet praktischerweise gleich im selben Haus ein paar ebenso erschwingliche wie gepflegte Zimmer.

Schleienhaut-Krokant

Wozu dann überhaupt in die Ferne schweifen,wenn Herrn Rossis viel gerühmte Fleischlaberl doch so nah? La Villetta hat Sonntag und Montag zu. Der besorgte Wirt faxte mir also fürsorglich seine Empfehlungen gegen's Verhungern (gerade in Italien meine größte Sorge).

Nun kann man nicht behaupten, die Osteria il Voglio im Ort Iseo wäre zum Davonrennen oder -schwimmen. Gazpacho mit Ricotta grüßt ganz nett aus der Küche, "Schleienhaut-Krokant" zur Schleienterrine mit Polentachips sogar hervorragend, wenn auch von etwas unnötiger Staubzuckergarnitur umgeben. Die gebratene Sardine anständig, feste und weiche Polenta, der Petersilienschaum dazu ziemlich geschmacksarm. Zwei Rufzeichen hingegen bekam die hausgemachte Pasta mit Fischsugo.

Maränenkonfekt

Die frittierten Fische als Hauptgang plus Sardine auf Zwiebelconfit kamen ganz gut an, nur das Konfekt von der Maräne mariniert beschreibt meine Begleitung als "irgendeine Grauslichkeit mit sehr fischigem Schlabber in orangefarbener Hülle". Ich glaube ja, dass ich dieses Fischkonfekterl ganz spannend gefunden hätte, aber da war es auch schon verputzt.

Unnötig ambitioniert mein Secondo: Manzo-Tempura, das ich Dilettant als Tafelspitzwürfel im Tempurateig beschreiben würde, eigentlich ziemlich öd, dazu Petersiliensauce und feste Polenta, teils mit Kakao bestreut. Da kann das Dessert nicht mehr weit sein.

Das mäßig originelle weiße Schokomousse mit dunkler Schokosauce beschließt das, zugegeben, recht günstige 45-Euro-Degustationsmenü (der Zwölfgänger ging uns diesmal zu weit) süß und deftig. Ich ende mit einem recht ansehnlichen Käseteller. Gar nicht übel, der Service unglaublich bemüht und freundlich, aber ich geh halt lieber in etwas weniger ambitionierte Wirtshäuser.

Süße Wurstpasta

Zum Beispiel in die durchaus zurecht beschneckte Conca verde in Trescore Balneario. Auf gegrillten Scamorza mit Waldpilzen und Polenta zum Beispiel, eigentlich schon sättigend genug, aber hervorragend mit zwei bis drei Rufzeichen. Die Torta di verdure mit Bergkäsesauce (die erste von noch vielen, vielen auf diesem Italientrip) sehr toll, zwei Rufzeichen gehen sich da schon aus.

Die Tagliatelle mit Eierschwammerl und Steinpilzen ein Traum, die Bergamasker Casoncelli hingegen ein für Zugereiste originelles Experiment: Wurstfülle mit Amaretto und Birne, mir ein bisschen zu süß, dazu Salbeibutter und ordentlich Käse.

Das Lamm al forno mit Rotweinzwiebeln und Polenta saftig, weich, aber kaum noch zu stemmen. Dazu Hauswein aus Merlot- und Cabernet-Trauben, durchaus trinkbar. Und wären wir beim Brut aus der Fanciacorta etwas bescheidener vorgegangen: Die Rechnung wäre auch noch ein Stückchen günstiger ausgefallen als die 93 Euro. 130 waren es übrigens im Il Volto, auch noch kein Beinbruch.

Und wie kocht Herr Rossi nun? Wir haben ja extra wegen seiner Ruhetage eine Nacht angehängt. Dazu demnächst an dieser Stelle, bleiben Sie dran.

Italienisch für Fidler

PS: Im Februar kam der neue Osteriaführer auf Deutsch heraus - endlich wieder mit Wörterbuch. Und erstmals auf Deutsch: Übernachtungstipps von Slowfood. Mehr darüber mit einem Klick hier.

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.
Warnhinweis: Dass ich die eine oder andere Speise fehlerhaft ab- und/oder aufgeschrieben habe, kann ich jetzt schon garantieren. Für Korrekturen und Anregungen stets dankbar.

  • Die Maräne, auch Schwebrenke oder Blaufelchen genannt.
Il Volto am Iseosee: Fein, aber nicht hinreißend, fand der Fidler

il volto
Via Mirolte 33
Iseo (bei Brescia)
0039 030 98 14 62

Zwei Menüs mit Wein, Wasser, Kaffee: 130 Euro

La Conca Verde
Via Benedetto Croce 31
Trescore Balneario (Bergamo)
0039 035 940 290

Einmal drei, einmal zwei Gänge, Wein, Wasser, Kaffee: 93 Euro
    foto: wikipedia

    Die Maräne, auch Schwebrenke oder Blaufelchen genannt.

    Il Volto am Iseosee: Fein, aber nicht hinreißend, fand der Fidler

    il volto
    Via Mirolte 33
    Iseo (bei Brescia)
    0039 030 98 14 62

    Zwei Menüs mit Wein, Wasser, Kaffee: 130 Euro

    La Conca Verde
    Via Benedetto Croce 31
    Trescore Balneario (Bergamo)
    0039 035 940 290
    Einmal drei, einmal zwei Gänge, Wein, Wasser, Kaffee: 93 Euro

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